„Eine stille Geschichte“

Baden-Baden (naf) – Grausame Bestrafungen an der Tagesordnung: Zwischen der Nachkriegszeit und den 80er Jahren wurden jahrzehntelang Kinder in Verschickungsheimen misshandelt.

Das Kindersolebad in Bad Dürrheim diente schon 1913 als Kurort. Jahrzehnte später wurden dort Medikamententests durchgeführt. Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

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Das Kindersolebad in Bad Dürrheim diente schon 1913 als Kurort. Jahrzehnte später wurden dort Medikamententests durchgeführt. Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

Angst, Bestrafungen, Demütigungen: Was Kinder in ganz Deutschland von der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre hinein erleben mussten, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Trotzdem weiß kaum jemand von den etlichen Verschickungsheimen, die zum Albtraum vieler wurden. Sie alle sind der Beweis für eines: Die Missbräuche an Verschickungskindern waren keine Einzelfälle.

„Ich tauche nicht“, erzählt Bernd, „das kann ich bis heute nicht ertragen“. Fünf Jahre alt war der in Baden-Württemberg lebende Junge, als er die Kreistänze im Wasser auf Norderney tanzen musste. Hand in Hand mit älteren und weitaus größeren Kindern bewegte er sich durch das Wasser. Die tiefste Stelle war zu tief für ihn, Wasser platschte immer wieder in sein Gesicht, er rang nach Luft. „Ich bin halb untergegangen“, erzählt er gefasst. Die Tanten hätten dabei nur gelacht.

Die Tanten, das waren Aufsichtspersonen des Heims, in das Bernd mit seinen zwei älteren Schwestern 1962 verschickt wurde. Und Bernd heißt eigentlich nicht Bernd, möchte aus beruflichen Gründen jedoch nicht namentlich genannt werden. Seine Geschichte erzählen möchte er trotzdem. „Ich habe alles einigermaßen gut verkraftet“, sagt der 62-Jährige heute gegenüber dem BT. „Es ist mir vergleichsweise gut gegangen“, waren seine Gedanken, nachdem er zum ersten Mal von den Erlebnissen anderer ehemaliger Verschickungskinder in einer Selbsthilfegruppe gehört hatte.

Im Gegensatz zu den meisten Betroffenen sind Bernd und seine Schwestern nicht aus gesundheitlichen Gründen von Zuhause weggeschickt worden, „meine Eltern wollten sich einfach von uns erholen“. Dabei sollte das Heim auf Norderney helfen, eines von mehr als 800 Häusern – viele davon im Schwarzwald. Sie galten als klinische Einrichtungen und wurden von den Landesjugendämtern überwacht, die Träger bestanden aus kirchlichen sowie wohltätigen Organisationen, manchmal auch Betriebs- und Krankenversicherungsorganisationen. In Bernds Fall war das die Caritas.

Bestrafungen an der Tagesordnung

Seine älteste Schwester hat das Haus verflucht, erinnert er sich zurück. Denn Bestrafungen waren an der Tagesordnung, kleine sowie große. Bei falschem Verhalten gab es mal keinen Nachtisch als Strafe, mal vier Stunden Zwangsschlafen. Generell musste auf eine bestimmte Art geschlafen werden: auf dem Rücken, ohne Bewegung und „stramm wie ein Soldat“, erzählt Bernd. Auf die Toilette durfte man zu Ruhezeiten nicht mehr. Und wenn ein Kind dringend mal musste? Bei den Tanten gab es keine Ausnahmen, „die Angst war zu groß“, erzählt Bernd – selbst in der Nacht, als seiner ältesten Schwester die Aufsicht übergeben wurde und die Tanten aus dem Haus waren. „Meine Schwester hat den anderen Kindern gesagt, dass sie sich ruhig bewegen dürfen, aber sie hatten einfach zu große Angst“ – alles blieb still.

Jahre später unterhalten sich Bernd und seine damals zehnjährige Schwester über diese von ihr als „gewalttätig“ wahrgenommene Zeit. Beide Kinder entwickelten nach ihrem Aufenthalt einen ausgeprägten Gerechtigkeitswunsch, ungerechtes Verhalten können sie nur schwer ertragen.

Damit sind sie nicht alleine, einige der ehemaligen Verschickungskinder berichten davon. Was sie noch erzählen, lässt den Atem stocken: Kinder und Jugendliche wurden nicht nur streng und kühl behandelt, sondern aufs Grausamste bestraft, über mehrere Stunden allein in dunkle Räume ohne Toilette gesperrt, je nach Gewicht zum Essen oder Hungern gezwungen. Einige hatten die ganze Zeit über Durst, andere wurden von Gleichaltrigen verprügelt und anschließend von den Tanten fürs „Verpetzen“ bestraft. Jüngste Untersuchungen decken sogar Todesfälle von Kindern auf sowie auch Medikamententests, die im Kindersolebad Bad Dürrheim durchgeführt wurden.

