Ein siebter Sinn für gerechte Beurteilung

Baden-Baden (fvo) – Eine Sportreporter-Ikone wird heute 80 Jahre alt: Hans-Reinhard Scheu hat heiße Zeiten auf dem „Betze“ erlebt.

Auch als Aktiver in vielen Gassen des Sports unterwegs: Hans-Reinhard Scheu.  Foto: Helge Prang/GSE

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Auch als Aktiver in vielen Gassen des Sports unterwegs: Hans-Reinhard Scheu. Foto: Helge Prang/GSE

Für die zwei neuen Hüftgelenke kommt der Ball aus der Tiefe noch absolut präzise, und raumgreifend sind Zuspiele von Hans-Reinhard Scheu allemal, ob in filzkugelrunder oder in verbaler Form. Wer in seinem Alter noch dem Ball hinterherjagt, den muss irgendwas antreiben – entweder Ehrgeiz oder gute Fitness. Bei der ehemaligen Reporterikone des SWR, SWF und der ARD war beides der Fall. Sie wird heute 80 Lenze alt.

Raumgreifend, das waren auch Scheus Einspieler als Chefreporter. 1.30 war die Königsdisziplin, bei HRS ging es gefühlt selten unter fünf Minuten. Dafür war die Analyse gestochen scharf und wohlstrukturiert, ob bei Formel 1, Wintersport in Lahti oder vom „Betze“. Und das mit einer Unbestechlichkeit, dass ihm von FCK-Seite auch schon Schläge oder Stadionverbot angedroht wurden. „Einmal hat man mir gar die Reporterkabine zugehängt“, erzählt er schmunzelnd. Mit kritischen Anmerkungen etwa zu den Tretkünsten von Otto Rehhagel „macht man sich halt keine Freunde“.

Kein Vergleich jedenfalls zum harmonischen Dienstags-Kick in Baden-Baden, wo er schon mit Größen wie Gerd Delling oder Walter Johannsen die hohe Kunst des Flachpasses zelebrierte – drei gegen drei.

„Wäre ich schon gern geworden“

„Ich wollte immer die Sportarten können, über die ich berichte“, sagt Scheu. Der Respekt der Athleten war ihm sicher. Und so packt er selbst heute noch in der Ferienwohnung in Hinterzarten die Langlaufstöcke aus, schlägt bei Grün-Weiß Baden-Baden, wo er nach Rot-Weisser und Blau-Weißer Phase letztlich gelandet ist, seine Passierbälle und hat die Selbstanalyse gleich mit parat, wenn mal ein Ball im Netz landet. Fehler werden nicht gemacht, Fehler werden analysiert im HRS-System, mit der ureigenen Kombi aus selbstkritischer Unbeirrbarkeit. Dass seine Bio dann doch eine Fehlstelle aufweist, er nicht wie erhofft im SWR-Sportchefsessel landete („Wäre ich schon gern geworden“), gibt er unumwunden zu. Vielleicht auch, weil er eigentlich genug hinterlassen hat. Formate wie „Sport unter der Lupe“, die mehr dem gediegenen Hintergrund verpflichtet sind als dem journalistischen Schnellschuss, sind hauteng mit ihm verbunden. Wiewohl er auch den Blitz-Comment aus dem Ärmel schüttelt und das geschliffen-stotterfrei. Gute alte Formulierungsschule eben und so pointiert wie bei Vater Willi, Zahnarzt und Mainzer Karneval-Ikone als „Bajazz mit der Latern“.

Ehrgeizig und harmoniebedürftig

Hilfsbereit, zuvorkommend, manierensicher, so skizzieren ihn Wegbegleiter. Auch „Schaffer vor dem Herrn“ könnte auf der Visitenkarte des Wiesbadeners stehen, nebst einer sportlichen Einstellung, die mit ambitioniert noch untertrieben ist. „Ich bin schon ehrgeizig, gleichzeitig aber auch sehr harmoniebedürftig“, sagt Teamplayer Scheu. Und es hatte ja durchaus sympathische Züge, wenn der SWR-Mann mitunter verschwitzt ins Studio kam, nur um zuvor Sinzheims Reserve als (Spieler-)Trainer zum Erfolg zu führen. Auch ein Hochgeist braucht mal Erdung. Jener SVS, bei dem er nur deshalb landete, weil ihm 1971 beim SC Baden-Baden mal, vom Termin in Konstanz zurückhetzend, für läppische zehn Minuten Verspätung beim Treffpunkt die Ersatzbank winkte. „Ich bin gefahren wie ein Geisteskranker!“ Diese Maßnahme war ihm zuviel, tangierte wohl seinen ausgeprägtesten Sinn: den für gerechte, faire Beurteilung. Dabei war Scheu als Kicker „nicht so begnadet“, wie er selbst sagt, dafür ein echtes Laufwunder. Mit Jan-Ullrich-verdächtigem Ruhepuls von unter 40 hat er zweimal den legendären Wasa-Langlauf, 90 km auf dem Ski in acht Stunden, absolviert – als 4.500. (von 11.500), was seinen Ruf als Konditionswunder zementierte. Ausdauer bewies er auch beim SWF als Kämpfer für Sendezeiten, was ihm das Image des Unbequemen einbrachte. Prophet im eignen Medienhaus sozusagen.

