Eine Ärztin aus Bühl kämpft in England gegen Corona

Bühl (fk) – Die Bühlerin Julia Lindert arbeitet als Ärztin in England – sie spricht über ihre Erfahrungen, die Impfkampagne und den Freedom Day.

Julia Lindert vor ihrem Arbeitsplatz in Brighton: Aktuell liegen dort deutlich weniger Covid-Patienten als noch vor einem Jahr – vor allem dank der Impfkampagne, wie Lindert sagt. Foto: privat

Julia Lindert vor ihrem Arbeitsplatz in Brighton: Aktuell liegen dort deutlich weniger Covid-Patienten als noch vor einem Jahr – vor allem dank der Impfkampagne, wie Lindert sagt. Foto: privat

Es war ein kurzer Moment des Ruhms, ein Moment der Margaret Keenan, die ihre Freunde und Bekannten schlicht Maggie nennen, weltweit Schlagzeilen bescherte. Ein Moment, mit dem sie, wie sie sagt, zu ihrer Freude Menschen inspirieren konnte, Ängste nehmen konnte. Ein Moment, in dem sie zum Hoffnungsschimmer von Millionen wurde.

Exakt ein Jahr und fünf Tage ist es her, dass die damals 90-jährige Britin aus Coventry als erster Mensch im Zuge einer Impfkampagne mit dem zu jenem Zeitpunkt in der EU noch nicht zugelassenen Impfstoff des Mainzer Pharma-Unternehmens Biontech und seinem US-Partner Pfizer geimpft wurde.

Vorreiterin: Margaret Keenan (links) wird am 8. Dezember 2020 gegen Corona geimpft. Foto: Jacob King/PA Wire/dpa/Archiv

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Vorreiterin: Margaret Keenan (links) wird am 8. Dezember 2020 gegen Corona geimpft. Foto: Jacob King/PA Wire/dpa/Archiv

Das Inselkönigreich hatte die Impfkampagne früher als alle anderen begonnen – und war danach in Sachen Corona ein Garant für Schlagzeilen. Erste harte Welle der Deltavariante, dann der Freedom Day mit dem Aufheben aller Beschränkungen und jetzt doch wieder ein vorsichtiges nach oben ziehen der regulatorischen Corona-Schutzmaßnahmen. Von Anfang an mit dabei oder viel mehr mittendrin im energiegeladenen Corona-Sturm über dem britischen Eiland war auch eine Bühlerin. Julia Lindert arbeitet seit August 2019 als Ärztin im südenglischen Seebad Brighton and Hove – lange in einem Klinikverbund und seit Kurzem in einer Hausarztpraxis. Zu Beginn des Jahres berichtete sie im BT von ihren Erfahrungen – damals waren rund 800.000 Briten gegen Corona geimpft, heute sind es der BCC zufolge knapp 50 Millionen – 51 Millionen Erstimpfungen, 46 Millionen Zweitimpfungen und bis jetzt 20 Millionen Boosterimpfungen.

Keine allzu gute Quote, wie Lindert sagt, aber eine Quote die wirkt. „Die Patienten, die mit Corona auf den Intensivstationen liegen, sind so gut wie alle ungeimpft; deutlich über 90 Prozent.“ Tragischerweise treffe das auch auf Schwangere zu. „Ich habe die letzten Monate im Klinikverbund auf der Gynäkologie gearbeitet. Wenn es dort Schwangere mit schweren Verläufen gab, waren sie alle ungeimpft“, berichtet die Bühlerin ihre Erfahrungen und appelliert, sich dringend impfen zu lassen.

Positiv stimmt sie, dass die Zahlen der Intensivbettenbelegung in Großbritannien aktuell lange nicht so schlimm seien, wie bei der ersten Welle 2020. Damals seien im Brighton and Sussex University Hospital Trust, für den sie arbeitete (bestehend aus zwei großen Krankenhäusern und einem Kinderkrankenhaus, an einem Tag rund 130 Menschen mit einer Covid-19-Infektion behandelt worden. „Das war sehr hart, und ich habe viele Menschen sterben sehen“, erinnert sich Lindert.

Bei späteren Wellen vor der Impfkampagne seien es dann sogar zwischen 200 und 300 Covid-Erkrankte gewesen, mit bis zu 50 Patienten auf der Intensivstation. Heute würden knapp 40 Patienten behandelt, mit durchschnittlich weniger als zehn Covid-Patienten auf der Intensivstation – aktuell sind es sieben.

Der Klinikkomplex Brighton and Sussex University Hospital Trust versorgt eine Bevölkerung von knapp 540.000 Menschen und verfügt über rund 1.170 Betten. Im zweiten Quartal hat sich der Trust zudem mit einem anderen zusammengeschlossen und bildet mit diesem ein Konglomerat aus vier Krankenhäusern und einem Kinderkrankenhaus in Sussex.

Reduzierte Patientenzahlen

Die aktuell deutlich reduzierten Patientenzahlen fußen für sie auf mehreren Gründen: „Zuvorderst ist das natürlich auf die Impfkampagne zurückzuführen und dabei vor allem auch auf die hohe Impfbereitschaft in der Gruppe der Älteren und Senioren“. Sie liegt in England Lindert zufolge bei knapp 95 Prozent, was deutlich höher ist als in Deutschland, wo laut Robert-Koch-Institut aktuell „nur“ rund 86 Prozent der über 60-Jährigen geimpft sind.

Der zweite Grund sei die höhere Durchseuchung der britischen Gesellschaft. Denn seitdem am Freedom Day vor vier Monaten alle Maßnahmen aufgehoben wurden, haben sich die Zahlen auf einem höheren Niveau eingependelt, stiegen allerdings bisher nie wieder so hoch wie 2020. Für Mediziner wie Lindert ist diese Strategie aber ein Unding: „Das war schon krass anzuschauen hier im Sommer. Maske trug niemand mehr, in Cafés und Bars saßen die Leute dicht an dicht, Großveranstaltungen fanden ohne Einschränkungen statt, G-Regelungen wie in Deutschland gab es überhaupt nicht. Sehr erschreckend finde ich, dass ich während der ganzen Zeit noch kein einiges Mal einen Impfnachweis vorzeigen musste.“ Diese Strategie bedinge zwar die höhere Durchseuchung habe aber natürlich auch zahlreiche Opfer gefordert, resümiert die Ärztin.

Strengere Regeln angekündigt

Bis zuletzt hatte die britische Regierung um Boris Johnson diesen Kurs weitergefahren, doch im Angesicht der Omikronvariante hat der Premierminister vor wenigen Tagen eine erneute Verschärfung von Corona-Regeln in England angekündigt. Die Maßnahmen sehen der Deutschen Presseagentur zufolge unter anderem die Aufforderung zum Arbeiten von zuhause vor, zudem eine Maskenpflicht für Theater und andere Innenräume sowie die Pflicht zum Vorlegen eines Immunitätsnachweises oder eines negativen Testergebnisses beim Einlass zu Großveranstaltungen und Nachtclubs. Die Regelungen sollen im Laufe der Woche schrittweise in Kraft treten. Kleinere Schritte wie die Wiedereinführung einer Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln hatte die Regierung bereits vollzogen.

Margaret Keenan hat inzwischen – im September – ihre Boosterimpfung erhalten. Erst vor Tagen zitierte die BBC die Vierfachgroßmutter zum Thema Impfen mit den Worten: „Don’t think about it. Just go and have it done...“ – zu Deutsch: „Nicht darüber nachdenken, einfach losgehen und machen.“


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