Eine Stadt wehrt sich gegen Amazon

Baden-Baden (hol) – Die Kurstadt will mit allen Mitteln die Ansiedlung von Amazon verhindern. Ein Verteilerzentrum in Haueneberstein könnte der achte Standort in Deutschland des Unternehmens werden.

So wird in einem Verteilzentrum gearbeitet. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

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So wird in einem Verteilzentrum gearbeitet. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Wenn der Internet-Handelsgigant Amazon irgendwo in einem Gewerbegebiet in Deutschland – vorzugsweise in der Nähe einer Autobahn – ein neues Verteilzentrum eröffnet oder den ersten Spatenstich setzt, ist auch die politische Prominenz stets vertreten. Erfurt, Hamburg, Mannheim: Bürgermeister heißen den gelben Riesen auf ihrer Gemarkung regelmäßig willkommen. Anders in Baden-Baden.

Auf diesem weitgehend brachliegenden Gewerbeareal in der Braunmattstraße will Amazon bauen. Foto: Harald Holzmann

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Auf diesem weitgehend brachliegenden Gewerbeareal in der Braunmattstraße will Amazon bauen. Foto: Harald Holzmann

Die Kurstadt will mit allen Mitteln die Ansiedlung von Amazon verhindern. Die Erfolgsaussichten sind freilich gering. Der Baden-Badener Baubürgermeister Alexander Uhlig hat im Gemeinderat und auch im Ortschaftsrat von Haueneberstein vor der Sommerpause deutlich gemacht, was er von den Plänen hält: „Es gibt Ansiedlungswünsche, über die freut man sich. Und es gibt Ansiedlungswünsche, über die freut man sich nicht“, sagte er. „Amazon gehört zur zweiten Kategorie.“ Das sind deutliche Worte, die auch die Bürger aufhorchen ließen, die die beiden Sitzungen verfolgten. Das Interesse ist groß gewesen, denn die Hauenebersteiner selbst sind auch nicht begeistert von der Aussicht, dass der Versender auf ihrer Gemarkung eine riesige Halle errichten könnte.

Ein Amazon-Logo am von Baden-Baden aus nächstgelegenen Logistikzentrum in Pforzheim. Foto: Uli Deck/dpa

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Ein Amazon-Logo am von Baden-Baden aus nächstgelegenen Logistikzentrum in Pforzheim. Foto: Uli Deck/dpa

Gründe für die negative Grundeinstellung im Baden-Badener Rathaus gibt es eine ganze Menge: Das weltweit tätige Unternehmen braucht riesige Flächen, zahlt kaum Gewerbesteuer und beschäftigt viele ungelernte Arbeitskräfte. Zudem gilt Amazon mit seinem gut florierenden Versandhandel als Totengräber für die ohnehin durch die Corona-Krise sturmreif geschossenen Einzelhändler in den Innenstädten – und auch im Baden-Badener Zentrum sind die geschlossenen Rollläden vor den Schaufenstern vieler Läden mittlerweile kaum zu übersehen.

Angst vor nächtlichem Lkw-Verkehr

Zusätzlich schrecken den Handel Nachrichten aus den USA, wo Amazon in diesen Wochen damit beginnt, in den Innenstädten erste kaufhausähnliche Niederlassungen zu eröffnen. Die Angst vor der Konkurrenz, die den Schritt aus dem Internet ins wahre Leben schaffen könnte, ist groß – und das wohl nicht ganz zu Unrecht.

Gegen den zu erwartenden Verkehrslärm regt sich Widerstand. Foto: Harald Holzmann

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Gegen den zu erwartenden Verkehrslärm regt sich Widerstand. Foto: Harald Holzmann

