Eine der letzten Bollenhutmacherinnen

Gutach (ela) – Eine Woche braucht Gabriele Aberle in ihrer Gutacher Werkstatt für einen der Trachtenhüte mit roten oder schwarzen Bollen. Sie ist eine der letzten Bollenhutmacherinnen.

Gabriele Aberle fertigt die traditionellen Bollenhüte an. Foto: Daniela Jörger

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Gabriele Aberle fertigt die traditionellen Bollenhüte an. Foto: Daniela Jörger

Flink lässt Gabriele Aberle die Schere klappern – und schneidet die dicken roten Bollen wieder in Form. „Wolle ist wie Holz, es arbeitet. Die Bollen müssen mehrfach nachgeschnitten werden“, verrät die 66-jährige Bollenhutmacherin aus Gutach. Zusammen mit einer „Kollegin“ aus dem benachbarten Kirnbach ist sie die letzte, die die originalen Hüte herstellt, die weltweit ein Symbol für den Schwarzwald geworden sind. Dabei wurden und werden sie auch nur in drei Gemeinden getragen: in Gutach, Wolfach-Kirnbach und Hornberg-Reichenbach.

Auch nach Jahrzehnten macht ihr die das Handwerksgewerbe – bei dem sie zunächst ab 1984 ihrer Mutter half, und das sie 2007 übernommen hat – noch Spaß. „Das läuft unter Hobby“, meint sie augenzwinkernd. Wie viele Hüte sie im Jahr herstellt, will sie nicht verraten. Sie sieht darin einen Beitrag zur Pflege des Brauchtums, der Bollenhut gehöre nun einmal zu ihrer Heimat. Bis heute wird er von Einheimischen an besonderen Tagen zur passenden Tracht getragen.

14 rote oder schwarze Bollen

Eine Woche benötigt Gabriele Aberle für einen Hut mit 14 roten oder schwarzen Woll-Bollen. Dafür wird die breite Krempe eines Strohhuts zunächst dick mit Gips eingestrichen und das Mittelteil schwarz eingefärbt. Dann wird Bollen für Bollen aus roter reiner Schurwolle gefertigt, in Form geschnitten und aufgenäht – auf keinen Fall aufgeklebt. Wichtig beim Aufnähen ist die genaue Anordnung in der traditionellen Kreuzform.

Zunächst wird die Krempe vergipst und das Mittelteil geschwärzt. Foto: Daniela Jörger

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Zunächst wird die Krempe vergipst und das Mittelteil geschwärzt. Foto: Daniela Jörger

Gipskrempe und 14 Bollen in unterschiedlichen Größen haben ihr Gewicht: Gut 1,5 Kilogramm kommen so zusammen, die die Trägerin möglichst elegant auf dem Kopf balancieren muss. „Der Hut muss richtig passen. Und durch ihn hält man sich automatisch gerader. Mit ein wenig Übung kann man damit sogar tanzen“, weiß Gabriele Aberle auch aus eigener Erfahrung. Abschließend erhält die Krempe noch einen aufgemalten schwarzen Rand – seit 1850 ist das so. Auch Puppen- und Miniaturhüte werden von ihr gefertigt.

Geschenk zur Konfirmation

Traditionell bekommen die Mädchen ihren Hut mit roten Bollen zur Konfirmation, erklärt sie weiter. Bis heute sehe man Mädchen damit und in Tracht an diesem Ehrentag zur Kirche gehen. „Der Vorteil: Alle sind gleich – und stolz. Sie tragen ihn von da an bis zu ihrer Hochzeit an Festtagen. An der Hochzeit selbst ist dann der „Schäppel“ – die Brautkrone – die Kopfbedeckung der Wahl. Ab da tragen Frauen den Hut mit schwarzen Bollen ihr Leben lang über ihrer ebenfalls schwarzen Haube.

Die Bollenhüte waren schon früher ein Luxusgut. „Sie waren schmückend, aber nicht notwendig. Denn als Kopfbedeckung trugen Frauen ja grundsätzlich eine Haube, der Hut kam darüber“, erklärt Aberle, die in Gutach in einem historischen Bauernhaus lebt und arbeitet. Aus diesem Grund wurden und werden sie immer noch in der Familie von einer Generation an die nächste weitergegeben. „Vor einigen Jahren trug ein Mädchen den Hut ihrer Urgroßmutter von um 1900 zur Konfirmation. Das war schon etwas Besonderes“, erinnert sich die Bollenhutmacherin.

Verheiratete Frauen tragen die Hüte mit den schwarzen Bollen. Foto: Daniela Jörger

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Verheiratete Frauen tragen die Hüte mit den schwarzen Bollen. Foto: Daniela Jörger

Wie vieles andere hat sich auch der Bollenhut im Laufe der Jahrhunderte verändert. Wurden die Bollen ganz zu Anfang (1794) noch aufgemalt, sind die ersten kleinen Woll-Exemplare bereits auf dem Glockenhut von 1820 zu sehen. Mit der Zeit wuchsen die Bollen – und die Krempe bekam ihren heutigen Schwung. „Wahrscheinlich hat sich der Hut mit dem wachsenden Wohlstand verändert“, meint Gabriele Aberle.

Respekt vor dem Brauchtum

Der Erhalt des Brauchtums und der Respekt davor sind ihr wichtig. Dass der Bollenhut heute so viel Aufmerksamkeit weltweit erfährt, sieht sie zwiespältig. Natürlich sei es einerseits schön, dass solch ein traditionelles Produkt ein Werbeträger für die Region geworden sei. Andererseits gebe es so viele andere schöne und viel wertvollere Trachten im Schwarzwald, die unverdienterweise aus dem Blickfeld der Menschen verschwänden. Den Blick auch auf diese zu lenken, ist ihr wichtig. Und dafür nimmt sie sich Zeit – zum Beispiel, wenn sie mehrmals im Jahr im Freilichtmuseum Vogtsbauernhöfe in Gutach gleich um die Ecke zu Gast ist und ihr altes Handwerk demonstriert.

Dass der Bollenhut in modernen Zusammenhängen transportiert wird, kann Gabriele Aberle Positives abgewinnen. So findet sie zum Beispiel die bekannten Bilder des Fotografen Sebastian Wehrle sehr schön, auch wenn dieser schon mal den Bollenhut auf eine Glottertäler Tracht setze. Das sei dann natürlich künstlerische Freiheit und optisch sehr schön, aber schade für die Glottertäler Tracht, die ebenfalls eine sehr schöne Kopfbedeckung habe, die nicht gezeigt werde.

Und natürlich stören Gabriele Aberle billige Nachahmer-Produkte aus China und unangemessener Kommerz. „Es muss nicht alles sein, was heute mit dem Bollenhut gemacht wird.“ Wichtig ist ihr die Achtung vor der Tracht – und dass der Schwarzwälder Bollenhut immer im Zusammenhang mit seinem Ursprung und seiner Heimat gesehen wird. Dazu will sie weiter ihren Beitrag leisten.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Jörger

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Erstellt:
8. August 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 28sec

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