Eine Sekte im Vormarsch: Aussteigerin erzählt

Karlsruhe (BNN) – Mit ganz eigenen Methoden und einem 90-jährigen Anführer gewinnt die christliche Bewegung Shincheonji rasant Mitglieder, und das auch im badischen Raum. Eine Aussteigerin erzählt.

Bekannteste Aussteigerin: Sophie Reinisch hat Shincheonji vor Jahren verlassen und organisiert nun eine Gruppe für Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern. Foto: Sophie Reinisch/pr

Bekannteste Aussteigerin: Sophie Reinisch hat Shincheonji vor Jahren verlassen und organisiert nun eine Gruppe für Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern. Foto: Sophie Reinisch/pr

Ein beiläufiges Gespräch mit einer jungen Dame im Park. Ein Chat mit einem interessanten Mann auf der Dating-Plattform. Ein Lob auf Instagram für das eigene Profil. Auf ganz vielen Wegen treffen Menschen unerwartet auf Shincheonji. Die christliche Bewegung aus Südkorea sieht sich als am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft der Welt. Shincheonji predigt den Kampf von Gott gegen den Teufel und kündigt eine Apokalypse an. Nur wer von Anführer Man Hee Lee gelehrt wird, kann gerettet werden.

Die Bewegung ist in Berlin, Frankfurt und Stuttgart sehr aktiv, tritt nun aber verstärkt im Internet auf – und hat damit laut Experten auch im ländlichen badischen Raum Erfolg. Mit teils fatalen Folgen: Viele Menschen durchblicken den wahren Hintergrund erst dann, wenn es zu spät ist.

Aussteigerin Sophie Reinisch, 28, berichtet: „Es hieß dann: Du musst jetzt fest zu Shingcheonji kommen, sonst kommst du in die Hölle.“ Die Frankfurterin erklärt, warum sie Shincheonji auch fünf Jahre nach ihrem Austritt nicht ganz los lässt. Einblick in eine Religionsgemeinschaft, die radikal wachsen möchte und dabei auf ganz eigene Methoden setzt.

Gott gegen Satan: Die Lehre von Shincheonji

300.000 Mitglieder hat Shincheonji nach eigenen Angaben weltweit, die Hälfte davon soll in den vergangenen beiden Jahren dazugekommen sein. In Deutschland folgen der bald 40 Jahre alten Bewegung bislang 2.000 Menschen. Sie verehren den 90 Jahre alten Gründer Man Hee Lee, der sich selbst mit Jesus vergleicht.

Ein ruhiger Samstagvormittag, Man Hee Lee sitzt in grünem Hemd und grauem Sakko zurückgelehnt auf seinem Stuhl und spricht per Livestream zu seinen Anhängern und denjenigen, die es werden sollen. Er geht auf die Lehre ein, auf die „Offenbarung des Johannes“ im Neuen Testament. In diesem letzten Buch der Bibel geht es, kurz gesagt, um den Untergang der Welt.

Von ihm hängt alles ab: Nur Man Hee Lee, so die Lehre von Shincheonji, kann die Inhalte der Bibel transportieren. Der 90-Jährige erklärt Menschen in aller Welt per Livestream, von Gott beauftragt worden zu sein. Foto: Shincheonji/pr

Von ihm hängt alles ab: Nur Man Hee Lee, so die Lehre von Shincheonji, kann die Inhalte der Bibel transportieren. Der 90-Jährige erklärt Menschen in aller Welt per Livestream, von Gott beauftragt worden zu sein. Foto: Shincheonji/pr

Auf einem Berg habe Jesus ihm erklärt, wie das zu verstehen ist, sagt Man Hee Lee, und Gott habe ihn beauftragt, die Lehre in die Welt zu tragen. Er sieht den Untergang gekommen, das sehe man angesichts der Kriege und Corona doch gerade. Er beugt sich vor und gestikuliert energisch. „Die Menschen, die mit Gott auf einer Wellenlänge sind, werden gerettet“, sagt er.

