Ein frischer Blick auf das Rastatter Dorfleben

Rastatt (kba) – Wie sehen junge Fremde die Rastatter Dörfer? Architekturstudenten des KIT waren mit der Kamera unterwegs. Start der BT-Serie „Dorf im Profil“.

Manche der Rastatter Dörfer sind noch immer wie Satelliten. Erst kommt eine Weile nichts, dann plötzlich sieht man den Kirchturm, zum Beispiel den von Wintersdorf. Foto: Sophie Klaß

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Manche der Rastatter Dörfer sind noch immer wie Satelliten. Erst kommt eine Weile nichts, dann plötzlich sieht man den Kirchturm, zum Beispiel den von Wintersdorf. Foto: Sophie Klaß

Masterstudierende der Fakultät für Architektur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben in einem fächerübergreifenden Seminar neue Perspektiven auf die Dörfer der Großen Kreisstadt Rastatt gesucht. Anstelle mit einer Ausstellung im Historischen Rathaus sollen die zwölf Fotoprojekte nun online auf einer eigens dafür erstellten Webseite der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das BT wird in loser Reihenfolge in den nächsten Ausgaben einige dieser Eindrücke nach Dörfern geordnet präsentieren.

„Genau hinzusehen, den Blick zu schärfen für das, was bereits da ist, war eines der Ziele unseres Fotoprojekts“, erklärt Prof. Markus Neppl, der an der KIT-Fakultät für Architektur das Fachgebiet Stadtquartiersplanung leitet, den Ansatz seines Masterseminars „Village Scan“. Die Studierende sollten dabei versuchen, die Rastatter Dörfer mit ihren eigenen Mitteln und mithilfe künstlerischer Fotografie zu erfassen.

Als Partner der Firma Astoc hat er bereits seit rund zehn Jahren die Entwicklung Rastatts begleitet. 2020 führte das Karlsruher Büro von Astoc nun eine Bestandsaufnahme der Dorfentwicklung durch, für das man Ortsbild, Bebauungsstruktur und Freiflächen ins Visier nahm. Die Maßnahme baute auf eine bereits im Vorjahr erarbeitete Rahmenkonzeption auf und war Grundlage für weitere Planungsprozesse, mit dem Ziel, für alle fünf zu Rastatt gehörenden Orte städtebauliche Rahmenpläne vorzulegen. Ebenfalls mit Kenntnis der Stadt, jedoch unabhängig davon, seien diese Fotoarbeiten im Rahmen der universitären Architektenausbildung entstanden. „Das Seminar war von uns bewusst ergebnisoffen gehalten“, erklärt Neppl. Die Studierenden, die alle bereits ein Architekturstudium im Bachelor abgeschlossen haben, auf das sie mit dem Master aufbauen, sollten hier eigene Wege finden, selbst Schlüsse ziehen und diese reflektiert betrachten. Neben Technik und Bildaufbau war der ständige Diskurs in der Gruppe und mit den drei Betreuern des Seminars ein wichtiger Baustein. „Am Ende hat die intensive Auseinandersetzung aller Studierenden mit jedem der Dörfer auch Strukturen sichtbar gemacht, die im Alltag eher unbeachtet geblieben wären“, streicht Neppl heraus.

Eigener Charme

„Lernen, zu schauen, was da ist und wie es sich in Bildern einfangen lässt“, umreißt Jeff Mirkes, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stadtquartiersplanung das Seminar mitbetreute, wie er die Aufgabe sieht. Dazu gehöre, zunächst das Medium zu begreifen. Für „Village Scan“ arbeitete das Fachgebiet mit der fakultätseigenen Fotowerkstatt zusammen. Ihr Leiter Bernd Seeland vermittelte Grundwissen, klärte technische Fragen und half den Studierenden, sich Grundlagen der Fotografie zu erarbeiten. Christoph Engel vom Fachgebiet Bildende Kunst unterstützte die künstlerische Weiterentwicklung und anschließende Dokumentation der Projekte des „Village Scans“ in gedruckter Form.

