Eine Nacht im „Sternenpark Pfälzerwald“

Rumbach (vn) – Kunstlicht macht die Nacht vielerorts zum Tag, Sterne sieht man dann kaum noch. Im Pfälzerwald sollen die Menschen für das Problem der Lichtverschmutzung sensibilisiert werden.

Prachtvoller Nachthimmel über dem Dahner Felsenland: Im „Sternenpark Pfälzerwald“ soll das Bewusstsein für Lichtverschmutzung geschärft werden. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Prachtvoller Nachthimmel über dem Dahner Felsenland: Im „Sternenpark Pfälzerwald“ soll das Bewusstsein für Lichtverschmutzung geschärft werden. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Rumbach im Dahner Felsenland ist die erste „Gemeinde unter den Sternen“. Der Ort hat einen Zertifizierungsprozess durchlaufen, den das Biosphärenreservat Pfälzerwald initiierte. Ortsbürgermeister Ralf Weber (FWG) berichtet von vielen Interessierten, die zum Sterne gucken anreisen. Derzeit sei man dabei, Plätze auszuweisen, von denen aus sich der Nachthimmel genießen lässt, ganz ohne störendes Licht.

Wenn man als Münchner den Sternenhimmel in ganzer Pracht sehen will, muss man 60 Kilometer nach Süden ins Voralpenland fahren. In Nantesbuch, einem Weiler in der Nähe von Bad Heilbrunn, präsentiert Raoul Schrott sein Projekt „Sternenhimmel der Menschheit“. „Nantesbuch ist der München am nächsten liegende Ort, an dem es keine Lichtverschmutzung gibt und an dem man die Sterne sehen kann“, erzählte der 57-Jährige dieser Tage im „Spiegel“.
In dem Ort hat die von der Unternehmerin Susanne Klatten gegründete Stiftung Kunst und Natur dem Schriftsteller das Umfeld für die Präsentation geschaffen. Schrott arbeitet über Jahre hinweg an einem Sternenatlas mit Hunderten Konstellationen, wie sie Menschen aus allen Ecken der Welt über Jahrtausende hinweg als Projektionsflächen ihrer Kultur ans Himmelszelt warfen.

Jede Kultur hat ihren eigenen Sternenhimmel: Sie sieht in den willkürlich über den Himmel verstreuten Lichtpunkten völlig andere Figuren und versieht diese mit Mythen. Die Konstellationen mit ihren Geschichten stellen deshalb die ältesten Bilderbücher der Welt dar. „Und da sich die Figuren nachts mit dem Himmel drehen, finden sich darin auch die ältesten Kino-Szenen wieder“, schwärmt Schrott. Da geht es um Zweikämpfe, Verfolgungen und Jagden, und natürlich um unglückliche Liebschaften.

„Mach’s Licht aus, dass wir die Sterne besser sehen!“


Heute sind die Aussichten, diese Sternbilder mit bloßem Auge zu entdecken, trüb – und das ist wörtlich gemeint. 99 Prozent der Menschen in Europa leben unter einem mehr oder weniger lichtverschmutzten Himmel, 60 Prozent können von ihrem Wohnort aus das feine Band der Milchstraße nicht mehr sehen. Das sind Forschungsergebnisse, die in einem Atlas der Lichtverschmutzung 2016 veröffentlicht wurden. Das Team um den Italiener Fabio Falchi vom Light Pollution Science and Technology Institute in Thiene hat sie in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht. Gemessen wurde mit Satelliten, aber auch mithilfe von Bürgerwissenschaftlern, die an dem Projekt beteiligt waren.

Die Negativliste der Lichtverschmutzer in Deutschland führen die Gebiete um Dortmund, Düsseldorf und Köln an. Auch entlang der Linie Frankfurt, Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart sieht es düster aus, was die Sternenbeobachtung angeht.

Die gute Nachricht ist: Man muss von dort aus nicht weit fahren, um Dunkelheit in ihrer reinsten Form zu erleben. Das 450 Einwohner zählende Dorf Rumbach im Dahner Felsenland darf sich seit diesem Jahr mit dem Prädikat „Gemeinde unter den Sternen“ schmücken – als erste und bislang einzige Kommune. Eingebettet in das Projekt „Sternenpark Pfälzerwald“, will Rumbach zeigen, dass man auch im Kleinen etwas machen kann, erläutert Bürgermeister Ralf Weber, der den ganzen Ort hinter sich weiß.