Dafür muss man der Lehre nach Bibelkurse absolvieren. Mehrere Monate vergehen von der Grund- über die Mittel- bis zur Oberstufe. Zu Kritikern im eigenen Umfeld solle man Abstand halten, heißt es im Lehrmaterial: „Satan ist nicht dumm und findet unsere Schwachstelle.“ Nach den Kursen unterschreibt man einen Eid, in dem es auch heißt: „Wenn ich den (…) versprochenen Eid breche, wird Gott mich bestrafen.“ Mitglieder sind angehalten, zehn Prozent ihres Einkommens an Shincheonji zu geben.

Nur so kann man eine „Frucht“ werden, erklärt Man Hee Lee, und von Jesus geerntet werden. Oder man lässt es sein, ist die Saat des Teufels und „verbrennt als Unkraut auf dem Feld“.

So wirbt Shincheonji um neue Mitglieder

Mitglieder sollen andere Menschen missionieren – ob auf der Straße oder in sozialen Netzwerken. Aus einem scheinbar beiläufigen Gespräch wird irgendwann die Einladung zu einem Bibelkurs. Eine Frau berichtet unserer Zeitung von einem Versuch auf Instagram. „Ich habe ein paar Fotos der Kirche hier um die Ecke in meinem Profil“, schreibt sie. Irgendwann erreicht sie die Nachricht eines jungen Mannes: „Ich habe gesehen, dass du Christ bist.“ Er weist sie auf eine Online-Veranstaltung von Shincheonji hin, er sei selbst ganz gespannt. „Ich fand das komisch“, berichtet die Frau. Geantwortet habe sie nicht.

Auch auf der christlichen Dating-Plattform „Himmlisch Plaudern“ ist Shincheonji aktiv. Man solle vorsichtig sein, warnt die Plattform ihre Nutzer: „Bitte meldet jede euch bekannte Personen der Sekte, wenn sie sich hier registriert. Nur so können wir andere Nutzer schützen.“

Aussteigerin warnt: So erging es mir

Sophie Reinisch wollte nur nett sein. Eine junge Frau spricht die 28-Jährige in Frankfurt auf der Straße an, ob sie mal Feedback zu ihrem Vortrag bekommen könnte? „Sie hat so lieb und beruhigend gesprochen“, sagt Reinisch. „Das hat sich nicht wie ein Rekrutierungsversuch angefühlt.“ Reinisch findet die Worte zu Untergang und Rettung irgendwie spannend und lässt sich auf ein Treffen mit einem Lehrer und einen Bibelkurs ein.

Vier Mal pro Woche sitzt die Studentin abends mehrere Stunden im Unterricht von Shincheonji. „Man will dran bleiben, wie bei einer guten Serie“, sagt Reinisch. Sie grenzt sich von Eltern und Freunden ab. Die schweigen lieber, um den Kontakt nicht zu verlieren. Anfangs geht es im Unterricht um Gleichnisse, doch in der letzten Stufe wurde die Rhetorik plötzlich anders. „Ich sollte Menschen missionieren, weil sie sonst in die Hölle kommen.“ Ein bisschen Stolz klingt durch: Reinisch hatte die Erkenntnis und sollte sie nun an unwissende Menschen weitergeben.

Als sie mit einer Grippe im Bett liegt, bekommt sie Nachrichten vom Lehrer: Wann sie endlich den Test nachholt? „Niemand hat sich Gedanken macht, wie es mir körperlich geht“, sagt sie. Eine schwere Enttäuschung, sie möchte austreten. Leichter gesagt, als getan. Eine Mitschülerin sei als Aufpasserin eingeteilt gewesen und habe immer wieder gefragt, wann sie in den Gottesdienst komme. Bei Reinischs Nebenjob an einer Pforte fallen ihr zwei neue Kollegen auf – Mitglieder von Shincheonji. „Sie wollten mich beruhigen, Sympathien aufbauen und sehen, dass ich zumindest nicht schlecht über Shincheonji rede.“

