Eine Familie in Feindschaft verbunden

Baden-Baden/Karlsruhe (bo) – Ein erbitterter Streit ums Erbe prägt das Land über Generationen: Zeitlebens können sich die beiden Brüder Bernhard III. und Ernst von Baden nicht einigen.

Kurzer Moment der Versöhnung: Die Medaille aus dem Jahr 1533 zeigt die Streithähne Bernhard III. (Baden-Baden, vorn) und Ernst (Baden-Durlach). Foto: Badisches Landesmuseum

Kurzer Moment der Versöhnung: Die Medaille aus dem Jahr 1533 zeigt die Streithähne Bernhard III. (Baden-Baden, vorn) und Ernst (Baden-Durlach). Foto: Badisches Landesmuseum

Eigentlich kann Markgraf Christoph I. von Baden stolz sein auf seine Lebensleistung. An der Schwelle zum 16. Jahrhundert ist es ihm gelungen, den Umfang seiner Markgrafschaft fast zu verdoppeln. Zwar sind die badischen Lande, in denen knapp 100.000 Menschen leben, zersplittert, aber das ist im Flickenteppich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nichts Ungewöhnliches. Zudem hat der Markgraf eine reiche Frau, die ihm neun Söhne und fünf Töchter geschenkt hat. Das Haus Baden ist gerüstet für die Zukunft. Sollte man meinen. Doch in der Familie herrscht Zank. Der Nachwuchs streitet ums Erbe, lange bevor der Vater unter der Erde ist. Dabei hat Christoph (1453 bis 1527) alles wunderbar geregelt. Meint er. Drei Söhne sehen es anders.

Noch hat sich die Primogenitur, das Erstgeburtsrecht, in den kleineren Territorien des Reiches nicht durchgesetzt. Wenn der Landesherr stirbt, wird das Erbe geteilt. Eigentlich fair. Doch die Zersplitterung durch Erbteilung schmälert die Machtbasis der Familie. Die Markgrafen von Baden, durch Schaden klug geworden, haben ein Rezept zur Wahrung ihrer dynastischen Interessen entwickelt. Es zielt darauf ab, dass die Herrschaft unter maximal zwei Söhnen geteilt wird – und der Besitz immer wieder rasch an die Hauptlinie zurückfällt.

Daher soll in jeder Generation nur ein Sohn standesgemäß heiraten – der Haupterbe. Ein weiterer Sohn, der Miterbe, fungiert als eine Art dynastische Reserve: Er vermählt sich nur, wenn sein Bruder vorzeitig stirbt oder aus seiner Ehe keine Söhne hervorgehen. Die übrigen Brüder schlagen – mehr oder weniger freiwillig – eine geistliche Laufbahn ein und machen der Familie im Idealfall durch eine brillante kirchliche Karriere Ehre. Das System mag nicht ganz gerecht sein. Aber es verhindert die Zersplitterung des Landes, wenn alle Beteiligten den nötigen Familiensinn aufbringen. Bei Christophs Söhnen ist das nicht der Fall.

Bernhard ärgert sich maßloß – denn: Er ist der Ältere

Markgraf Christoph hat Philipp, den er offenbar für den begabtesten seiner weltlichen Söhne hält, zum Nachfolger auserkoren. Philipp soll das größte Stück vom Erbkuchen bekommen, vor allem das wichtige Kernland um Baden-Baden, Pforzheim und Durlach. Für Philipps Bruder Bernhard hingegen ist nur ein abgelegenes Junior-Territorium vorgesehen. Das ärgert Bernhard maßlos, denn er ist der Ältere. Ein Vater ist zwar nicht verpflichtet, dem älteren Sohn den Vorzug zu geben – aber es ist üblich.

Es kommt noch schlimmer für Bernhard. Denn seinen „Kronprinzen“ Philipp will der alte Markgraf vornehm vermählen. Eine Tochter des Kurfürsten von der Pfalz soll es sein. Der Kurfürst stellt allerdings eine Bedingung: Sein künftiger Schwiegersohn Philipp muss Alleinerbe der badischen Lande werden, sonst platzt das Heiratsgeschäft. Markgraf Christoph, entzückt von der Aussicht auf die prestigeträchtige Braut, willigt ein.

Philipp als Alleinerbe? Bernhard tobt, will das väterliche Testament nicht anerkennen. Und dann ist da noch ein jüngerer Sohn, der Markgraf Christophs Pläne durchkreuzt.

Ernst ist für eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Dazu berufen fühlt er sich nicht. Und Ernst ist clever. Hinter dem Rücken seines Vaters fädelt er seine Hochzeit ein. Nicht mit einer unbedeutenden Person, sondern mit einer Prinzessin von Brandenburg-Ansbach. Selbstverständlich pochen seine fürstlichen Schwiegereltern darauf, dass Ernst bei der badischen Nachfolge-Regelung nicht benachteiligt wird.

Der Hass auf den Vater eint die drei

Markgraf Christoph ist müde. Seine Söhne sind heillos zerstritten. Und dann existiert da auch noch ein fatales juristisches Gutachten der Universität Freiburg, welches das Recht auf Erbteilung im Fürstenhaus über die Idee der Landeseinheit stellt. Der alte Mann gibt nach.

