Eine Orgel mit einem Wumms wie in einer Kathedrale

Bühl (BNN) – Es gibt nicht mehr viele Musiker, die von sich sagen können, auf der Bühler Schwarz-Orgel gespielt zu haben. Philipp Pelster schon – und er kennt die Orgel wie wohl kein anderer.

Eine Orgel mit einem Wumms wie in einer Kathedrale

Mehr noch: Der Referent für Kirchenmusik in der Erzdiözese Salzburg hat sich intensiv mit ihr befasst. Pelster hat die Geschichte der Orgel studiert und maßgeblich geholfen, sie aus einem Dornröschenschlaf zu holen. Bloß: Wo liegt die Verbindung zwischen Salzburg und Bühl? Die Antwort: in Baden-Baden.

Dort ist Pelster ist aufgewachsen und hat als Schüler das Orgelspiel erlernt, in der Stiftskirche stand (und steht) sein Premiereninstrument. In Salzburg, Karlsruhe und Basel studierte er Kirchenmusik, Orgel und Musikwissenschaft. Die Masterstudiengänge in Musikwissenschaft und Orgel schloss er mit Auszeichnung 2010 ab, eine Promotion an der Hochschule für Musik Karlsruhe über den deutsch-österreichischen Komponisten, Musiktheoretiker und Reger-Schüler Hermann Grabner (1886–1969) schloss sich an. Seit 2014 ist Pelster in Salzburg tätig, wo er als Vorsitzender der Orgelkommission mit der Koordination der zahlreichen Orgelbauprojekte in den Pfarreien der Erzdiözese befasst ist; außerdem ist er seit 2014 Lehrbeauftragter für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Zahlreiche Konzerte und CD-Aufnahmen führten ihn in mehrere europäische Länder und die USA.

„Die Orgel hat Potenzial“

Einen Besuch in der Heimat nutzt der ausgewiesene Orgel-Experte Pelster für intensive Blicke auf die Baustelle in der Bühler Kirche. Wenn die Schwarz-Orgel vollständig restauriert sein wird, dann wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis er an ihr Platz nehmen wird. Als er vor wenigen Jahren darauf gespielt hat, spürte der Musiker bereits, was er da unter den Fingern und Füßen hatte: „Die Orgel hat Potenzial, aber ganz gewaltig.“ Auch wenn das Instrument damals zu einem Drittel hinüber war, so begeisterte sie Pelster, und diese Begeisterung klingt immer noch nach: „Ihr schmeichelnder Sound ist großartig. Das hat einen Wumms wie in einer Kathedrale, und wenn der Bass loslegt, spürt man das am ganzen Körper.“

Die Schwarz-Orgel ist für Pelster in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Instrument. Da ist ihre schiere Größe: „An normalen Maßstäben gemessen, ist die Orgel für diese Kirche viel zu groß. Die Hälfte hätte es auch getan.“ Dieses Instrument wäre eines Bischofssitzes in einer Großstadt würdig gewesen: „Aber in einer kleinen Landstadt?“ Die Kirchenmusik, schließt Pelster, muss in Bühl damals einen sehr hohen Stellenwert gehabt haben. Dafür spricht die Finanzierung durch Spenden, in wirtschaftlich sehr schlechten Zeiten, dafür spricht das Selbstvertrauen, mit dem sich die Bühler die damals größte Orgel in der Erzdiözese Freiburg gegönnt haben. „Wir haben zwar das kleinere Münster, aber die größere Orgel“, ein solches Signal in Richtung Freiburg sei das gewesen. Dass der Platz an der Spitze der Rangliste großer Orgeln im Land bald wieder an die Bischofsstadt abgetreten werden musste, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

