Ein europaweit einmaliges Projekt

Baden-Baden (vn) – Architekt Jörg Sturm und sein Team haben das neue Nationalparkzentrum geplant. Im BT-Interview verrät er: „Ich freue mich, bei jedem Besuch eine neue Blickachse zu entdecken.“

Susanne Wartzeck und Jörg Sturm im Sommer 2019 auf der Baustelle: Ihr preisgekrönter Entwurf von 2015 ist jetzt Wirklichkeit geworden. Foto: Stefan Jehle/Archiv

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Susanne Wartzeck und Jörg Sturm im Sommer 2019 auf der Baustelle: Ihr preisgekrönter Entwurf von 2015 ist jetzt Wirklichkeit geworden. Foto: Stefan Jehle/Archiv

Das neue Besucherzentrum des Nationalparks ist auch für den Architekten ein außergewöhnliches Vorhaben gewesen: „Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Kind, das man viele Jahre begleitet hat und das jetzt selbstständig wird“, blickt Jörg Sturm vom Büro Sturm & Wartzeck zurück. BT-Redakteur Volker Neuwald hat mit ihm gesprochen.

BT: Herr Sturm, wann ist die Idee entstanden, die Architektur an Totholz beziehungsweise an übereinandergestapelten Baumstämmen auszurichten?

Jörg Sturm: Die Idee stand ganz am Anfang, als wir erste Bilder von der Topografie des Geländes gesehen und die Ziele des Nationalparks verstanden hatten. Wahrscheinlich gab es Erinnerungen an den Wald, das Forsthaus meines Großvaters und die Baumhäuser, die ich dort gebaut habe.

Ein Planungsprozess mit vielen Schlaufen.

BT: Wo lagen aus Ihrer Sicht die Knackpunkte der Planung? Können Sie ein prägnantes Beispiel nennen, wie diese Probleme gelöst wurden?

Sturm: Sowohl in Bezug auf die Geometrie und Konstruktion des Gebäudes als auch im Detail gab es immer wieder Punkte, die auf den ersten Blick nicht lösbar schienen. Eine Herausforderung für die Tragwerksplanung. Zum Glück hatten wir das Büro Schlaich Bergermann als Arge-Partner. Im Zusammenspiel mit der Gebäudehülle wurde es richtig knifflig. Die fertige Dimension der Knotenpunkte konnte erst in der Ausführungsplanung vollständig integriert werden. Auch kleine Änderungen der Geometrie mussten in Bezug auf Wärme- und Feuchteschutz bauphysikalisch neu geprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Wenige Zentimeter mehr Dämmung wirken sich aber unmittelbar auf die Neigung der Riegel der Dauerausstellung aus. Ein Planungsprozess mit vielen Schlaufen. In der Folge wurden zum Beispiel die inneren Wärmelasten der Ausstellung simuliert. Man fand heraus, dass zusätzliche Dämmung in diesem Gebäudeteil den Energieverbrauch nicht senkt, sondern steigert. Damit konnten die Riegel dann in ihrer geplanten Lage verbleiben.

BT: Ist das verwendete Holz „heimisch“, also aus dem Schwarzwald?

Sturm: Die vorwiegend verwendeten Bauelemente in Holz sind Schindeln, Brettsperrholz und Buchenfurnierträger. Die Möbel und Innenraumverkleidungen sind aus Weißtanne. Die Schindeln sind aus regionalem Einschlag. Das Brettsperrholz ist aus dem Schwarzwald und in Teilen aus den Vogesen. Die Buchenfurnierträger werden in Thüringen produziert und dort sinnvollerweise geschlagen und verarbeitet. Möbel und Innenraumverkleidungen sind aus Weißtanne. Aufgrund der vergaberechtlichen Vorgaben eines freien EU-Markts lässt sich die Herkunft sinnvoll nur über die Auswahl der Materialien steuern, so kommt zum Beispiel Weißtanne in der Region vor. Auch der Granit auf den Flachdächern wurde direkt aus den Steinbrüchen der Region geliefert. Zum Glück hatten wir vorwiegend Unternehmen aus der Region, die auch mit regionalen Baustoffen arbeiten.

Alle Details mit Präzision umgesetzt

BT: Schlagzeilen hat die Alaskazeder gemacht. Was hat es damit auf sich?

Sturm: Von den rund 5.000 Quadratmetern Schindeln wird ein kleiner Teil – die Schindeln am Turm – in Alaskazeder ausgeführt. Dieses Baumaterial ist erheblich haltbarer als heimische Nadelhölzer. Da die Verkleidung des Turms, im Gegensatz zu den anderen Gebäudeflächen, für Wartungsarbeiten nicht so einfach zugänglich ist, wurde entschieden, Zedernholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft einzusetzen.

BT: Das Wetter auf 915 Meter Höhe kann sehr unwirtlich sein. Sehen Sie das Besucherzentrum ausreichend gerüstet?