Im Jahr 1515 stimmt Christoph der Dreiteilung der Lande zu. Das Kernland um Baden-Baden, Pforzheim und Durlach bleibt bei Philipp. Ernst bekommt das im Süden gelegene badische Oberland. Doch für Bernhard, den Ältesten der drei, bleiben wieder nur die linksrheinischen Besitzungen. Seine Verbitterung wächst.

So sehr sich Philipp, Bernhard und Ernst gegenseitig hassen: Dem Vater, der ihnen das Schlamassel eingebrockt hat, verzeihen alle drei nicht. Kaum hat Markgraf Christoph sie an der Herrschaft beteiligt, schließen die Brüder sich gegen ihn zusammen. Wegen angeblicher Geistesschwäche entmündigen sie den Vater und sperren ihn auf der Burg Hohenbaden, dem Alten Schloss, ein. Dort stirbt Christoph einsam im Jahr 1527. Bald darauf geht das Trauerspiel in die nächste Runde. Es mündet in dem, was Hansmartin Schwarzmaier, ehemals Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe, als „die Katastrophe des Hauses Baden und des Landes“ bezeichnet hat. Denn 1533 stirbt der Haupterbe, Markgraf Philipp. Da er keinen Sohn hinterlässt, fällt das badische Kernland an seine Brüder, die Markgrafen Bernhard III. und Ernst. Die reißen sich zunächst zusammen, wollen gemeinsam regieren. In einem kurzen Moment der Versöhnung lassen sie sogar eine Medaille prägen, die ihre brüderliche Eintracht beschwört. Doch rasch flammt der Zwist wieder auf. An der Teilung führt kein Weg mehr vorbei.

Der eine schneidet den Kuchen, der andere wählt aus

Wie teilen die zwei Brüder, die einander nicht die Butter auf dem Brot gönnen, sich das badische Kernland? Der eine darf den Kuchen schneiden, der andere das Stück auswählen, das ihm am meisten zusagt. Bernhard ist der, der schneidet. Er zieht den Strich entlang der Alb – die Grenze verläuft quer durchs heutige Karlsruhe, das damals freilich noch gar nicht gegründet ist. Bernhard ist fest überzeugt, dass Ernst den Teil mit Ettlingen und Baden(-Baden), dem alten Stammsitz der Familie, wählen wird. Schon, weil dieses Gebiet ein bisschen größer ist und viel näher an den Flecken seines Bruders im Süden liegt. Doch der clevere Ernst schnappt sich bei der Teilung von 1535 den nördlichen Teil mit Pforzheim und Durlach. Aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der Verkehrswege scheint ihm das vorteilhafter. Bernhard ist erneut der Gekniffene.

Sie haben einen verwirrenden Zuschnitt, die zwei Markgrafschaften, die aus der Teilung von 1535 entstehen, und bald als Baden-Durlach und Baden-Baden firmieren. Über 200 Jahre lang werden sie Bestand haben. Denn Bernhard opfert die Staatsraison, um sich für die ewigen Zurücksetzungen zu rächen: Als 54-Jähriger (und nach damaligen Maßstäben alter Mann) tritt er, der bis dahin Unverheiratete, an den Traualtar. Und seine Frau bekommt zwei Söhne. Damit fällt die Markgrafschaft Baden-Baden bei Bernhards Tod eben nicht an seinen Bruder Ernst und dessen Familie, sondern bleibt bei seinen eigenen Nachkommen.

Feindseligkeiten über Generationen

Über Generationen führen die Nachfahren der Streithähne die Feindseligkeiten fort. Als der Dreißigjährige Krieg ausbricht, gehören die badischen Markgrafschaften gegnerischen Lagern an. Denn Baden-Baden steht fest auf der Seite des Katholizismus, Baden-Durlach aber ist lutherisch geworden.

Machtpolitisch bedeutet die Zersplitterung der Kräfte für das Fürstenhaus eine schwere Hypothek, die der biologische Zufall erst 1771 beseitigt: In diesem Jahr sterben die Markgrafen von Baden-Baden in der männlichen Linie aus – und die Baden-Durlacher beerben sie. „Das vereinigte Baden war als Faktor unter den Reichsständen wieder wahrnehmbar“, erläutert der Historiker Armin Kohnle in seiner „Kleinen Geschichte der Markgrafschaft Baden“ die Folgen. So übersieht auch Napoleon die Markgrafschaft nicht, als er zu Beginn des 19. Jahrhunderts den deutschen Südwesten mit seinen bis dahin rund 250 selbstständigen Territorien neu ordnet.

Als eines der größeren Länder im klassischen Gebiet der Kleinstaaterei profitiert Baden von der napoleonischen Flurbereinigung, kann seine Fläche vervierfachen. Mit einem nun arrondierten Territorium rechts des Rheines steigt die Markgrafschaft zum Großherzogtum auf. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wird Baden mit dieser neuen Gestalt auf der Landkarte verzeichnet sein.

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Ihr Autor

unserer Mitarbeiterin Annette Borchardt-Wenzel

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Erstellt:
5. März 2022, 09:47 Uhr
Lesedauer:
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