„Stramm wie ein Soldat“: Ehemalige Verschickungskinder berichten, dass sie nur auf dem Rücken und ohne jegliche Bewegung schlafen durften. Foto: Verein Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung

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„Stramm wie ein Soldat“: Ehemalige Verschickungskinder berichten, dass sie nur auf dem Rücken und ohne jegliche Bewegung schlafen durften. Foto: Verein Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung

Durchschnittlich sechs Wochen lang waren die Kinder dem ausgesetzt. Der Heimaufenthalt wurde meist empfohlen, wenn man Unter- oder Übergewicht hatte, das einzige Erfolgskriterium war dann die Zahl auf der Waage. Ein Besuch der Eltern war oft nicht erlaubt, würde er doch den Kurerfolg gefährden. Und die Eltern hielten sich mehrheitlich daran, die Kosten für den Aufenthalt würden ansonsten nicht übernommen werden.

Nahtloser Übergang nach NS-Zeit


So ging es also weiter in den Verschickungsheimen, unentdeckt, jahrzehntelang. Wie kann das sein? „Ich erkläre es mir über den nahtlosen Übergang nach der NS-Zeit, die Gesellschaft war von dieser Zeit geprägt. Es gibt Menschen, die bleiben in ihren alten Strukturen, trotz des Prozesses der Demokratisierung“, sagt eines der Gründungsmitglieder des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg. Auch sie möchte nicht namentlich genannt werden, auch sie ist einmal selbst verschickt worden. Alle Mitglieder des Vereins seien ehemalige Verschickungskinder. Man habe ein ganz anderes Verständnis für Betroffene, wenn man selbst erlebt habe, was sie teils noch heute beschäftigt. Auch wenn die Worte ausbleiben, verstehe man.

Mit dem Ziel der Aufarbeitung wurde der Verein im Oktober 2020 von acht Mitgliedern gegründet. „Wir wollen eine Öffentlichkeit schaffen, das Thema braucht ein öffentliches Bewusstsein“, sagt das Gründungsmitglied. Neben der Außenwirkung schaffe der Verein außerdem „Strukturen, die wir brauchen, diese werden unterstützt über eine Website und außerdem noch gezielt vom Sozialministerium“.

All das brauche man, um eine Anlaufstelle für Betroffene bieten zu können. Die Selbsthilfegruppen finden aktuell dreimal im Monat online statt, „um sich zu entlasten und zu vernetzen“, erklärt das Gründungsmitglied. „Diese Erfahrung hat die Vita der Menschen sehr geprägt und als Kind wurde es ihnen nicht geglaubt.“ Das Geschehene sei dadurch „eine stille Geschichte, die zu ungeheuerlich ist, die nicht ins öffentliche Bewusstsein passt“. Doch die Selbsthilfegruppe zeige mittlerweile: „Man ist nicht allein“.

Dieses Signal sendet auch die Politik. „Der Leiter des Referats Kinderschutzkonzepte im Sozialministerium ist mit der Bitte auf uns zugekommen, dass wir uns mit einigen der ehemaligen Träger an einen Tisch setzen“, erzählt Andrea Weyrauch. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Vereins und repräsentiert diesen in der Öffentlichkeit – auch mit ihrem Namen. Das Sozialministerium habe dafür gesorgt, dass ehemalige Träger wie die Deutsche Rentenversicherung und die LIGA der freien Wohlfahrtspflege sich zu einer Arbeitsgruppe mit dem Verein zusammengefunden hätten, so Weyrauch. Trotzdem müsse noch einiges geschehen. „Die Träger sollten sich zunächst ein eigenes Bild über ihre damalige Stellung machen, aktiv auf uns zukommen und sich auch bekennen.“ Träger der Wohlfahrtsverbände hätten bereits damit angefangen. Von Krankenkassen und Rentenversicherungen hingegen nur: „Schweigen“.

Novum auf Bundesebene

Das Landesarchiv in Stuttgart hat außerdem ein Verzeichnis aller bekannten Kinder- und Jugendheime erstellt, die zwischen 1949 und 1975 existiert haben. Die weit über 500 Einträge umfassende Liste beinhaltet auch Angaben zu Ansprechpartnern und – soweit bekannt – zu den einzelnen Heimen, ein Novum auf Bundesebene. Der Verein hat es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, ein Zeitzeugenarchiv zu erstellen. Mehr als 350 Personen hätten mit Berichten über das Erlebte schon dazu beigetragen. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs an Betroffenen“, ist sich Weyrauch sicher. Mit jeder Berichterstattung würden sich mehr ehemalige Verschickungskinder melden. Auch Bernd findet es gut, dass man das Thema aufarbeitet. Rechtliche Schritte hätten hingegen nur Sinn, wenn Personen, die damals in leitender Position waren, zur Rechenschaft gezogen werden, findet er. Die meisten würden wahrscheinlich sowieso nicht mehr leben. Erleichtert habe ihn aber vor allem eines: „Zu wissen, ich bin nicht allein.“

Kontakt für Betroffene

Ehemalige Verschickungskinder, die in Baden-Württemberg untergebracht wurden, dort gelebt haben oder mittlerweile leben, können den Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg so erreichen: Per Mail an mail@verschickungsheime-bw.de, unter (0049) 1787362824 oder auf www.verschickungsheime-bw.de.


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