Sturm: Neben der Gebäudegeometrie hatten wir den größten Planungsaufwand mit dem konstruktiven Holzschutz. Vor allem an Turm und Skywalk sind alle tragenden Bauteile hinterlüftet und nicht direkt bewittert. Zusätzlich wurde hier unsichtbar eine zweite, wasserführende Ebene ausgebildet und alle schrägen und durchdringenden Bauteilen daran angeschlossen. Gestalterisch war es eine Herausforderung, das Tragwerk trotz dieser Maßnahmen als Fachwerkträger wirken zu lassen. Für eine solche Konstruktion sind alle Details speziell für das Projekt entwickelt, in Abstimmung mit Bauphysik, Prüfstatik und den Unternehmen. Im Ganzen ein großes Lob an die ausführenden Firmen, die alle Details mit Präzision umgesetzt haben.

BT: Die Berichterstattung über die Nationalpark-Baustelle war jahrelang eng verknüpft mit den ständig steigenden Kosten. Haben Sie sich darüber geärgert?

Sturm: Sicher schimpfen wir im Büro kurz über falsche oder unvollständige Berichterstattungen. Wir wissen aber auch, dass die Entwicklung und Umsetzung eines solch komplexen Prototyps mitten im Wald mit vielen Unwägbarkeiten verbunden ist. Wer sich mit der Problematik von Kosten auf Großbaustellen aus Sicht eines Architekten auseinandersetzen mag, dem empfehlen wir das Buch „Black Box BER“ von Meinhard von Gerkan.

Bedeutendes Gebäude für das Land

BT: Das Gebäude wurde des Öfteren als „Prestigeprojekt der Landesregierung“ bezeichnet. Was entgegnen Sie?

Sturm: Auch wir hoffen, dass mit dem Besucherzentrum ein bedeutendes Gebäude für das Land entsteht. Hier werden Geschichten in Bezug auf den Nationalpark erzählt. Das Gebäude kann Teil dieser Geschichten werden. Trotz seiner spektakulären Form soll es sich aber in Struktur und Farbgebung sensibel und unauffällig in die bestehende Waldstruktur einfügen. Diese zentrale Entwurfsidee lässt sich bereits erahnen, auch wenn die Außenanlagen erst im nächsten Jahr abgeschlossen sein werden.

BT: Wie viele Bäume mussten eigentlich gefällt werden? Wie ging man mit dem vorhandenen Baumbestand um?

Sturm: Die Lage der Baukörper wurde bereits im Wettbewerb so geplant, dass keine schützenswerten Bäume gefällt werden mussten. Als Grundlage diente bereits im Wettbewerb eine Karte, in der alle Bäume nach drei Kategorien in Bezug auf den Wert klassifiziert wurden. Unser Entwurf wurde vollständig auf dieser Grundlage umgesetzt. Während der Bauphase wurde zusätzlich versucht, in Abstimmung zwischen unserem Arge-Partner [f]-landschaftsarchitektur und der Nationalparkverwaltung auch nicht schützenswerte Bäume so weit wie möglich zu erhalten. Entgegen unseren Vermutungen ist es so gelungen, sehr nah am Gebäude und vor allem auch im Innenhof den Baumbestand zu erhalten. Das hat den kuriosen Nebeneffekt, dass der Blick aus dem Foyer komplett mit Bäumen geschlossen ist und das Panoramafenster aktuell nicht mehr den Turm zeigt. Da der Wald sich jetzt selbst überlassen bleibt, befindet er sich aber in ständiger Veränderung. Vielleicht erleben wir ja noch die Ausbildung einer Blickachse.

Wenige konstruktive Änderungen

BT: Vergleicht man den Entwurf mit dem fertigen Gebäude knapp fünf Jahre später, so scheint es während der Bauphase nur wenige konstruktive Änderungen gegeben zu haben. Ist das richtig?

Sturm: Über diesen Punkt sind wir sehr glücklich. Sicher gab es den einen oder anderen Kompromiss, im Ganzen sind wir unserem Ziel, „so hart wie möglich am Wind zu segeln“, aber sehr nahegekommen. Das war nur möglich, weil Bauherr und Planer in die gleiche Richtung wollten.

BT: Wenn Sie künftig mal wieder zu Gast im Nationalparkzentrum sein werden: Wo wird Ihre Lieblingsstelle sein?

Sturm: Ich freue mich, bei jedem Baustellenbesuch eine neue Blickachse zu entdecken. Aktuell bin ich begeistert von der Stelle im Wald unter den weit ausladenden und scheinbar schwebenden Riegeln der Dauerausstellung. Hier schaut man auf die gefalteten Schindelflächen der Decke in etwa fünf Metern Höhe.

Ihr Autor

Volker Neuwald

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Erstellt:
14. Oktober 2020, 13:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 25sec

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