„Wenn schon, dann das Beste“

Das Besondere der Orgel liegt aber nicht nur in den äußeren Umständen ihrer Entstehung, sondern auch in ihrem Innenleben. „Diese Orgel war komplett am Puls der Zeit, sie besitzt Klangfarben, da musste man damals sehr weit dafür gehen“, meint Pelster. Er erwähnt das Glockenspiel, das meist bei Kinoorgeln Verwendung fand. Zehn bis 15 solcher Orgeln gebe es in Deutschland noch, zwei davon stünden noch am Originalplatz. „Wenn schon, dann das Beste“ – das könnte das Motto in Bühl gewesen. Auf jeden Fall galt es für Schwarz, den Pelster einen der bedeutendsten Orgelbauunternehmer Badens und einen Visionär nennt. Er habe den Bühlern Verbesserungsvorschläge unterbreitet, Details, auf die der Freiburger Sachverständige Ernst Kaller (der bei der Einweihung die Orgel spielen sollte) aus Kostengründen noch verzichtet hatte. Ein bisschen Eigennutz wird auch dabei gewesen sein: Schon 1924 hatte Schwarz in Baden-Baden versucht, seine Klangidee zu verwirklichen, es aber nicht durchbekommen. Jetzt klappte es.

Pelster trug einen Teil zur glücklichen Geschichte bei

Dass es mit der Sanierung nun auch klappt, freut Pelster ungemein. Einen Teil hat er vor wenigen Jahren selbst beigetragen. Als der Förderverein zur Erhaltung der historischen Schwarz-Orgel sie zumindest teilweise wieder in Gang setzte, war Pelsters Expertise gefragt: „Ohne ihn“, sagt Bernhard Götz, Vorsitzender des Fördervereins und des Pfarrgemeinderats, „hätten wir sie nicht spielbar bekommen“.

So aber war es, als ob sich für „ein Stück katholische Kirchenmusikgeschichte“ (Pelster) eine Tür in die Zukunft öffnete. Der Verlust wäre gewaltig gewesen. „Die Schwarz-Orgel ist ein Beispiel für einen fetten, romantischen Sound, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Verruf kam“, sagt Pelster, viele Orgeln seien „knallhart niedergemacht“ geworden. Der Musikwissenschaftler spricht von Ideologie und musikalischem Zeitgeschmack. Die Analogie zu den Bilderstürmern der 50er Jahre drängt sich auf: Es wurde purifiziert, die Kirchen wurden nüchterner, sie boten nichts mehr für die Augen – und auch nicht für die Ohren. Wenn die Schwarz-Orgel erst saniert ist, gibt es aber wieder ordentlich Futter für die Ohren. Und dass Philipp Pelster irgendwann selbst an ihr Platz nimmt, darf als sicher gelten.

Zum Thema:

Überraschung in Estland: In Tallin hat Philipp Pelster „eins zu eins das gleiche Modell“ der Schwarz-Orgel entdeckt. Wie ist das möglich? Die Antwort findet sich in Ludwigsburg. Die 1780 gegründete und heute noch existierende Orgelbau-Firma produziert(e) Einzelteile für Orgeln, aus dem Katalog bestellte Schwarz sie und fügte sie nach seinen Vorstellungen zusammen – wie der Orgelbauer im Baltikum.

Standort: Die Empore ist der klassische Platz einer Kirchenorgel. Nur in Klöstern sei sie einst in den Chor gestellt worden. Als 1976 die neue Rieger-Orgel eingebaut wurde und die Schwarz-Orgel in ein jahrzehntelanges Schweigen verfiel, wurde dieser Standort durchgesetzt. Das wertet Pelster als Glücksfall. Denn nur so blieb die Schwarz-Orgel Bühl erhalten.

Recherche: Pelster hat sich noch als Schüler in die Bühler Orgel-Geschichte eingearbeitet und die Akten gesichtet. Seine Ergebnisse mündeten in den Aufsatz „Die Orgeln der Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul seit 1877 unter besonderer Berücksichtigung des monumentalen Orgelneubaus im Jahr 1928“. Er ist erschienen im 17. Band der Bühler Heimatgeschichte (2004). wl

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Wilfried Lienhard

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Erstellt:
11. April 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 13sec

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