Eine Frage der Perspektive

Stuttgart (fh) – Der Blick in die Unendlichkeit, Röhren oder rote Punkte, wo gar keine sind: Fiona Herdrich weiß im neuen Museum der Illusionen in Stuttgart nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.

Die Augen von Doktor T. J. Eckleburg verfolgen den Besucher schon vor dem Museum. Foto: Fiona Herdrich

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Die Augen von Doktor T. J. Eckleburg verfolgen den Besucher schon vor dem Museum. Foto: Fiona Herdrich

Die weit aufgerissenen Augen hinter der runden Brille folgen mir, als ich am Schaufenster vorbei gehe. Die Augäpfel leuchten weiß, und ich muss an die alles sehenden Augen von Doktor T. J. Eckleburg denken, die in Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ von einer Werbetafel aus die Taten der Romanfiguren beobachten. Vielleicht kommt die Ähnlichkeit daher, dass unter beiden Brillengestellen keine Nase hervorschaut und sie auf einem türkisfarbenen beziehungsweise blauen Untergrund prangen.

Noch bevor ich also das Museum der Illusionen, das vor Kurzem in Stuttgart neben der Stadtbibliothek eröffnet hat, betreten habe, werde ich schon mit der ersten optischen Täuschung konfrontiert. Den Effekt kennt jeder, der schon einmal im Louvre vor der Mona Lisa stand und ebenfalls den Eindruck hatte, dass ihr Blick überall im Raum auf einem ruht.

Das Hirn irrt oft

Augen sind außerdem ein passendes Symbol, immerhin spielen sie in diesem Kabinett der visuellen Irrungen und Wirrungen neben Gehirn und Kamera eine große Rolle. „Das Hirn irrt oft, darum werden manche Illusionen erst durch den Blick durch die Kamera klar“, erklärt Chefin Adrijana Corluka, warum Fotografieren in ihrem Museum nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist.

Das Museum der Illusionen ist ein Franchise mit weiteren Standorten, etwa in Hamburg und Berlin. Die meisten Ausstellungsstücke werden in Kroatien hergestellt. In Zagreb hat Corluka das Mitmach-Museum kennengelernt und das Konzept nach Stuttgart geholt.

Bekannte Illusionen sind zu sehen, wie die Rubin’sche Vase. Das Bild im Hintergrund erscheint nur flach, ist aber 3-D. Foto: Fiona Herdrich

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Bekannte Illusionen sind zu sehen, wie die Rubin’sche Vase. Das Bild im Hintergrund erscheint nur flach, ist aber 3-D. Foto: Fiona Herdrich

Der erste Raum hat dunkle Wände. Direkt vor mir steht eine bekannte Illusion, die ich bisher allerdings nur als Bild gesehen habe: Eine Rubin’sche Vase. Ich gehe etwas in die Knie, und schon tauchen die beiden Gesichter auf, die sich anschauen. Das Besondere dabei, der Betrachter erkennt immer nur eines von beiden auf einmal.

Das Bild an der Wand links zeigt drei Flure. Als ich daran vorbei gehe, passen diese sich an meine Perspektive an. Ist das jetzt etwa auch so ein Effekt wie bei den Augen und der Brille? Nein. Beim Näherkommen wird klar: Was ich zunächst für ein zweidimensionales Bild gehalten habe, ist in Wirklichkeit 3-D mit türkis gemusterten Prismen und sieht nur von Weitem betrachtet flach aus. Das ist allerdings sehr schwer zu fotografieren, wie ich herausfinden muss.

Viele Ausstellungsstücke sind zum Ausprobieren und Fotografieren. Foto: Anja Calusic

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Viele Ausstellungsstücke sind zum Ausprobieren und Fotografieren. Foto: Anja Calusic

Einige Ausstellungsstücke sind aber extra für die Kamera gedacht – etwa die Kulisse eines auf die Seite gedrehten Bahnsteigs – mit Sitzbank an der einen und Oberlicht an der anderen Wand. Wer sich hier im Sprung oder an der „Decke“ krabbelnd fotografieren lässt, muss die Bilder später drehen und bekommt so wahre Schätze für Instagram, auf denen er sich in Spiderman verwandelt oder auf dem Rücken liegend über der Bank schwebt.

Nicht den Kopf verlieren: Das Geheimnis dieser Illusion sind Spiegel. Foto: Anja Calusic

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Nicht den Kopf verlieren: Das Geheimnis dieser Illusion sind Spiegel. Foto: Anja Calusic

Auch der Tisch in der Ecke ist ein beliebtes Motiv. Darauf angerichtet ist unechtes Gemüse, und auf einem Teller liegt ein Kinderkopf – der „Fast Kopflose Nick“ lässt grüßen. Keine Panik, anders als bei dem stümperhaft Enthaupteten aus „Harry Potter“, geht es dem Kind gut, und der Kopf ist auch noch dran. Es hockt lediglich in einem Kasten, denn zwischen den Tischbeinen sind Spiegel, die die Wände und den Boden vor dem Möbelstück zeigen.

Unendliche Spiegelungen „Spiegel sind supertäuschend“, sagt Corluka und erklärt damit, wie viele Objekte hier funktionieren. Ich krabble selbst in den Kasten. Tatsächlich es ist ein simpler Trick. Das Gehirn hat den ganzen Tag viele Eindrücke zu verarbeiten und greift darum auf meine Erfahrung zurück, dass eine Fläche mit Beinen drunter und eventuell Essen drauf ein Tisch ist, sodass ich die Spiegel erst gar nicht gesehen habe.

