„Eine sehr bittere Erkenntnis“

Rastatt/Stuttgart (bjhw) – Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) befasst sich im Sozialausschuss des Landtags mit den Corona-Ausbrüchen in Rastatt und Gaggenau.

Spricht von „ein paar wenigen Impfskeptikern, die die Belegschaft aufwiegeln und Zweifel streuen“ können: Sozialminister Manfred Lucha. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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Spricht von „ein paar wenigen Impfskeptikern, die die Belegschaft aufwiegeln und Zweifel streuen“ können: Sozialminister Manfred Lucha. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Nach einer Schweigeminute zum Gedenken an die 13 Verstorbenen hat sich der Sozialausschuss des Landtags mit den Corona-Ausbrüchen in Rastatt und Gaggenau befasst. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) nannte die Impfquoten vor allem im Haus Paulus in Rastatt als einen der Hauptgründe für die verhängnisvollen Infektionen.
Abhängig von „ein paar wenigen Impfskeptikern, die die Belegschaft aufwiegeln und Zweifel streuen“, könne sich „eine Binnendynamik“ entwickeln. Auf Details zu etwaigen Versäumnissen des Trägers wollte der Minister nicht eingehen, weil sie Gegenstand laufender Ermittlungen seien.

Welche neuen Informationen gibt es?
Sébastien Oser, Amtsleiter im Landratsamt Rastatt, nahm den Begriff „Binnendynamik“ auf und teilte mit, dass es im Haus Paulus in drei der fünf Wohnbereiche „sehr gute Booster-Quoten von 80 Prozent und mehr gegeben hat“. In den beiden anderen sei die Quote unter 50 Prozent. Aus Gesprächen mit Angehörigen wisse man inzwischen auch, dass sich einmal geimpfte Bewohner nicht weiter hätten impfen lassen wollen und dass erklärt worden sei, „wir sind nicht mehr sicher“, ob Impfen sein müsse. „Dann hat sich der eine oder andere davon anstecken lassen“, so Oser. Von den 13 Verstorbenen im Haus Paulus waren acht ungeimpft und zwei einfach geimpft, hatten eine zweite Impfung aber abgelehnt. Drei hatten den zweiten Stich erhalten.

Was geschah in den Stunden nach den ersten Infektionen in Rastatt?
Lucha präsentierte eine Chronologie, wonach das Gesundheitsamt am 21. Dezember über „mehrere Infektionen“ im Haus Paulus informiert wurde und dass „der Eintragsweg nicht festgestellt werden konnte“. Unmittelbar darauf seien Sachverhaltsermittlungen aufgenommen und die Arbeit in getrennten Pflegeteams angeordnet worden. „Es war eine vorbildliche Zusammenarbeit“, so Lucha. Festgestellt sind auch die Impfquoten: In Rastatt waren 85 Prozent der Bewohner und 80 Prozent der Beschäftigten durch zwei Spritzen grundimmunisiert, aber nur 55 beziehungsweise 26 Prozent geboostert.

Wie ist die Lage im Gaggenauer Heim?
Am 30. Dezember wurden sechs Infektionsfälle bekannt, davon einer durch Omikron. Ein Bewohner starb. 76 Prozent der Beschäftigten sind grundimmunisiert und 61 Prozent geboostert. Unter den Bewohnern liegen die Quoten bei 97 und 76 Prozent. „Das sind sehr traurige Fakten“, sagte der Minister, der auch einen Vergleich verwies: In den Kalenderwochen 40 bis 52 des Jahres 2020 starben in den Alten- und Pflegeheimen des Landes 2.324 Menschen, die 48 Prozent aller Todesfälle ausmachten. Im selben Zeitraum 2021 und nach vielen tausend Impfungen in den Einrichtungen waren es 317 Tote und damit neun Prozent aller Todesfälle.

Welche Lehren werden gezogen?
Lucha und Oser, aber auch die Verantwortlichen im Landesgesundheitsamt sehen jedenfalls keine Versäumnisse in der Impfkampagne. Zu Vorwürfen von Angehörigen, Betroffene hätten zu lange aufs Boostern warten müssen, sagte Lucha, es gebe auch eine Holschuld der Einrichtungen, nachdem die zuständigen Behörden monatelang und mehrfach schriftlich über Impfangebote informiert hätten. Er selber habe gerade noch einmal alle 1.700 Träger angeschrieben. Mit 85 Prozent der Einrichtungen gebe es überhaupt keine Schwierigkeiten, anderen habe zum Beispiel mit Mobilen Impfteams geholfen werden können. „Wenn sich Heimleitungen aber trotz mehrfacher Ansprache gegen Impfungen entscheiden, dann ist das Stand heute hinzunehmen.“ Erst eine verbindliche Impfpflicht werde das ändern, „das ist eine sehr bittere Erkenntnis“. Für den Rastatter SPD-Abgeordneten Jonas Weber wirft „die angedeutete Binnendynamik“ die Frage auf, wie eine impfabwehrende Haltung verhindert oder ihr zumindest entgegengewirkt werden könne. „Sollten die Behörden Hinweise auf Fehlverhalten haben“, so Weber weiter, „erwarte ich eine entsprechende Ermittlung durch Heimaufsicht und Staatsanwaltschaft.“


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