Eine Kindsmörderin wie viele andere

Karlsruhe (BNN) – Catharina Würbs aus Klein-Karlsruhe wird vor 250 Jahren hingerichtet. Sie hat ihr Baby umgebracht. Sie, aber auch der Vater des Kindes, standen unter enormem Druck.

Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, wird manchmal mit Schwert dargestellt. Mit einem Schwert wurde auch Catharina Würbs hingerichtet. Symbolfoto: Arne Dedert/Archivbild/dpa

© dpa-avis

Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, wird manchmal mit Schwert dargestellt. Mit einem Schwert wurde auch Catharina Würbs hingerichtet. Symbolfoto: Arne Dedert/Archivbild/dpa

Der „dicke Ranzen“ müsse weg, fordert der Mann. Und droht seiner Lebensgefährtin, ihr ein Messer in den Leib zu stechen. Tatsächlich wird Catharina Würbs jung sterben. Aber nicht von der Hand „ihres Kerls“. Der Scharfrichter schlägt der 21-Jährigen am 17. Januar 1772 den Kopf ab. Catharina Würbs ist vor 250 Jahren die letzte Kindsmörderin, die in Baden hingerichtet wird.

Sie sei nicht schwanger. Das hat Catharina immer wieder beteuert. Ihr Bauch schwelle nur an, weil ihr Geblüt stocke. Das erzählt sie Simon Wehringer, ihrem Geliebten. Und ihrer Mutter. Und den Frauen im Haus. Und den Tagelöhnerinnen auf den Gottesauer Äckern. Catharina hat schon einmal ein Kind geboren; sie weiß, wie sich eine Schwangerschaft anfühlt. Jetzt fühlt es sich ganz anders an. Sagt sie.

Catharinas erstes Baby ist eines natürlichen Todes gestorben. Das Würmchen war ein uneheliches Kind. Der Vater, Simon Wehringer, ist Soldat und hat keine Heiratserlaubnis bekommen. In Klein-Karlsruhe, der Arme-Leute-Siedlung bei der Residenzstadt, gilt es nicht als verwerflich, wenn ein Paar, das sich die Ehe versprochen hat, schon vor der Trauung das Bett teilt. Die Obrigkeit sieht das anders. „Hurerei“ ist verboten und muss streng bestraft werden. Die Geburt entlarvt Catharina als „liederliches Frauenzimmer“. Man brummt ihr eine Geldstrafe auf, die dem Lohn von sieben Wochen entspricht – eine Katastrophe.

Zu ihrer Erleichterung wird Catharina zu einer achttägigen Turmstrafe begnadigt. Erspart bleibt ihr auch die öffentliche Zurschaustellung am Hurenkarren und der Landesverweis. Noch einmal wird sie nicht so leicht davonkommen.

Auch Simon steht unter Druck. Sein vorgesetzter Offizier hat ihm die schlimmsten Konsequenzen angedroht für den Fall, dass er das Weibsbild noch einmal schwängert. Er sei nicht der Vater, herrscht Simon Catharina an, als deren Bauch erneut dicker wird. Sie wiegelt ab. Es sei nur ihr stockendes Geblüt, nichts anderes. Als die Wehen einsetzen, klagt sie über Verdauungsbeschwerden.

Auf Kindsmord steht die Todesstrafe

Das Kind kommt, als Catharina im Keller Kartoffeln holt. Mit einer Rübe schlägt die junge Frau auf das Neugeborene ein, packt es, wirft es hinterm Haus auf den Misthaufen. Sie häuft Kraut über den kleinen Körper, erwischt ihn dabei wohl mit der Mistgabel. Dann kehrt sie zurück in die Küche und setzt ihre Arbeit fort. Mutter Würbs entdeckt das Baby im Mist. Noch lebt es. Catharinas Mutter ruft die Nachbarinnen herbei, eine Hebamme wird alarmiert. Die Helferinnen setzen alles daran, den Säugling zu retten. Doch er stirbt, nachdem er die Nottaufe erhalten hat. Als die Nachbarinnen auf die von der Mistgabel herrührende Stichverletzung deuten, weiß Catharina, was ihr bevorsteht: „Herr Jesus!“, sagt sie: „Gelt, jetzt werd ich auch umgebracht.“

Auf Kindsmord steht die Todesstrafe. Zwar werden Kindsmörderinnen in der Regel nicht mehr lebendig begraben. Auch das Ertränken ist aus der Mode gekommen. Die Schwertstrafe ist die Regel – und wird öffentlich vollzogen: Die Hinrichtung einer Kindsmörderin soll allen Frauen eine Warnung sein. In der Zeit der gnadenlosen Moral und existenzbedrohenden Unzucht-Strafen ist der Kindsmord das häufigste von Frauen begangene Kapitalverbrechen. Catharina Würbs ergibt sich – wie viele Kindsmörderinnen – fast apathisch in ihr Schicksal. Unter den Augen von zahlreichen Schaulustigen besteigt sie am 17. Januar 1772 vor dem Mühlburger Tor das Schafott.

Drei Tage zuvor ist in Frankfurt ebenfalls eine Kindsmörderin hingerichtet worden: Susanna Margaretha Brandt. Ihr wird – anders als der lange vergessenen Catharina – ein literarisches Nachleben
zuteil. Ein gewisser Johann Wolfgang Goethe hat den Frankfurter Prozess mit zunehmender Betroffenheit verfolgt. Er lässt sich von dem Fall inspirieren. Aus der Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt wird das Gretchen in Goethes „Faust“.

Etliche Dichter entdecken den Kindsmord als literarisches Motiv. Doch anders als ihre Werke oft vermuten lassen, handelt es sich bei den Kindsmörderinnen des 18. Jahrhunderts meist nicht um von gewissenlosen Adeligen verführte Bürgerstöchter, sondern um Unterschichtsfrauen wie Catharina und Susanna Margaretha. Die junge Frau, die für Goethes Gretchen Patin steht, arbeitet in einem Wirtshaus, gibt dem Drängen eines durchreisenden Handwerkers nach. Doch die Wirtin kennt kein Pardon, sie setzt die schwerfällig gewordene Magd auf die Straße. Es ist der Tag, an dem die Wehen einsetzen. Der Tag, an dem Susanna Margaretha Brandt ihr Neugeborenes würgt und sein Köpfchen gegen ein Fass schmettert. Eine Kindsmörderin. Eine von vielen.

Der Fall Catharina Würbs: Ausführlich über das Schicksal der Kindsmörderin Catharina Würbs berichtet die Historikerin Olivia Hochstrasser im (vergriffenen) Buch „Karlsruher Frauen 1715-1945“ (Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 15).

Ihr Autor

Annette Borchardt-Wenzel

Zum Artikel

Erstellt:
5. Februar 2022, 13:20 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.