Auch in Haueneberstein selbst ist man so gar nicht begeistert von dem Ansiedlungswunsch. Schließlich generiert so ein Verteilzentrum von Amazon eine ganze Menge Verkehr – und die Eberbachgemeinde ist ohnehin nicht gerade mit Ruhe gesegnet. Der Durchgangsverkehr im Herrenpfädel, in der Karlsruher Straße und in der Bertha-Benz-Straße sorgt regelmäßig für Ärger in den Bürgerfragestunden des Ortschaftsrats und hat auch schon zu handfesten Protestaktionen auf den Straßen geführt. Da kommt die Aussicht auf deutlich mehr als 2.500 zusätzliche Autos am Tag – davon ist im Verkehrsgutachten im Auftrag von Amazon die Rede – schlecht an. Zudem ein großer Teil davon mächtige 40-Tonner-Sattelschlepper wären, die die Ware aus ganz Deutschland zu dem Verteilzentrum liefern sollen. Und das auch noch in den Nachtstunden. Kein Wunder, dass sich Widerstand regt in der Eberbachgemeinde. Eine Online-Petition, die sich gegen die Amazon-Ansiedlung richtet und noch drei Wochen läuft, hat bereits mehr als 700 Unterstützer. Bürger und Stadtverwaltung sind sich also einig in der Ablehnung.

Zukunftsvision in Haueneberstein? Amazon-Truck in den USA. Foto: Patrick Fallon/AFP

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Zukunftsvision in Haueneberstein? Amazon-Truck in den USA. Foto: Patrick Fallon/AFP

Doch das heißt alles noch lange nicht, dass man das Projekt auch tatsächlich verhindern kann. Denn auf dem Papier passt die Amazon-Ansiedlung richtig gut nach Haueneberstein. Das Areal in der Braunmattstraße, wo die Halle gebaut werden soll, liegt nur wenige Hundert Meter von der B 3 und von der A 5 entfernt – der Standort ist auch in den städtischen Planungsunterlagen als idealer Standort für die Logistikbranche markiert. Planerisch spricht also erst einmal nichts gegen Amazon. „Glücklicherweise“ – so äußerte sich ein Baden-Badener Stadtrat am Rande der Sondersitzung des Gemeinderats zum Thema – hat man nun entdeckt, dass ein Areal nur wenige Hundert Meter vom Amazon-Gelände entfernt als möglicher Standort für den Neubau eines Zentralklinikums für Mittelbaden im Rennen ist. Logistikzentrum und Klinikum direkt nebeneinander – das beißt sich wegen des nächtlichen Lärms, so die Marschroute im Rathaus. Also wurde flugs der Bebauungsplan geändert und die Ansiedlung von lärmintensivem Gewerbe ausgeschlossen, solange nicht endgültig entschieden ist, wo die Klinik gebaut wird. In den kommenden Tagen wird der Internet-Händler also Post bekommen aus dem Rathaus, in der sein Bauantrag zurückgestellt und auf die lange Bank geschoben wird.

Nur ein Jahr Galgenfrist

Doch so lang ist diese Bank gar nicht. Es gibt nur eine Galgenfrist von etwa einem Jahr. Bereits im Sommer nächsten Jahres will man beim Klinikum Mittelbaden eine Standort-Entscheidung für den Neubau gefällt haben. Das Areal Haueneberstein hat dabei nach der Ansicht von Experten bestenfalls Mittelfeld-Chancen auf den Zuschlag. Spätestens dann kommt das Thema also wieder aufs Tapet – wenn Amazon bis dahin nicht das Interesse verloren hat. Darauf hofft man in der Baden-Badener Kommunalpolitik leise. Doch aktuelle Stellungnahmen von Amazon geben für diese Hoffnung wenig Nahrung. „Und dann haben wir nichts mehr im Köcher“, machte der Baubürgermeister auch im Gespräch mit den Bürgern deutlich, dass die Stadt dann nichts mehr gegen die Ansiedlung unternehmen kann.

Zumal sich auch das Gelände, auf dem der Internethändler bauen will, nicht in städtischem Eigentum befindet, sondern in Privatbesitz ist. Es gehört den Nachkommen des Besitzers eines Beton-Fertigteilewerks, das dort einmal eine dreistellige Zahl von Beschäftigten hatte – ebensoviele wie Amazon jetzt anstellen will. Und er hat gegenüber der Stadtverwaltung keine Gesprächsbereitschaft bekundet, wie aus dem Rathaus zu hören ist.

www.openpetition.de


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