Spiegel sind supertäuschend

Blick ins Kaleidoskop. Schon spiegle ich mich in unendlich vielen Dreiecken. Foto: Anja Calusic

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Blick ins Kaleidoskop. Schon spiegle ich mich in unendlich vielen Dreiecken. Foto: Anja Calusic

In einem großen Kaleidoskop spiegle ich mich anschließend in unendlich vielen Dreiecken. Auch in einem kleinen Zimmer kann ich mich bis in weite Ferne unzählbar oft sehen. Es gibt gekrümmte Endlosspiegellungen, einen scheinbar supertiefen Brunnenschacht und einen runden Pokertisch, an dem ich gegen mich selbst spielen kann – und zwar gleich mit fünf Fionas.

Viele Täuschungen, darunter auch der berühmte Ames-Raum, der eine Person in einer Ecke riesig erscheinen lässt, während die Person in der anderen Ecke winzig klein wird, funktionieren nur aus einer ganz bestimmten Perspektive.

Welche Linie ist länger? Das lässt sich mit dem Bleistift überprüfen. Foto: Fiona Herdrich

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Welche Linie ist länger? Das lässt sich mit dem Bleistift überprüfen. Foto: Fiona Herdrich

Aber nicht nur die großen Illusionen machen Spaß. Die Wände sind gesäumt mit Bildern und kleineren Täuschungen. Mal gilt es einen Kreis aus grünen Lampen zu Betrachten, von denen immer eine ringsum erlischt. Nach einer Weile erscheint jeweils an dieser Stelle ein roter Punkt, obwohl dort gar keiner ist. „Das Gehirn füllt hier mit der Gegenfarbe auf“, erklärt Museumsleiterin Corluka beim Rundgang das Nachbild. Ein anderes Mal wirken parallele Linien durch versetzte schwarze und weiße Quadrate in den Zwischenräumen schief. „Solche grafischen Täuschungen sind von Mathematikern, Physikern, aber auch Künstlern entdeckt worden“, sagt Corluka. Wer sich Zeit nimmt, die einzelnen Erklärungen durchzulesen, erfährt, welcher Effekt hinter der jeweiligen optischen Täuschung steckt. Wer seinen Augen dann immer noch nicht traut, kann ja nachprüfen. Zum Beispiel mit einer Schablone, wenn gleiche Flächen oder Linien, durch einen anderen Winkel unterschiedlich groß oder lang wirken.

Kognitive Spiele beschäftigen die Besucher lange

Scheinbar ewig können sich manche Besucher mit großen und kleinen kognitiven Spielen beschäftigen, die auf den Fensterbänken ausliegen und knifflige Rätsel aufgeben. Ich betrachte lieber verschiedene Hologramme und bin besonders fasziniert von einem dargestellten Mikroskop, auf dessen Objektträger ich beim Hineinschauen sogar eine Fliege erkenne. Über eine sich drehende Halbkugel ganz in der Nähe gleiten derweil kleine Klötzchen. Die Illusion dieser Bewegung entsteht durch ein Stroboskop.

Manche Illusionen funktionieren erst durch die Bewegung, etwas die aufeinander balancierenden Ringe. Foto: Fiona Herdrich

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Manche Illusionen funktionieren erst durch die Bewegung, etwas die aufeinander balancierenden Ringe. Foto: Fiona Herdrich

Manche Bilder erzeugen Bewegungsillusionen, andere Illusionen entstehen erst durch Bewegung. Die sich drehenden Scheiben, die – einmal von einem Besucher angeschubst – waghalsig aufeinander im Kreis balancieren, sind im Ruhezustand erkennbar fest miteinander verbunden. Ebenso ist es mit einer schwarz-weißen, runden Platte: Erst als sie sich dreht, habe ich das Gefühl in eine kreisende Röhre zu gucken. Da es so viel zum Anfassen und Ausprobieren gibt, desinfizieren die Museumsmitarbeiter ständig die Ausstellungsgegenstände.

Im Vortex-Tunnel bekommt der Besucher leicht weiche Knie. Foto: Fiona Herdrich

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Im Vortex-Tunnel bekommt der Besucher leicht weiche Knie. Foto: Fiona Herdrich

Und dann kommt tatsächlich eine echte, sich drehende Röhre. Es ist der sogenannte Vortex-Tunnel, den Corluka als Highlight vieler Museumsbesucher bezeichnet und der schon die ganze Zeit fast im gesamten Museum zu hören war. Auf den ersten Blick erscheint mir, der große Schlauch mit dem lila-pinken Spiralmuster und den hellen Punkten nicht schlimm, sondern lässt mich eher an eine übergroße Version eines Stofftunnels für Kinder denken. Mittendurch führt ein Steg, und am anderen Ende ist wieder ein Spiegel.

Ich betrete den Steg und schaue nach ein paar Schritten nach oben. Sofort werden meine Knie weich, mein Magen sackt sonst wohin, und ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Das Gefühl für oben und unten habe ich kurzzeitig verloren. Ich kann mich erst wieder orientieren, als ich mich selbst im Spiegel am Ausgang finde. Nichts wie raus hier.


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