„Ein zweites Mal überleben wir das nicht“

Murgtal (tom/ham) – Kleinere Läden bis 800 Quadratmeter dürfen seit Montag öffnen. Die meisten Einzelhändler nutzten die Erlaubnis. Eine Übersicht zeigt, welche Läden in den Murgtal-Gemeinden wieder für ihre Kunden da sind.

Sabiha Köylüce freut sich, dass sie ihr „Blumen Atelier“ wieder öffnen darf. Foto: Metz

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Sabiha Köylüce freut sich, dass sie ihr „Blumen Atelier“ wieder öffnen darf. Foto: Metz

Die Geschäfte und Eisdielen, die gestern im Murgtal wieder öffnen durften, atmen auf. Alle hoffen, dass die schlimmste Phase der Corona-Krise überstanden ist, auch wenn sich in den meisten Läden zunächst nur wenige Kunden verlieren. Der Gernsbacher Sporthändler Ernst Fischer bringt die Stimmung nach den Wochen ohne Einnahmen für viele Inhaber auf den Punkt: „Ein zweites Mal überleben wir das nicht!“

Es steht alles bereit im Modehaus Z. Müller – doch auf Kunden wartet Dominik Müller an diesem Montag vergebens. Denn das Traditionshaus in der Gaggenauer Fußgängerzone darf nicht öffnen. Mit 1 200 Quadratmetern Verkaufsfläche liegt es deutlich über den 800 Quadratmetern, die erlaubt sind. Eine Regelung, die der geschäftsführende Gesellschafter nicht versteht: „Bei uns kann man mit dem nötigen Sicherheitsabstand einkaufen“, verweist er auf vier Halbetagen, breite Laufwege, drei separate Lüftungskanäle, 13 Umkleideinseln mit jeweils separatem Zugang und drei Desinfektionsstationen.

Absolute Gerechtigkeit werde man nur schwerlich erreichen, gibt er zu bedenken, die Politik mache im Moment ihre Sache ja gut. Gleichwohl treffe es den Einzelhandel „ähnlich hart wie Gastronomie, Hotels und viele andere. Alle bangen um ihre Zukunft“. Doch müsste man bei Z. Müller wegen der Geschäftsgröße und Aufteilung kein höheres Ansteckungsrisiko fürchten. An einem guten Tag habe man zehn zahlende Kunden pro Stunde: „Also selbst bei zwölf Kunden gleichzeitig hätte bei uns jeder 100 Quadratmeter für sich.“

In der Filiale von Street One auf der anderen Straßenseite, die ebenfalls von Müller betrieben wird, dürften laut Verordnung fünf Kunden gleichzeitig rein – bei 100 Quadratmetern Fläche. Man gewähre aber lediglich maximal zwei Kunden gleichzeitig Eintritt. Immerhin: Die Vorbestellungen ließen erkennen, dass nun mit der wärmeren Jahreszeit T-Shirts, Sommerhosen und -kleider nachgefragt werden. 35 Mitarbeiter hat Dominik Müller auf der Gehaltsliste. Derzeit arbeiten nur er, eine Mitarbeiterin im Street One, eine Bürokraft und eine Schneiderin: „Die fertigt zurzeit das begehrteste Produkt: Masken.“

In der Jeans Box hingegen ist man zufrieden mit „Tag 1“ in Gaggenau: „Guter Auftakt, aber keine Hektik“, freut sich Melitta Strack. Schließlich sei man mit Abstandsregelung, Desinfektion, Einmalhandschuhen oder Mundschutzmasken „super vorbereitet“.

Gleich Chance zum „Großeinkauf“ genutzt

In Gernsbach verlieren sich auf dem Salmenplatz und in der Altstadt wenige Sonnenhungrige. Nur ein Pulk mit Müttern und Kindern ignoriert die Abstandsregeln. In die geöffneten Läden drängen kaum Menschen. „Die Kundschaft sagte mir am Sonntag noch: ,Toll, dass ihr wieder aufmacht‘ – aber bisher habe ich keinen davon gesehen“, stellt Claus Olinger in seinem Modegeschäft fest. Immerhin tummeln sich gegenüber bei „Favors!“, das der Unternehmer ebenso wie ein Geschäft in der Baden-Badener Cité betreibt, drei Damen. „Schön, dass die Läden wieder offen sind“, freut sich Monika Peter. Die Gernsbacher Altenpflegerin nutzte gestern deshalb die Gelegenheit zum „Großeinkauf. Ich bin auch noch gleich nach Gaggenau gefahren“, berichtet sie.

Frühjahrsgeschäft verpasst

Dass die Corona-Krise damit überstanden ist, sehen die Gernsbacher Händler vorerst nicht. Olinger findet: „Das Schlimmste ist, dass wir noch die gesamte Frühjahrsmode im Laden haben.“ Ähnlich bewertet Fischer die Situation: „Die restliche Skisaison fiel erst ins Wasser, danach das Ostergeschäft“, hofft man bei Sport-Fischer nun wenigstens auf den 1. Mai. Allerdings werde man bis dahin auch die „fehlenden Vereinsaktivitäten merken“. Der alteingesessene „Sport-Fischer“ würde ein erneutes Runterfahren der Läden „nicht noch einmal schaffen“, betont Ernst Fischer angesichts seiner „strapazierten Nerven“.

Sabiha Köylüce zeigt Verständnis, dass sich kaum Kunden in „Nejla’s Blumen Atelier“ wagen. „Manche Kunden haben Angst oder schlicht kein Geld wegen Kurzarbeit“, weiß sie. Mehr stört sich die 38-Jährige an der Ungleichbehandlung: „Baumärkte, Discounter und Lebensmittelläden durften Blumen verkaufen, wir nicht. Das fand ich gemein. Wir kleinen Händler zahlen hohe Mieten.“ Nachdem Köylüce die erste Woche nach dem 18. März zu Hause genoss, freut sie sich jetzt darüber, wenn „Kundschaft reinkommt und sagt, wie sehr sie den Blumenladen vermisst haben“.

Das „Eiscafé Fran Rosa“ in der Gernsbacher Altstadt feierte gestern einjähriges Bestehen. Francesco und Rosamaria Pollari hatten insofern doppelten Grund zum Feiern. Eis gibt es jedoch weiterhin nur zum Mitnehmen und ohne Waffel. „Ein paar Tische aufzustellen“ wäre hilfreich, zumal genügend Platz für großen Abstand bestünde vor der Gelateria. Pollari ist aber froh, „jetzt ein paar Freunde zu sehen und nicht nur am Telefon zu sprechen“.

„Landesgartenschau“ daheim

In Loffenau öffnete der Weltladen „S’Lädle“ gestern wieder. Der gemeinnützige Secondhandladen „S’Klemmerle“ will am Samstag nachziehen. In Weisenbach bietet Karin Balser „Geschenke & Accessoires“ an. Bei „Blumen Elke“ kann ebenso wieder eingekauft werden wie im kleinen Schreibwarenladen der Familie Wunsch. In Forbach ist laut der Gemeinde die „Papierbox“ für Kunden zugänglich. Weitere Öffnungen würden erst mit den Friseurbetrieben ab 4. Mai folgen, teilt das Rathaus in Forbach mit.

Alle Händler hoffen, nicht bald umsatteln zu müssen. Modehändler Olinger hätte zumindest eine Idee: „Bei mir im Garten daheim können wir jetzt eine Landesgartenschau machen“, scherzt der Gernsbacher FBVG-Gemeinderat nach der Zwangspause.


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