„Einige Vereine werden in die Bredouille kommen“

Bühl (moe/ket) – Stefan Voppichler und Bernd Bross sind gestählte Fußballfunktionäre. Im BT-Interview sprechen die Vorstände des Fußball-Landesligisten VfB Bühl über Abbruchszenarien, die Arbeit des SBFV und das Gebaren des Profifußballs.

Müssen die Corona-Krise gezwungenermaßen aussitzen: Die VfB-Vorstände Stefan Voppichler (links) und Bernd Bross. Foto: Frank Seiter

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Müssen die Corona-Krise gezwungenermaßen aussitzen: Die VfB-Vorstände Stefan Voppichler (links) und Bernd Bross. Foto: Frank Seiter

Stefan Voppichler und Bernd Bross sind in vielerlei Hinsicht gestählte Fußballfunktionäre. Seit Jahrzehnten lenken sie als Vorstandsmitglieder die Geschicke des Landesligisten VfB Bühl, wobei sich Voppichler um die sportlichen Belange und Bross um die Finanzen kümmert. Die Corona-Krise stellt die erfahrenen VfB-Macher vor nie dagewesene Probleme. Mit Moritz Hirn und Frank Ketterer hat sich das Duo über Abbruchszenarien, die Arbeit des südbadischen Verbands und das Gebaren des Profifußballs in Sachen Geisterspiele unterhalten.

BT: Herr Voppichler, Herr Bross, am Samstag wäre theoretisch das Derby gegen Oberachern II angepfiffen worden. Wie schwer fällt Ihnen die fußballfreie Zeit?

Bernd Bross: Im Moment tut es unheimlich weh. Der Rasen liegt gut da, das Wetter passt, aber es tut sich nix – und das schon seit Wochen. Das ist schon trostlos. Vor allem, weil man nicht weiß, wann es wieder weitergehen kann. Es gibt keine greifbare Option.

„Einheitliche Lösung als klares Ziel“

BT: Einige Optionen wurden aber bestimmt bei den jüngsten Videokonferenzen des Südbadischen Fußballverbands und den Vereinen diskutiert. Was wurde diesbezüglich genau besprochen?

Stefan Voppichler: Es ging hauptsächlich darum, den Vereinen einen Eindruck zu gewähren, wie die Gesamtgemengelage derzeit ist. Viele rufen ja nach schnellen Entscheidungen, aber das ist ganz offenbar gar nicht so einfach: Die laufende Saison ist das eine. Wenn man die abbrechen würde – egal wie man sie nachher wertet – sagt der Verband durchaus zurecht: „Wir wissen immer noch nicht, wann wir überhaupt weitermachen können.“ Die Auswirkungen auf die nächste Spielzeit, die ja normalerweise Mitte August anfangen würde, sind auf alle Fälle da. Das sieht der Verband als sehr großes Problem. Klares Bestreben des SBFV ist aber eine bundesweit einheitliche Lösung. Das wäre zweifellos sinnvoll. Aber wie man es auch aus den Diskussionen in der Politik kennt, sind die Positionen der Landesverbände durchaus unterschiedlich. Wenn eine einheitliche Lösung nicht gelingen sollte, strebt der SBFV zumindest eine süddeutsche Lösung an.

BT: Welche Szenarien sind in der Diskussion?

Voppichler: Es gibt im Prinzip drei: Szenario eins hat sich aber schon erledigt, nämlich, dass die Saison wie bisher stets am 30. Juni abgeschlossen ist. Das ist vom Tisch, weil man das nicht mehr hinkriegt. Die zweite Option lautet: Abbruch der laufenden Saison. Das wirft die Frage auf, wie werten wir die Runde eigentlich? Die dritte Variante wäre, dass der Spielbetrieb ruht und auch nach dem 30. Juni fortgesetzt werden könnte. Diese Möglichkeit hat der DFB den Verbänden ja bereits eingeräumt. Das wäre im Prinzip die Grundlage, die laufende Runde auch noch im Spätjahr zu Ende zu spielen.

