Eine Liga in Alarmbereitschaft

Baden-Baden (mi) – Die besten Eishockey-Spieler der Welt, die in der NHL spielen, haben derzeit viele Probleme: Die Aussetzung des Spielbetriebs wegen Corona, Alkoholismus, Depressionen, gar Suizid.

„Ich habe niemals unter Drogen gespielt, aber high trainiert. Ich habe soviel konsumiert, dass ich davon hätte sterben können“: Philadelphias Nate Thompson (links). Foto: AFP

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„Ich habe niemals unter Drogen gespielt, aber high trainiert. Ich habe soviel konsumiert, dass ich davon hätte sterben können“: Philadelphias Nate Thompson (links). Foto: AFP

Constantin Braun kann sich glücklich schätzen, den richtigen Arbeitgeber gefunden zu haben. Als früherer Absolvent der vorbildlich arbeitenden Eishockey-Nachwuchsschmiede in Mannheim schaffte der Verteidiger später zwar nicht den Durchbruch bei den Adlern, doch sein Wechsel zu den Eisbären Berlin war für den gebürtigen Lampertheimer gleich doppelt wichtig. Mit den Hauptstädtern sammelte er nicht nur sechs Meistertitel, ihm wurde in Hohenschönhausen gar Lebenshilfe zuteil, als er sie dringend benötigte.
Es muss den für seine harten Checks gefürchteten Crack einiges an Überwindung gekostet haben, öffentlich einzugestehen, dass er unter Depressionen leidet. Die Eisbären hielten nach der Bekanntgabe im August 2018 vorbildlich in Treue fest zu ihrem Vorzeigekämpfer, auch als er nach seiner halbjährigen Reha erneut einen Rückfall erlitt. „Wenn der Verein hinter einem steht, hat man natürlich eine Sorge weniger. Müsste man jetzt auch noch darüber nachdenken, vielleicht arbeitslos zu werden, hätte man ein Päckchen mehr zu tragen“, sprach Braun den Eisbären ein Kompliment aus: „Sie waren wieder mal da, als ich sie gebraucht habe.“

Man kann nur spekulieren, was das Schicksal für Braun bereit gehalten hätte, wäre er wie viele andere aufstrebende, ehrgeizige Profis in der NHL gelandet. In der besten und härtesten Liga der Welt folgt auf Alkoholsucht, Drogen, Depressionen mitunter gar noch Schlimmeres: Suizid. Für die Betroffenen ist dann selbst die derzeit global grassierende Coronavirus-Pandemie, die zur Aussetzung des Spielbetriebs führte, das geringste Problem.

Rick Rypien und Wade Belak nahmen sich 2011 das Leben, Derek Boogard verstarb im gleichen Jahr an einer Überdosis Schmerzmittel. Robin Lehner bekannte 2018 nach seinem Wechsel zu den Chicago Blackhawks – neuerdings spielt er für die Las Vegas Knights – seine Alkoholabhängigkeit, erst kürzlich outeten sich Nate Thompson von den Philadelphia Flyers, Tyler Motte von den Vancouver Canucks und Bobby Ryan von den Ottawa Senators mit derselben Suchtkrankheit.

„Ich habe mit 16 oder 17 Jahren bereits regelmäßig getrunken“, bekannte Thomp-son, damals noch bei den Montreal Canadiens unter Vertrag, im Interview vor Kanadas Millionenpublikum. Dabei beließ es der 35-Jährige nicht: „Ich habe niemals unter Drogen gespielt, aber high trainiert. Ich habe soviel konsumiert, dass ich davon hätte sterben können.“ Wohlgemerkt: Der Hüne hat über 800 NHL-Spiele auf dem Buckel, zwölf Jahre hat er sich künstlich hochgepusht. Ein Haschisch-Joint war sein Einstieg in die Sucht, danach folgte der Umstieg auf die gerade in Künstlerkreisen beliebte Modedroge Kokain, die im gesamten US-Profisport weit verbreitet ist

