Oliver Hassencamp: Ein unerkannter Sohn Rastatts

Rastatt – Oliver Hassencamp, Autor der Jugendbuchreihe „Die Ritter von Burg Schreckenstein“, wäre am Montag 100 Jahre alt geworden. Neun Jahre seiner Jugend verbrachte er in Rastatt.

Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist: Oliver Hassencamp (in einer Aufnahme aus den 40er-Jahren), der von 1921 bis 1930 in Rastatt aufwuchs. Foto: pr

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Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist: Oliver Hassencamp (in einer Aufnahme aus den 40er-Jahren), der von 1921 bis 1930 in Rastatt aufwuchs. Foto: pr

Wer heute durch Rastatt schlendert und in der Bahnhofstraße 38 an der gläsernen Front eines 24-Stunden-Supermarkts sowie einer leer stehenden Apotheke vorbeikommt, wird vermutlich nicht wissen, dass an dieser Stelle einst das erste Wohnhaus eines Schriftstellers stand, dessen Jugendbücher seit den 60er-Jahren Generationen von Heranwachsenden in den Bann gezogen haben. Die Rede ist von Oliver Hassencamp (10. Mai 1921 bis 31. März 1988) und seiner 27 Bände umfassenden Reihe „Die Ritter von Burg Schreckenstein“.
Von einem „vergessenen“ Sohn Rastatts zu sprechen, träfe den Sachverhalt also nicht ganz, denn zumindest als Verfasser jener Geschichten über die auf eine mittelalterliche Burg ausgesiedelte Schule aus dem fiktiven Neustadt, sowie die aufwendig inszenierten Streiche ihrer Schüler ist er durchaus in Erinnerung geblieben.

Weitgehend in Vergessenheit geraten ist allerdings, dass er seine ersten neun Lebensjahre und damit einen Großteil seiner Kindheit in der Barockstadt verbracht hat. Bei dem vormaligen Haus in der Bahnhofstraße, das während des heftigen Fliegerangriffs am 7. Januar 1945 zerstört wurde, handelte es sich allerdings nicht um sein Geburtshaus, da Hassencamp im damaligen Bürgerspital entbunden wurde.

Möglicherweise gehörte er sogar zum ersten Jahrgang von Rastatter Kindern, die in der erst ein Jahr zuvor geplanten und in seinem Geburtsjahr eröffneten Entbindungsstation des Spitals zur Welt kamen. Das spätere Verblassen seiner Rastatter Fußspuren lässt sich anhand seiner weiteren Biografie nachvollziehen.

Umzug ins Schloss

Das Ehepaar Hassencamp-Fischer war bereits im Oktober 1920 von Waldshut nach Rastatt gezogen. Olivers Mutter Hermine stammte aus der reichen, deutsch-amerikanischen Industriellenfamilie Kübler (anglisiert: Kubler), die auch renommierte Kunsthistoriker hervorgebracht hat; diese amerikanische Abstammung trug Oliver wohl auch seinen wenig geläufigen zweiten Vornamen Clifford ein.

Mit dem Kublerschen Vermögen im Rücken konnte sich die philanthropisch gesinnte Dame in den Jahren der Inflation sozialem Engagement widmen und betrieb unter anderem eine Suppenküche.

Sein literarisch ambitionierter Vater Herbert war nach einem Jurastudium zunächst als Amtmann, ab 1925 als Regierungsrat beim Rastatter Amtsgericht beschäftigt und schrieb nebenbei unter dem Pseudonym „Philander“ Artikel für damals angesagte Illustrierte – darunter „Die Dame“, in deren Literaturbeilage etwa auch Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer oder Arthur Schnitzler (Erstveröffentlichung der Traumnovelle) publizierten.

Ob seine neue berufliche Position oder das Vermögen der mütterlichen Seite den Ausschlag gab, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, aber bereits im Jahre 1926 konnte die Familie ins Rastatter Schloss umziehen, dessen südöstlicher Flügel in der Herrenstraße 18 seit dem 19. Jahrhundert Dienstwohnungen für Offiziere und seit dem Ende der Monarchie auch für höhere zivile Staatsbeamte bereithielt.

Regierungsrat Dr. Hassencamp-Fischer muss in jener Zeit durchaus eine gewisse Reputation in Rastatt genossen haben, denn am 11. August 1927 hielt er in Vertretung von Landrat Alfred Tritscheler und Bürgermeister August Renner in den Murgauen zwischen Badener Brücke und Ankerbrücke die Festansprache zum Verfassungstag, dem Nationalfeiertag der Weimarer Republik.

Während sein Arbeitsplatz, das Amtsgericht, auch heute noch seinen Sitz im Nordwestflügel hat, beherbergt der einstige Wohntrakt im Südostflügel inzwischen das Wehrgeschichtliche Museum.

Im Gegensatz zu jenem Haus in der Bahnhofstraße ist dieses hochherrschaftliche Domizil Oliver Hassencamp offenbar deutlich im Gedächtnis geblieben, denn nach den Erinnerungen seiner Tochter erzählte er oft und gern von seiner idyllischen Kindheit im „Schlössle“.

Nachdem Vater Herbert bereits 1928 aus beruflichen Gründen eine Wohnung in Heidelberg bezogen hatte, neigte sich Olivers Zeit in Rastatt allmählich ihrem Ende zu; im März 1930 zog auch Mutter Hermine mit ihrem Sohn von der Murg an den Neckar, allerdings in eine andere Wohnung. Ein offenbar schon länger andauernder Entfremdungsprozess führte schließlich zur endgültigen Trennung seiner Eltern und Oliver bekam einen Platz im berühmten Internat Schule Schloss Salem.

Während seine Mutter 1935 nach Karlsruhe verzog, gelang es seinem Vater nach etlichen weiteren beruflichen Stationen in Wiesloch, Waldshut, Lahr und Karlsruhe schließlich 1936, eine Anstellung in Überlingen zu erhalten, wo er den sogenannten Badturm (eigentlich: Seeturm beim Badhotel) am Ufer des Bodensees bewohnte und somit während der verbleibenden Internatszeit seines Sohnes ganz in dessen Nähe sein konnte; beide Eltern blieben allein – Herbert starb 1953 in Herdwangen, Hermine überlebte ihn um 15 Jahre und starb schließlich im damaligen Seniorenstift Georgsruhe in Baden-Baden (wird fortgesetzt).


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