Fünf Jahre ist das her. Mittlerweile organisiert Reinisch eine bundesweite Gruppe mit 130 Aussteigern und Angehörigen. „Auch da hat Shincheonji versucht, Spitzel einzuschleusen“, sagt Reinisch. Sie selbst wolle ihr Weltbild mit einem Theologie-Studium wieder zurechtrücken. Aber die Bewegung lässt sie bis heute nicht los. „Manchmal wünscht man sich so eine Gruppe, die an einem gemeinsamen Ziel arbeitet“, sagt sie. „Aber es wäre schlimm, wenn ich drin geblieben wäre.“

Ist das eine gefährliche Sekte? Das sagen Experten

„Bei Shincheonji gehen ganz viele Warnlampen an.“, sagt Andreas Oelze. Er ist bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für Weltanschauungsfragen zuständig. Er berät Aussteiger aus religiösen Gruppen, auch Angehörige. Meist gehe es um Shincheonji, sagt Oelze. Die Betroffenen kommen längst auch aus dem badischen Raum zu ihm nach Stuttgart. „Die Aussteigerzahlen sind für so eine kleine Gruppe sehr beachtlich“, sagt er. „Jedes Einzelschicksal ist ein Problem.“

Der bundesweit bekannteste Experte ist Oliver Koch aus Frankfurt, ebenfalls evangelischer Weltanschauungsbeauftragter. Vor ihm saßen schon Eltern, die den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, Frauen, die von ihrem Ehemann „des Teufels“ gehalten wurden und Mitglieder mit Suizidgedanken.

Wer Mitglied wird, verändert sich meist, sagt Koch. „Sie verlassen ihre Angehörigen und eignen sich ein fundamentalistisches Menschen- und Weltbild an“ Koch rät Angehörigen: „Man sollte so lange wie möglich im Gespräch bleiben und das stärken, was die Familie oder das Paar ausmacht. Das ist extrem schwer.“

Den Begriff „Sekte“ lehnen viele Experten ab, weil er unpräzise sei. Auch Koch spricht lieber von einer „christlichen Sondergemeinschaft“ – um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Einmal habe ihn Shincheonji zu einem Interview in ihrem Haus eingeladen. Er hat abgelehnt und um einen neutralen Ort gebeten. „Ich habe so viel Tarnung, Täuschung und Lüge erlebt – da ist kein Vertrauen da.“

Die „SektenInfo Berlin“ warnt mit einer eigenen Broschüre vor Shincheonji. Darin ist von „militärisch-strategisch anmutender Missionierungstaktik“ die Rede. Demnach gibt es 18 Tarn-Organisationen, die für Shincheonji arbeiten.

Das sagt Shincheonji zu den Vorwürfen

Markus Roscher arbeitet als Generalsekretär für Shincheonji in Berlin. „Die etablierten Kirchen schrumpfen, zu uns kommen dagegen sehr viele Menschen“, sagt er. „Unsere Gemeinde wird aber angefeindet und als Sekte diffamiert.“ Man könne nur aufklären und zeige die Kurse mittlerweile in 24 Sprachen im Internet.

Roscher steht hinter der Lehre von Man Hee Lee: „Wer das nicht glaubt, kann den Weg verlassen.“ Auch wenn das eigene familiäre Umfeld Kritik über Shincheonji äußere, „muss man mal eine Entscheidung treffen“. Druck auf Aussteiger auszuüben, gehöre nicht zum Ablauf.

Könnte man die Inhalte der Bibel nicht auch ohne Shincheonji verstehen? „Man wird merken, dass das nicht funktioniert“, sagt Roscher. „Das Buch ist versiegelt.“ Nur Man Hee Lee könne die Inhalte lehren. „So steht es in der Bibel.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Sebastian Raviol

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Erstellt:
12. April 2022, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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