Skurrilität des Sportbetriebs

Und gleichzeitig für die Skurrilität des gesamten Sportbetriebs steht: Auch der russische Starspieler Evgeni Kuznetzow, der vor eineinhalb Jahren mit den Washington Capitals den Stanley Cup gewann, schnupfte jahrelang Kokain. Als der Stürmer, der mit der Sbornaja zudem zweimal Weltmeister wurde, aufflog, sperrte ihn der Weltverband IIHF für vier Jahre. In der NHL geht er nach einer lächerlichen Suspendierung von drei Spielen seit langem wieder auf Torejagd. Die milliardenschwere Liga wertete sein Vergehen lediglich als „unangemessenes Verhalten“.

Kuznetzows Entschuldigung klang wie von der Presseabteilung aufgesetzt: „Es tut mir leid, dass ich meine Familie, Teamkollegen und die Capitals-Organisation enttäuscht habe. Ich verspreche, alles in meiner Macht stehende zu tun, um das Vertrauen mit meinen Handlungen auf und neben dem Eis zurückzugewinnen.“

Canucks-Profi Tyler Motte gibt einen Einblick in die Gedankenwelt der Abhängigen: „Gerade im Eishockey gilt die Denkweise, dass man mental stark sein muss und keine Schwäche zeigen darf.“ In der Eliteliga sind die Anforderungen immens: 82 Saisonspiele ohne Playoffs, im Schnitt drei Spiele pro Woche, ständige Reisen durch verschiedene Zeitzonen. Bei fünf, sechs Auswärtsspielen in Folge rund zwei Wochen Trennung von der Familie, dazu der knüppelharte Konkurrenzkampf im Team. Wer nicht zu den hochbezahlten Topstars zählt, hat ständig Megadruck, denn für jede Position stehen bis zu fünf Konkurrenten parat

Bus statt Luxusklasse

.Wer von der NHL in die zweitklassige Farmteamliga AHL abgeschoben wird, fliegt nicht mehr Luxusklasse, sondern wird im Bus auf stundenlangen Touren durch die weite Provinz kutschiert. Und erhält dann noch etwa ein Zehntel des einst üppigen NHL-Gehalts.

All dies führt dazu, dass nicht wenige bei leichten oder mittelschweren Verletzungen auf die Zähne beißen, dem Teamarzt nichts sagen und lieber zu Pillen oder anderem greifen. Der Schmerz wird so betäubt, aber eben auch die Sinne. Irgendwann in der Karriere zahlt der Körper den Raubbau zurück. Das Tabu zu brechen, an die Öffentlichkeit zu gehen, die Sucht zu akzeptieren, ist die größte Herausforderung für Profis, die ihre Probleme auf dem Eis sonst mit dem Schläger oder einem Check gewohnt sind zu lösen.

Bobby Ryan nahm im Rahmen des NHL Assistance Programs seit November professionelle Hilfe in Anspruch. Der 32-Jährige, der eine schwere Kindheit hatte, wusste, dass sein exzessiver Alkoholkonsum in eine Sackgasse führen würde: „Ich wachte so oft am Morgen auf, fühlte mich schuldig und sagte mir, dass ich es nie wieder tun würde. Nach ein paar Tagen habe ich es dann doch wieder getan.“

Seine Therapie schlug schnell an. Im ersten Heimspiel nach dreieinhalb Monaten Auszeit Ende Februar gelang ihm ein umjubelter Hattrick. „Es war unglaublich. Die Fans haben mich unterstützt, und ich zahle es ihnen zurück. Danke an alle“, war Ryan überwältigt.

Im Falle von Nate Thompson, der schon an sechs NHL-Standorten um seinen Stammplatz kämpfte, war die Rettung ein emotionales Gespräch mit seiner Mutter. „Vielleicht muss ich eines Tages meinen Sohn begraben, sagte sie. Das hat mich sehr hart getroffen. Das Einzige, was ich danach in meinem Kopf hatte: Okay, lass uns zu einem Meeting gehen.“ Auch seine Therapie hat gewirkt: Thompson ist seit mehr als drei Jahren clean.

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Erstellt:
25. März 2020, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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