Wintersdorf, Ottersdorf, Plittersdorf, Rauental, Niederbühl und Förch, die Orte, um die es im Seminar ging, sind verwaltungsmäßig und im stadtplanerischen Sinn keine eigenständigen Dörfer, sondern seit der Gemeindereform in den 1970ern eingemeindet und eigentlich „Quartiere“, also Stadt- oder Wohnviertel. Mit ihrer teils über 1000-jährigen Geschichte und den natürlich gewachsenen Dorfstrukturen hat jeder dieser Ortsteile dennoch seinen ganz eigenen Charme und Charakter behalten, den die Studierenden ergründet und in ihren Fotoserien und Ausarbeitungen einzufangen versuchten.

Herausgekommen sind differenzierte Betrachtungen, die mal mit ihrem Detailreichtum nach großer Leinwand verlangen wie manche Dorfidylle, zum Beispiel von Patrick Schaaf, oder auch kleinteilig bleiben und in unzähligen Fotos, wie bei Paula Holtmann, die Flüchtigkeit scheinbar zufälliger Eindrücke widerspiegeln, wenn jedes Bild wie beim Flanieren sofort vom nächsten „überschrieben“ wird. Jeder der zwölf Bilderbögen umfasst alle sechs Dörfer, folgt einem individuellen Konzept, zeigt eigene Akzente – oder auch Widersprüche wie bei Yilmaz Kübra. In „Generationen“ zeigt sie, wie ein Mix von Gebäudestrukturen das Dorfbild manipulieren kann. Bei Jana Schmieder fallen die nicht immer schmückenden Stromkästen ins Auge; sie stören traditionelle Dörfer-Architektur und sind auch mal ziemlich im Weg. Da hilft dann auch kein Bemalen und kein Überstreichen mehr, wie „Dörfer unter Strom“ offenbart.

Ungebremster Wildwuchs

Gleichfalls amüsant ist Marie Kamps Kuriositäten-Kabinett, das Sonnenschirme für Blumen ebenso enthält wie Flamingos im Vorgarten. Wäre schade, man würde sie übersehen. Gleiches gilt für die postkartengleichen Eindrücke aus der Serie von Sophie Klaß, die, auf der Suche nach den prägenden Gebäuden, bei den Kirchen landete und mit pittoresker Beschaulichkeit Lust auf Landleben macht. Mit Dächern über Dächern illustriert Simon Bauer bei seinen „Village Layers“ den ungebremsten Wildwuchs an zusätzlicher Bebauung in Gärten und Höfen.

Gerade das Gegenteil suchte Alina Koger an den Dorfrändern bei ihrem Blick ins Grüne. Besonders ist auch die Natur, die mit viel Wasser und einer schützenswerten Flora und Fauna aufwartet. Allein fünf Naturschutzgebiete liegen ganz oder teilweise im Stadtgebiet. Hinzukommen Industrieausgleichsflächen, die ebenfalls nicht bebaut werden können. Rastatt aber wächst und braucht bezahlbaren Wohnraum. Die Verdichtung nach innen braucht Fingerspitzengefühl und hat ihre Grenzen.

Dem Dorf als Gemeinschaft widmete Nima Maghsoudis exemplarisch ihr Projekt zur Freiwilligen Feuerwehr unter der Leitung von Stadtkommandant René Hundert. Traditionell hatten viele Dörfer zentrale Feuerwachen, wurden sie zu klein und erneuert, rückten die Häuser der Abteilungen oft an den Ortsrand.

Die Feuerwehr im Dorf geriet aus dem Blick. Worauf besonders Architekten gerne schauen, zeigt Annkathrin Breitenbach mit Blick auf konkurrierende Texturen und Materialität. Laura Berndt fotografierte Häuser und fand „Zwischenräume“: private Schleichwege zwischen den Gebäuden, die allein schon aus Brandschutzgründen heute so nicht mehr erst gebaut würden. Private Sammlungen – wie aufgereihte Gasflaschen gestapelte Autoanhänger – ließen Kai Ballweg aufmerken. Wer das noch nicht gesehen hat, findet alle Fotos nun in einer virtuellen Ausstellung auf www.dorf-identitaet.de.


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