„Ich wollte dem Sport an der Basis etwas zurückgeben“

Was bleibt? Die Erinnerung an 13 Olympische Spiele, sieben Fußball-WMs, 20 Jahre Nordische Ski-WM und bewegende Momente wie den Horrorunfall von Niki Lauda oder Maradonas Meisterwerk 1986 sowie etliche Auszeichnungen (von Fredy-Stober-Medaille über Herbert-Zimmermann-Preis bis „Silberne Kugel“ des NOK). Nicht verkehrt auch das Glück, mit einer Gattin gesegnet zu sein, die ihm den Rücken freihielt, wenn er wochenends mit „Schumi“ um die Welt tigerte. „Ich war ja 30 Jahre kein Silvester zu Hause. Die Familie kam oft zu kurz.“ Das Couchpotato-Rezept hat er eh nicht erfunden, war eher ein Hans-Reinhard in vielen Gassen. Dazu gehören seine Verdienste für den Sportjournalismus, 30 Jahre als Präsident des Regionalverbands Baden/Pfalz oder als „Vize“ beim großen VDS. Auch sein federführendes Engagement für „Toben macht schlau“, ein Projekt der Sportstiftung Kurt Henn, um Erstklässlern via Fitnesstest Bewegungsunlust auszutreiben, war der passende Übergang zur Pensionierung 2005. „Ich wollte dem Sport an der Basis etwas zurückgeben“, so Scheu. Dass die Initiative aktuell dahinplätschert, lässt ihn schon das Herz bluten. Weit mehr als jenes VWL-Diplom, das nie den Abschluss erlebte. Sein Berufswunsch stand nun mal früh fest, seit er sich das 54er-Finale mit Herrn Papa bei einem Elektriker reinzog.

„Da bekomm ich selbst am Fernseher Schwitzehändchen“

Als freier Mitarbeiter in Mainz begonnen, landete er schließlich 1971 fest in Baden-Baden, um sich unter Ziehvater Rudi Michel im Dreigestirn mit Volker Kottkamp und Walter Johannsen in bimedialer Redaktion auszutoben – für 2.316 Mark monatlich. 1972 in München und bei der WM 74 folgten erste Einsätze und auch die wohl schönste Rückmeldung – von blinden Zuhörern, sie hätten das erste Mal ein Fußballspiel „gesehen“. Sportlich waren auch die Zeiten, als man nach 90 Minuten Bundesligaradio noch ruckzuck Szenen für die Sportschau zusammenschusterte, fachmännisch natürlich, „heute undenkbar“.

Beiträge wie für den Deutschlandfunk liefert er heute zwar keine mehr ab, fiebert dafür eifrig mit Handball-Mädels in Steinbach mit oder dem SC Freiburg („Da bekomm ich selbst am Fernseher Schwitzehändchen“) und wünscht sich wohl die jungen Knochen seiner sechs Enkel. Während er früher Jungmoderatoren unfallfreie Rhetorik beibrachte, gibt er heute Flüchtlingen Sprachunterricht – sofern er nicht mit dem E-Bike durchs Gäu jagt, eine ruhige Boulekugel schiebt oder sich schwarz ärgert, wenn die Tomaten im Schrebergarten braunwerden. Mit einem Wort: „Ich bin ausgelastet.“ Sein Erbe am Mikro ist ohnehin geregelt, das hat längst Sohn Achim in Mainz angetreten. Einzig am badischen Slang könnte HRS noch feilen, den hat der Hesse bis heute nicht intus. Ist ihm wohl nicht raumgreifend genug. Doch wenn, kämen die Worte sicher wie aus der Hüfte.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
2. August 2021, 08:01 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 11sec

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