Ein zweites Leben für scheinbar Wertloses

Neuenbürg (fh) – Die Ausstellung „Echt Glanz Stücke“ im Schloss Neuenbürg widmet sich Alltagsdingen, Designobjekten und Kunst aus wieder verwendeten Materialien.

Die seltsame Wanne soll ein Boot darstellen. Jugendliche haben es aus dem Tank eines Bombers gebaut. Foto: Fiona Herdrich

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Die seltsame Wanne soll ein Boot darstellen. Jugendliche haben es aus dem Tank eines Bombers gebaut. Foto: Fiona Herdrich

Die graue, verbeulte Wanne erinnert an eine übergroße, ausgehöhlte (und schon etwas matschige) Zucchini oder auch ein viel zu kleines Raumschiff ohne Ausguck, das von unzähligen Weltraum-Abenteuern schon ganz schön mitgenommen aussieht. Tatsächlich soll die seltsame Wanne ein Fortbewegungsmittel darstellen – nämlich ein Boot.

Viel erlebt hat sie sicher auch schon, denn in ihrem ersten Leben war sie der Tank eines Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Jugendlich funktionierten sie später zum Kanu um. „Eigentlich ist der Tank ja etwas Abstoßendes, aber die Jugendlichen haben ihm für sich einen Wert gegeben“, findet Jaqueline Maltzahn-Redling, Museumsleiterin im Schloss Neuenbürg bei Pforzheim.

Mit alten Fahrradschläuchen, ausgedienten Instrumenten, Plastiktüten und sogar Kaffeesatz hat das Boot, das mal ein Tank war, eines gemeinsam: Kreative Menschen haben diesem scheinbaren Müll eine neue Funktion und somit ein zweites Leben gegeben. Solchen Upcycling-Ideen widmet das Schloss Neuenbürg derzeit die Ausstellung „Echt Glanz Stücke – Vom Wert des scheinbar Werlosen“.

„Umweltschutz treibt die Menschen um“


Die nach dem Krieg aus der Armut heraus geborene Notwendigkeit, Materialien und ausrangierte Gegenstände wieder zu verwenden, verbinden viele in der heutigen Wegwerfgesellschaft eher mit dem Diskurs um einen nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen. Upcycling steht für das Aufwerten von Wegwerfgegenständen. „Umweltschutz treibt die Menschen um“, beschreibt Maltzahn-Redling, warum das Thema auch ins Hier und Heute passt.

Doch zunächst wird der Schlossbesucher in eine Zeit zurückversetzt, in der Stoff ein so kostbares Gut war, dass selbst Unterhosen mehrfach geflickt wurden, und in der aus Gasmasken Schaumlöffel und aus Wehrmachtshelmen Jaucheschöpfer gemacht wurden. Letzteres bringt Maltzahn-Redling zum Schmunzeln. Die Originale will sie bewusst nicht zeigen, wie sie betont.

Puppenstube mit Badewanne. Der Ofen ist eine Kartusche aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Fiona Herdrich

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Puppenstube mit Badewanne. Der Ofen ist eine Kartusche aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Fiona Herdrich

Stattdessen hebt sie eine Puppenstube besonders hervor, die ein Badezimmer darstellt. Der Ofen neben der winzigen Wanne ist eine alte Kartusche. Dem steht Blechspielzeug aus verschiedenen Entwicklungsländern gegenüber. Kinder haben aus mit bunter Werbung bedruckten Verpackungen Mini-Flugzeuge und -Kriegsfahrzeuge gebastelt. Das Thema Krieg steckt also auch in diesen Exponaten. „Das ist nun mal das, was diese Kinder kennen“, sagt Maltzahn-Redling und fügt hinzu: „Auch wenn diese Dinge alle nicht unbedingt glänzen, so bringen sie doch vielleicht die Kinderaugen zum Strahlen.“

Bunte Blechautos und -flugzeuge werden von Kindern in Entwicklungsländern aus Verpackungen gebastelt. Foto: Fiona Herdrich

