Eine Alkoholfahrt ändert das Leben einer Bühlerin

Bühl (ABB) – Die Weitenungerin Tina Klewin hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben – Erfahrungen mit Drogen und Alkoholsucht.

Tina Klewin hat ihre Erfahrungen mit Lebenskrisen in ein Buch gepackt. Foto: Wilfried Lienhard

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Tina Klewin hat ihre Erfahrungen mit Lebenskrisen in ein Buch gepackt. Foto: Wilfried Lienhard

Wie sie so dasitzt, ihren Milchkaffee umrührt, robustes Selbstvertrauen ausstrahlt und leidenschaftlich erzählt, sind sie weit weg, die Abgründe, durch die Tina Klewin wanderte. Offen spricht sie über ihre Alkoholsucht, berichtet von Jugendjahren in der Psychiatrie, von den wenigen Millimetern, die sie vom Suizid trennten, von einer Krankheit, die wie ein Schatten über ihrem Traumberuf liegt.

41-Jährige lebt heute in Augsburg

Jetzt hat die 41-Jährige, die in Weitenung aufgewachsen ist und heute in Augsburg lebt, ihre Erfahrungen zwischen zwei Buchdeckel gepackt. „Herz sucht Mut, Seele sucht Halt“ lautet der Titel. Es basiert auf Tagebuch-Einträgen und Instagram-Posts.

Der 21. Juli 2019 ist die Drehtür in Tina Klewins Leben. Stark alkoholisiert fährt sie Auto, ein anderer Autofahrer sieht ihre Schlangenlinien und alarmiert die Polizei. Drei, vier Monate braucht sie, bis sie sich eingesteht: Ich bin alkoholkrank. Es ist auch der Punkt, an dem sie erkennt, dass nur die Wahrheit sie vorwärtsbringt: „Nach dem Führerscheinentzug habe ich Storys erzählt.“ Nun ist Schluss mit dem Versteckspiel. Schonungslos beschreibt die Autorin, wie sie mit 13 Jahren ihren ersten Vollrausch erlebte, ihre Magersucht, die Klinikaufenthalte, wie sie konsumierte, was das Drogenlabor hergab, und mit 17 vergewaltigt wurde. Nie habe sie diese angezeigt („heute würde ich das anders machen“), weil da auch eine große Scham war. Als sie sich einer Lehrerin offenbart habe, habe diese mit „selber schuld, wenn du in solchen Kreisen verkehrst“ reagiert, was Selbstvorwürfe noch verstärkt habe. Nie habe sie Vertrauen bei Erwachsenen gespürt; warum sie so schwierig gewesen sei, habe einige Lehrer nie interessiert. In den Monaten nach der Alkoholfahrt, die nicht die erste gewesen sei, quält sie sich mit Vorwürfen: Was hätte nicht alles passieren können!

Nah am Notausgang aus dem Leben

Immer näher kommt sie dem Notausgang aus dem Leben, und nur ihre Hunde hätten sie vom finalen Schritt zurückgehalten. Ob sie letztlich zu den Tieren mehr Vertrauen hatte als zu den Menschen? „Ja“, sagt sie, „das war wohl so.“ Schritt für Schritt kämpft sie sich ins Leben zurück. Dieser Weg ist schwierig, auch weil er in die Corona-Zeit fällt.

Das ist für Tina Klewin umso schwieriger, als sie neben ihrer Arbeit beim Rettungsdienst seit 2016 auch eine Ballettschule führt. Tanz zu unterrichten, das war ihr Traumberuf. Seit bei ihr eine Dystonie diagnostiziert wurde, eine neurologische Bewegungsstörung, fürchtet sie Auswirkungen auf den Tanz. Zwar ist die Krankheit seit der 2004 gestellten Diagnose nicht schlimmer geworden, die Ungewissheit aber ständiger Begleiter. Tina Klewin sagt, sie wolle zeigen, wie wichtig es sei, was ihr selbst lange nicht gelingt: Hilfe von außen anzunehmen, „nicht zu warten bis zum großen Knall“. Schwäche zu zeigen sei in Ordnung: „Es ist nicht immer alles super.“

Super indes war für sie eine „Begleiterscheinung“ des Buchs. Das Pop-Duo „Perlregen“ hatte sie engagiert, um für das Video zum Song „Glaspalast“ zu tanzen. Kurz nach den Dreharbeiten erhielt sie die Anfrage, ob sie an einem Song zu ihrem Buch interessiert sei und einen Text schreiben wolle: „Ich schrieb drauf los, ‚Perlregen‘ machten den Feinschliff.“ Als der Song erschien, habe sie nur gedacht: „Wow, ich bin Songwriterin.“ Dieses „Wow“ könnte auch für ihr zweites Leben gelten. Öfter komme sie nach Bühl, um Zeit mit der Familie zu verbringen und mit den Hunden Spaziergänge im Schwarzwald zu genießen. Sie habe einen guten Weg für sich gefunden und gelernt, „Nein“ zu sagen – nicht nur beim Alkohol.

www.tinaklewin.de

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Ihr Autor

ABB-Redakteur Wilfried Lienhard

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Erstellt:
7. November 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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