Einer der letzten Zeitzeugen erinnert sich an seine Jugend

Rastatt (mak) – Der 94-jährige Rastatter Heimatforscher Hermann Stimmler blickt in seiner jetzt erschienenen Autobiografie auf die Zeit des Nationalsozialismus in Rastatt zurück.

Hermann Stimmler und sein Enkel Moritz Schottmüller werfen einen Blick in die Autobiografie. Foto: Markus Koch

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Hermann Stimmler und sein Enkel Moritz Schottmüller werfen einen Blick in die Autobiografie. Foto: Markus Koch

Er ist erleichtert und froh, dass er es nach rund vier Jahren nun endlich geschafft hat: Hermann Stimmler, 94 Jahre alt und nach wie vor mit einem bemerkenswerten Gedächtnis ausgestattet, hat seine Autobiografie in Buchform veröffentlicht. Der Heimatforscher thematisiert unter dem Titel „Hochmut. Meine Kindheit und Jugend im Dritten Reich“ seine persönlichen Erlebnisse während der NS-Diktatur. „Warum hast du mitgemacht?“, lautete eine der vielen Fragen, die Moritz Schottmüller an seinen Großvater gestellt hat. Und auch die anderen drei Enkel hatten immer wieder Geschichten von ihm hören wollen. So machte sich Hermann Stimmler vor einigen Jahren daran, seine Erinnerungen aufzuschreiben. 2017 nahm sich Moritz Schottmüller des Kriegstagebuchs von Stimmler an. Der Student an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung hat die schwer zu lesende Handschrift, die durch die Erfahrungen in französischer Kriegsgefangenschaft immer zittriger wurde, nicht nur transkribiert, sondern auch die Zeichnungen und Kritzeleien des Tagebuchs übernommen. „Es wurde nichts verändert oder geschönt, nicht einmal die Rechtschreibfehler“, betont er. Das rund 90 Seiten umfassende Tagebuch-Transkript ist der 224-seitigen Autobiografie angehängt. Stimmler hatte das Büchlein damals im Futter seiner Jacke geschmuggelt: „Ich hatte ständig Angst davor, dass sie mich damit erwischen und zum Minenräumkommando schicken“, erläutert der Rastatter.

Nach dem Krieg Nachforschungen begonnen

Stimmler verwendet in seinem Buch 37 Abbildungen aus seinem privaten Archiv und dem Stadtarchiv. Hierbei griff er vorwiegend auf Aufnahmen des Rastatter Fotografen Horst Hofstätter zurück. Grafikstudent Schottmüller hat bei der Gestaltung Wert darauf gelegt, dass die historischen Aufnahmen deutlich vom Text getrennt werden. Sie wurden in Originalgröße jeweils auf eine eigene Seite platziert. In der Autobiografie werden auch NS-typische Begriffe wie „Endsieg“ verwendet, die Teil der Alltagssprache waren. Sie werden mit einem halbierten Sternchen besonders gekennzeichnet. Einige Namen werden durch einen schwarzen Balken unkenntlich gemacht, sofern deren Nachfahren noch leben und sie keine Personen des öffentlichen Lebens waren. Und warum hat Hermann Stimmler damals begeistert bei der Hitlerjugend mitgemacht? „In den jungen Menschen wurden Stolz und Hochmut herangezüchtet, daher auch der Titel“, erläutert Schottmüller. „In dem Buch wird die Maschinerie, Menschen für die NS-Ideologie zu gewinnen, sehr gut beschrieben“, urteilt der 26-Jährige. Stimmler beschreibt seine Zeit in der Hitlerjugend und bei der Wehrmacht, die anschließende Kriegsgefangenschaft und die Nachkriegszeit in der Barockstadt. „Mein Großvater ist ein Stellvertreter seiner Generation. Was ihn aber von vielen unterscheidet, ist der Umstand, dass er schon früh nach Kriegsende Nachforschungen anstellte – ohne Angst, sich dabei auch selbst zu beschmutzen“, zollt Moritz Schottmüller seinem Großvater Respekt. Dieser hatte 1993 an der Ausstellung im Stadtmuseum „Rastatt 1933 bis 1935“ mitgearbeitet. Hermann Stimmler ist sehr dankbar darüber, dass sich sein Enkel der Vollendung des Buchprojekts angenommen hat. „Ich danke auch Dieter Wolf vom Historischen Verein und Werner Hudelmaier, ohne die dieses Buch nicht geschrieben worden wäre.“ Die Biografie wird mit einer Lesung im Stadtmuseum vorgestellt, ein Termin steht noch nicht fest.


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