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Bunte Blechautos und -flugzeuge werden von Kindern in Entwicklungsländern aus Verpackungen gebastelt. Foto: Fiona Herdrich

Grafik- und Kommunikationsdesigner Michael Kowalik, der für die Gestaltung der Ausstellung zuständig ist, ergänzt: „Als Designobjekt werden ähnliche Gegenstände hierzulande teuer verkauft.“ Das gilt auch für viele Gummiobjekte wie Taschen und Sandalen aus dem Sudan oder Syrien, die aus alten Reifen gefertigt sind. Eher didaktischen Wert hat eine Tafel mit geschlungenen Fahrradschläuchen, die auf den ersten Blick wirkt wie Kunst. „Das ist ein Model des menschlichen Verdauungssystems. Der Leihgeber war als Pädagoge in Entwicklungsländern unterwegs“, erklärt Maltzahn-Reding das Unterrichtsmaterial der Marke Eigenbau.

Reifenprofil formt Schuppenpanzer

Ebenfalls aus Fahrradschläuchen besteht ein schwarzer Rucksack in Form eines Krokodils. Das Profil formt den Schuppenpanzer des Raubtiers, und der Begriff Krokohandtasche bekommt plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Hergestellt hat den Rucksack eine Frau aus der Umgebung von Neuenbürg.

Tüftler aus der Region waren im Vorfeld der Ausstellung dazu aufgerufen, verschiedenste Upcycling-Objekte einzusenden. So sind nicht nur historische Exponate zusammengekommen, sondern auch viele aktuelle Projekte von der Corona-Bastelarbeit bis zum Kunsthandwerksobjekt.

„Le Korkbusier“? In dem Sessel aus Weinkorken dürfen Besucher Platz nehmen. Foto: Fiona Herdrich

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„Le Korkbusier“? In dem Sessel aus Weinkorken dürfen Besucher Platz nehmen. Foto: Fiona Herdrich

Wohlfühlen darf sich der Besucher in einem gemütlichen „Wohnzimmer“. Die zwei Sessel aus Weinkorken laden dazu ein, Platz zu nehmen und die Füße auf dem Teppich aus Jeansstreifen auszustrecken. Letzteren hat Studentin Mariella Sofia Holzmüller gewebt, die sich ehrenamtlich im Schloss engagiert und kreative Handarbeiten zur Ausstellung beigesteuert hat. Von ihr sind auch gehäkelte Einkaufstaschen aus alten Plastiktüten. 30 Stück, in Streifen geschnitten, braucht sie für eine Tasche, die zwar keine andere Funktion erfüllt als die ursprüngliche Tüte, aber mehrfach verwendet werden kann.

Auf dem „Stadtmüllberg“ darf das Publikum aus Kartons und Dosen eine Schattenstadt bauen. Ein Scheinwerfer wirft dann den Umriss einer Skyline an die Wand. „Spielerisch soll hier ein Bewusstsein für Abfall geschaffen werden“, sagt die Museumsdirektorin.

Der dunkle, kleine Raum wird außerdem von einer Gitarrenlampe beleuchtet, für die ein Kabarettist sein ausrangiertes Instrument umfunktioniert hat. Im „Wohnzimmer“ bei den Korksesseln stehen weitere musikalische Leuchten der Serie, darunter eine Tuba-Stehlampe. Aber auch ein Wählscheibentelefon mit scheinbar schwebendem Hörer hat der Künstler zum Leuchten gebracht.

Wohlfühlen kann man sich im „Wohnzimmer“ voller Upcycling-Ideen. Foto: Fiona Herdrich

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Wohlfühlen kann man sich im „Wohnzimmer“ voller Upcycling-Ideen. Foto: Fiona Herdrich

Auf dem Coachtisch (eine Holzplatte, die auf dem Gestell eines alten Kinderwagens ruht) liegen elegante Handtäschchen in Gold und Silber. Es sieht aus, als sei die Hausherrin gerade erst heimgekommen. Und niemand würde vermuten, dass die glänzende Clutch aus den Vakuumverpackungen von Kaffeepulver besteht. Silbern schimmert auch die Kunst an den Wänden, wo sich plattgedrückte Aluschälchen von Teelichtern zu einem Mandala zusammenfügen. Es gibt kaum ein Objekt in der Ausstellung, das nicht überrascht.

