„Eine Schule darf kein Elfenbeinturm sein“

Rastatt (ema) – Abscheid nach fast 20 Jahren Schulleitertätigkeit: Gerold Wendelgaß sagt der Josef-Durler-Schule ade.

Eine Schule mit Leuchtturmcharakter: Der scheidende Leiter der Josef-Durler-Schule, Gerold Wendelgaß, neben einem 3-D-Drucker.Foto: Mauderer

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Eine Schule mit Leuchtturmcharakter: Der scheidende Leiter der Josef-Durler-Schule, Gerold Wendelgaß, neben einem 3-D-Drucker.Foto: Mauderer

Gerold Wendelgaß winkt der vorbeischlendernden Schülergruppe schon von Weitem zu. „Das ist wirklich schade, dass das mit der Abschlussfeier nicht klappt“, ruft der Direktor der Josef-Durler-Schule den Jugendlichen zu, die gerade in Coronazeit ihre Prüfungen bestanden haben. Der 63-Jährige drückt den Schülern alle Daumen für ihre Zukunft. Die freundliche Reaktion der Jugendlichen zeigt offenkundig: Hier stimmt die Chemie.

„Man darf sich als Erwachsener nie zu schade sein, zuerst die Jugendlichen zu grüßen. Dann lernen Sie es“, sagt der Oberstudiendirektor, als die Schar von dannen zieht. Ein typischer Wendelgaß. Ihm, der jetzt nach fast 20 Jahren Schulleitertätigkeit seine Josef-Durler-Schule verlässt, lag auch der Erziehungsauftrag stets am Herzen – auch wenn die Gewerbeschule fast ausschließlich von Heranwachsenden besucht wird.

Dabei drängte sich eine Pädagogenlaufbahn in seinem Leben zunächst gar nicht auf. Nachdem der gebürtige Kuppenheimer 1976 sein Abitur an der damaligen Gewerbeschule in Rastatt bestanden hatte, absolvierte er zunächst eine Lehre als Maschinenschlosser im Gaggenauer Benz-Werk und baute anschließend sein Diplom als Maschinenbau-Ingenieur an der Karlsruher Uni. Ein Jobangebot als Konstrukteur schlug er aus. „Ich wollte es mit Menschen zu tun haben“, sagt Wendelgaß. Und so begann ein Berufsleben „mit einem Glücksfall nach dem anderen“, wie es der scheidende Oberstudiendirektor formuliert.

Stimmung gut, Zustimmung zu

Als Referendar und Junglehrer an der Carl-Benz-Schule Gaggenau durfte er Mitte der 80er Jahre ein Netzwerk und Labor aufbauen und die ersten Roboter im Unterricht einsetzen. Am Seminar für Lehrerausbildung in Karlsruhe bildete Wendelgaß Referendare aus. Heute noch ist er stolz darauf, welche Karriere einige einstige Junglehrer hingelegt haben, die unter seinen Fittichen waren. Schwerer fiel es ihm schon, dem Ruf des damaligen Oberschulamts zu folgen, das Personalreferat für Gewerbeschulen zu übernehmen. Die damalige Praxis, Lehrer per Aktenlage einzustellen, schmeckte Wendelgaß gar nicht. Und so kam es vor, dass im Oberschulamt auch schon mal samstagmorgens Einstellungsgespräche geführt wurden.

„Ich habe immer alles von der Pike auf gelernt“, zeigt sich Wendelgaß dankbar für die unterschiedlichen Stationen, die ihm zugute kamen, als er 2001 zum Direktor der Rastatter Gewerbeschule ernannt wurde, die erst 2006 nach dem einstigen „revolutionären“ Gewerbeschulleiter Josef Durler aus dem 19. Jahrhundert benannt wurde. Den Start wird Wendelgaß nie vergessen. An seinem zweiten Arbeitstag in Rastatt ereignete sich der Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center. „9/11 und jetzt Corona, und zwischendurch war ich Schulleiter“, pflegt Wendelgaß seit einigen Wochen zu sagen.

Er ist sichtlich stolz darauf, was in den fast 20 Jahren aus der Schule geworden ist. Das führt er beileibe nicht allein auf sein Wirken zurück. „Ich habe immer super Leute um mich gehabt“, sagt der bekennende Netzwerker. Den Erfolg sieht er aber auch als Ergebnis einer seiner Maximen: „Schule darf kein Elfenbeinturm sein.“ Das gilt erst recht für eine Bildungsstätte im gewerblichen Bereich. Wendelgaß war es immer wichtig, Menschen zu begeistern, wenn auch sein Temperament manchmal für den einen oder anderen Geschmack zu sehr mit ihm durchging. Aber, noch so einer seiner „klaren Sätze“, die er für wichtig hält: „Je besser die Stimmung, desto besser die Zustimmung.“

In dieser Gemengelage hat sich die Josef-Durler-Schule in den vergangenen Jahren zur Vorzeige-Einrichtung entwickelt, die gerade im Zeichen der Digitalisierung (Industrie 4.0) als „smarte“ Schule Akzente setzt. Dem Direktor war daran gelegen, dass die Schule auf die Veränderungen reagiert, die sich in der Welt vollziehen. Schule müsse auch ein Platz sein, in dem „man sich ausprobieren kann“. Und so hatte Wendelgaß auch überhaupt keine Probleme damit, E-Games im Unterricht einzubauen: „Dasist die Welt unserer Kinder. Wir müssen herausfinden, was ist gut daran, und wo lauern Gefahren?“

Jetzt sagt der 63-Jährige seiner Schule Lebwohl – coronabedingt ohne großen Festakt. Als Kuppenheimer Stadtrat will der verheiratete Vater zweier Töchter aktiv bleiben und seinen Hobbys, dem Krippenbau und der Arbeit auf dem Acker, frönen. Und wer weiß, was noch dazukommt: Ein Haus Wendelgaß ist schließlich kein Elfenbeinturm.


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