„Mach’s Licht aus, dass wir die Sterne besser sehen!“, zitiert Weber den Wunsch von Gästen eines Restaurants am Ortsrand. Von jener Terrasse aus lasse sich der Nachthimmel über der Südpfalz besonders gut bestaunen.

Um den Zertifizierungskriterien zu genügen, sind enorme Anstrengungen nötig. Die 80 Straßenlampen müssen auf weniger als die halbe Leuchtkraft heruntergedimmt werden, was allerdings auch die Stromkosten von 6.000 auf 2.000 Euro jährlich senkt. Die Beleuchtung muss nach unten gerichtet sein. Unnötige Lichtquellen müssen abgeschaltet werden. Da sind auch die Bürger gefordert, auf störende Beleuchtung an ihren Häusern und in den Gärten zu verzichten.

Der Verzicht wird belohnt. Neben Stille, Kühle und reiner Luft ist für den Bürgermeister der Titel „Gemeinde unter den Sternen“ ein weiterer touristischer Faktor. In normalen Zeiten zählt Rumbach im Jahr rund 13.000 bis 14.000 Übernachtungen. Wenn die Einschränkungen durch die Pandemie vorbei sind, dürften es mehr werden. „Astrotourismus wird immer beliebter und Orte, die sich zur Beobachtung eignen, leider immer weniger“, sagte Anna Prim im Frühjahr. Sie war damals beim Biosphärenreservat Pfälzerwald Koordinatorin des Projekts „Sternenpark“.

Kulturerbe voller Magie


Maßgeblich sind die Kriterien der International Dark Sky Association (IDA), die sich seit ihrer Gründung 1988 für die Reduzierung von Lichtverschmutzung einsetzt. „Langfristiges Ziel ist eine Zertifizierung des gesamten Sternenparks durch die IDA“, blickt Sarah Köngeter im BT-Gespräch in die Zukunft. „Bis dahin werden aber noch viele Jahre vergehen.“ Köngeter koordiniert das Projekt derzeit und weiß von vielen Presseanfragen zu berichten, nachdem Rumbach zertifiziert worden war. „Ein, zwei weitere Orte haben bereits Interesse geäußert, aber noch fehlen entsprechende Ratsbeschlüsse.“

Eine Hürde für die relativ finanzschwachen Kommunen in der Südpfalz ist die Tatsache, dass viele erst in den vergangenen Jahren ihre Beleuchtung umgerüstet haben, diese aber nicht immer mit den IDA-Anforderungen (maximale Lichtfarbe 3.000 Kelvin) übereinstimmt. „Eine erneute Umrüstung ist den Bürgern vorerst kaum zu vermitteln“, weiß Köngeter aus Gesprächen.

Das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, wieder mehr Dunkelheit zuzulassen, ist eine Mammutaufgabe – und es gibt keinen Königsweg, um das Ziel erreichen.

Vielleicht sollte man es wie Raoul Schrott angehen und die Sehnsucht nach den Sternen wecken: „Die Sternenhimmel der Menschheit gehören zu unserem unschätzbaren immateriellen Kulturerbe – das trotz Raketen, Raumsonden und Teleskopen auch weiterhin ungreifbar bleiben wird. Geheimnisvoll. Voller Magie.“

www.pfaelzerwald.de/blog/rumbach-erste-gemeinde-unter-den-sternen/

www.sternenhimmel-der-menschheit.de/

Müssen öffentliche Gebäude wie Kirchen nachts angeleuchtet werden – und in welcher Lichtfarbe? Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Müssen öffentliche Gebäude wie Kirchen nachts angeleuchtet werden – und in welcher Lichtfarbe? Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Fabio Falchi mit einer Karte der Lichtverschmutzung von Europa: Immer weniger Menschen sehen den Sternenhimmel. Foto: Riccardo Furgoni/dpa

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Fabio Falchi mit einer Karte der Lichtverschmutzung von Europa: Immer weniger Menschen sehen den Sternenhimmel. Foto: Riccardo Furgoni/dpa

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BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
15. September 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 42sec

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