Die Schalen waren mal Schallplatten. Jetzt bilden Sie den Bollenhut des Schwarzwaldmädels. Foto: Fiona Herdrich

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Die Schalen waren mal Schallplatten. Jetzt bilden Sie den Bollenhut des Schwarzwaldmädels. Foto: Fiona Herdrich

Auf der anderen Seite des Raums prangt ein Schwarzwaldmädel an der Wand. Der Bollenhut besteht aus Vinyl-Schallplatten, denen die Firma Wandelwerk aus Stuttgart ein zweites Leben als Schalen gegeben hat. Davor sticht vor allem ein massiver „Korb“ ins Auge, der sich aus zahlreichen Schnapsfläschchen zusammensetzt. Wer lieber Kaffee trinkt, kann sich vielleicht eher für braune Tassen, Untertassen und Becher begeistern, die ein Start-up aus Kaffeesatz presst. Neben diesem nachhaltigen Lifestyle-Statement zeigt Maltzahn-Redling Porzellankannen aus Afghanistan, die nur noch von Metallbändern zusammengehalten werden und trotzdem – oder vielleicht auch erst dadurch – beeindrucken. „Alles glänzt, wenn man es wiederverwertet – also philosophisch gesprochen“, kommentiert die Direktorin.

Upcycling ist Teil der Präsentation

Sie und Michael Kowalik haben sich auch bei der Präsentation ihrer Exponate Gedanken über Recycling gemacht. Vieles wird auf Kartons gezeigt. Eine alte Vitrine haben sie zu einem ganz besonderen Aquarium mit größtenteils abgeklebten Scheiben umgebaut. Durch Gucklöcher taucht man in eine glitzernde Tierwelt ein. Ein Kunsthandwerker setzt diese Fauna aus Glasscherben zusammen. Gleichzeitig beinhaltet die Vitrine ein Suchspiel. „Was gehört hier nicht rein?“ lautet die Frage.

Studentin Sonja Keppler nennt ihre Kreation „Widerstandshelm“. Foto: Fiona Herdrich

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Studentin Sonja Keppler nennt ihre Kreation „Widerstandshelm“. Foto: Fiona Herdrich


Für den letzten Raum unter dem Titel „Echt Schmuck Stücke“ kooperiert das Schloss Neuenbürg erstmals mit der Hochschule für Design in Pforzheim. Neben anderen Objekten sind mehrere Arbeiten von Studenten zu sehen, darunter von Sonja Keppler, die zwei Helme mitgebracht hat. Das Thema der Semesteraufgabe sei „Elektroschrott“ gewesen, sagt Keppler. Die Studentin ließ sich von der Kultur afrikanischer Ureinwohner inspirieren und benutzte Kabel, Kondensatoren und Widerstände, die sie wie Perlen auf einer Konstruktion aus Draht und Pappmaschee aufreihte. „Widerstandshelm“ nennt Keppler darum ihre Kreation.

Passend zu diesem Kriegerthema hängt in dem Raum unter vielen anderen Theaterkostümen eine Art Rüstung aus Wasserrohren an einem Gerüst. Außerdem fällt ein schwer aussehendes Kunstobjekt, das in einer Ecke hängt und zu schweben scheint, ins Auge. Die Künstlerin Valentina Michaelis hat dafür Altkleider und Eisenstaub verwendet.

Kurz vor dem Ende des Rundgangs darf der Besucher selbst noch mal kreativ werden und Elektroschrott an einem Gitter aufhängen. „Es ist nicht wichtig, ob es Kunst wird oder nicht“, sagt Maltzahn-Redling. Die Leute sollen sich mit dem Material auseinandersetzen, bevor sie das Schloss verlassen vorbei an „Säulendiagrammen“ mit Zahlen und Fakten zum Thema Müll, die von der vorherigen Ausstellung umfunktioniert wurden.


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