Eine Impfpflicht gab es schon einmal: 1874

Karlsruhe (BNN) – Schon Bismarcks Impfpflicht gegen die Pocken führte zu massiven Protesten – die Argumente von damals klingen heute verblüffend vertraut.

Die Impfpflicht ist in der deutschen Geschichte kein Novum – allerdings wurde sie zumeist heftig diskutiert. Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa

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Die Impfpflicht ist in der deutschen Geschichte kein Novum – allerdings wurde sie zumeist heftig diskutiert. Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa

Heinrich Hansjakob aus Haslach im Kinzigtal, nach dem Besuch des Lyzeums in Rastatt und des Studiums der Theologie, Philosophie und der Klassischen Philologie in Freiburg erst Lehrer in Donaueschingen, dann von 1869 bis 1883 katholischer Pfarrer in Hagnau am Bodensee und von 1884 bis 1913 in Freiburg, war zwar kein Mediziner. Dennoch beschäftigte er sich intensiv mit der Naturheilkunde. Als „Wasserdoktor vom See“ empfahl er seinen Schäfchen zur Linderung ihrer Leiden eine Mäßigung in der Lebensführung, mäßige Wasseranwendungen und Kompressen.

Auch zum Impfen hatte der Priester eine klare Einstellung. 1869 erschien in Freiburg „Ein Büchlein über das Impfen – Dem badischen Volke vorgelegt von Dr. Heinrich Hansjakob“. Im Vorwort kam er sofort zur Sache: „Seit Jahren zur Abwechslung auch mit dem Studium der Naturheilmethode beschäftigt, kam ich auch auf die Impfung und durch das, was ich darüber las, zu der Ueberzeugung, daß die Vaccination ein nutzloses und gefährliches Experiment sei am Volkskörper.“ Er halte es für die „Pflicht eines jeden Menschenfreundes“, alles zu tun, „um ein Institut zum Falle zu bringen, das dem Volkswohl so gefährlich und so schädlich ist“.

Geldstrafe oder Ordnungshaft

Äußerungen wie die des Priesters, Heimatforschers und Schriftstellers Hansjakob, der von 1871 bis 1881 auch als Abgeordneter der Katholischen Volkspartei der Badischen Ständeversammlung in Karlsruhe angehörte, fielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einen fruchtbaren Boden. Erst recht, als der Reichstag auf Veranlassung von Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1874 das Reichsimpfgesetz verabschiedete, das 1875 in Kraft trat. Um die wieder einmal grassierenden Pocken zu bekämpfen, wurden alle Bürger verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem bis zwölf Jahren gegen die Pocken impfen zu lassen. Wer dies nicht tat oder darüber keinen Nachweis führen konnte, erhielt eine Geldstrafe oder sogar Ordnungshaft. Ärzte und Schulvorsteher, die gegen die Vorschriften verstießen, machten sich ebenso strafbar. Dies hatte nach Erkenntnissen des Medizinhistorikers Malte Thießen von der Universität Münster ungeahnte Folgen: Auch damals blühte der Handel mit gefälschten Impfzertifikaten.

Im ganzen Reich kam es zu heftigen Protesten gegen die Impfpflicht. Gleichzeitig erlebten die Naturheilkunde und die Homöopathie einen Boom. Der Kampf gegen die staatlich verordnete Pockenimpfung vereinte die Kritiker und Gegner der akademischen Medizin und jene, die nach der Gründung des Kaiserreichs dem modernen Staat und seinen Durchgriffsrechten skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Die Argumente von damals unterscheiden sich kaum von denen der Impfgegner von heute, die einen Schutz vor dem Coronavirus kategorisch ablehnen.

Der Impfstoff sei „Gift“ und schädige den Körper, nötig sei eine „natürliche Immunisierung“ durch Abhärtung, gesunde Lebensführung und Heilkräuter, die Impfpflicht sei Ausdruck eines autoritären Staates, der die Freiheitsrechte der Bürger verletze. Christen begründeten ihren Widerstand damit, dass man Gott nicht ins Handwerk pfuschen dürfe, Vegetarier lehnten das Einbringen von tierischem Material in ihren Körper ab. Nicht zuletzt seien die Impfschäden und Langzeitfolgen enorm, würden aber von den verantwortlichen Politikern und der Presse verschwiegen, hieß es.

Vereine der Impfgegner mit großen Zulauf

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Impfgegner-Vereine, die im gesamten Deutschen Reich wie Pilze aus dem Boden schossen, mehr als 300.000 Mitglieder, es gab Kongresse und Veranstaltungen, und statt in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook verbreitete die Szene ihre Ansichten in Flugblättern, Zeitschriften und Büchern.

Zwischen 1871 und 1912 erschienen mehr als 1.000 impfkritische Publikationen, in denen zum Widerstand oder Petitionen an den Reichstag aufgerufen wurde. Zentren des Widerstandes waren vor allem die Königreiche Württemberg und Sachsen. In Stuttgart wie Dresden war die sogenannte Lebensreform-Bewegung besonders stark, die ihre Kritik an der Industrialisierung, dem Materialismus und der Urbanisierung mit einem Streben nach einem ursprünglichen Naturzustand verband.

Sogar eine eigene Zeitung gab es, die von dem Unternehmer und Arzt Heinrich Oidtmann und dem Hauptvertreter des Vegetarismus, Theodor Hahn, gegründet wurde und monatlich erschien – ihr programmatischer Titel: „Der Impfgegner“. Das Blatt verstand sich als Plattform der regionalen Gruppen und öffentliches Forum, dokumentiert wurden Fälle von Impfversagen und Impfkomplikationen, dem Staat wurden eine bewusste Fälschung der Statistik und der Totenscheine vorgeworfen.

Höhepunkt der damals wie heute äußerst emotional geführten Debatte waren die Bücher „Segen der Impfung“, „Unerhört“ und „Impf-Friedhof“ des Frankfurter Ingenieurs Hugo Wegener, die 1911 und 1912 erschienen und die das Ziel hatten, Müttern „Furcht und Schrecken“ einzujagen. In den Büchern beschrieb er mehr als 36.000 Fälle von Impfschäden und illustrierte diese mit teilweise drastischen Fotos. „Die Ärzteschaft als solche hat in diesem heiligen Kampf um Menschenrecht und Menschenachtung, um Menschenfreiheit und Kindergesundheit längst verspielt“, schrieb Wegener in der Einleitung. Und er prophezeite: „Ein nach Freiheit sehnsüchtiges, nackensteifes Volk wird diese Sklavenfürsten beseitigen.“

Der erbitterte Widerstand hatte allerdings keine Folgen. Die Impfpflicht gegen die Pocken, die in der Weimarer Republik und im Dritten Reich vorsichtig gelockert und während des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt wurde, bestand in der Bundesrepublik fort. 1959 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass sie mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Ab 1976 entfiel die Erstimpfung, 1983 wurde die Impfpflicht schließlich aufgehoben, nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1980 offiziell die Pocken als erste Krankheit überhaupt für weltweit ausgerottet erklärt hatte.

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