Bross: Das Kardinalsproblem ist schlichtweg die Frage: Wann kann es wirklich wieder weitergehen?

BT: Als eine Option wird auch gehandelt, die aktuelle Saison einzufrieren, sie im nächsten Frühjahr zu Ende zu spielen und dann die nächste Spielrunde ausfallen zu lassen?

Voppichler: Das ist zumindest theoretisch ein Ansatz. Das halte ich aber auch für schwierig, weil dann die Abgrenzungsprobleme immer größer werden. Nochmal: Das große Problem ist, dass keiner weiß, wann es wieder losgehen kann. Wenn man diesen Zieltermin nicht hat, wie soll man dann irgendwelche Dinge drumherum basteln?

BT: Haben Vereine, die gegen den Abstieg spielen, ein anderes Begehren als die, die um den Aufstieg kämpfen?

Voppichler: Den Eindruck habe ich nicht. Die Vereinsverantwortlichen haben überwiegend das Gemeinwohl im Blick. Das muss derzeit auch der sportlichen Situation vorausgehen. Die größte Uneinigkeit gäbe es sicher bezüglich der sportlichen Wertung im Falle eines Abbruchs.

„DFB ist bemüht, alles richtig zu machen“

BT: Im Gegensatz zu anderen Sportarten tut sich der Fußball mit einem Abbruch so schwer. Warum?

Voppichler: Die Option ist meiner Meinung nach im Moment nicht gegeben, weil das Problem einer Fortführung damit nicht gelöst ist.

BT: Welche Figur gibt bei der ganzen Thematik der Verband in Freiburg ab?

Voppichler: Ich habe schon den Eindruck, dass es sich die Verantwortlichen nicht einfach machen und versuchen, gute Lösungen hinzubekommen. Das ist aber echt schwer! Ich weiß, dass sich die Verantwortlichen in Freiburg meist im Tagesrhythmus kurzschließen, diskutieren, neue Themen erörtern. Im Moment wird obendrein ein Rechtsgutachten erstellt, weil das Thema für den SBFV selbst auch große Auswirkungen hat, vor allem im finanziellen Bereich. Die Verantwortlichen sprechen von einem Fehlbetrag im sechsstelligen Bereich.

BT: Wenn es um Finanzhilfen geht, wird immer wieder nach dem DFB gerufen. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise?

Voppichler: Ich habe das Gefühl, dass der DFB momentan nichts über die Köpfe der Landesverbände hinweg entscheiden will, um sich nicht irgendwann gefallen lassen zu müssen: „Ihr habt das von oben herab bestimmt!“ Klar ist aber, dass sich der DFB politisch um finanzielle Unterstützung für die Vereine bemüht. Das ist auch notwendig, denn mittel- und langfristige Folgen für Amateurclubs wird es geben.

Bross: Man neigt ja schnell dazu, Leuten, die in der Verantwortung stehen, auf die Finger zu klopfen und zu sagen: „Jetzt macht doch mal!“ Aber diese Krise kam aus dem Nichts. Dass da im Nachhinein betrachtet Dinge passieren, die vielleicht nicht ideal gelaufen sind, ist klar. Aber das Bemühen, alles richtig zu machen, ist definitiv da. Was mir rund um den DFB gefällt, ist, dass man einsieht, dass der Fußball nicht das Wichtigste auf der Welt ist. Der Sport steht aktuell hintan, wenn man sieht, was derzeit in der Wirtschaft alles diskutiert werden muss. Aber einige Vereine werden sicher in die Bredouille kommen.

BT: Wie ist es um Ihren VfB finanziell bestellt?

Bross: Im Moment ist es sozusagen ein Schlafzustand: Alles ruht. Es gibt momentan keine Sponsoren, die ihr Geld zurückfordern, weil derzeit unsererseits keine Leistung erbracht wird. Wie reagiert wird, wenn wir irgendwann wieder Rechnungen verschicken müssen, weiß ich allerdings nicht. Was uns fehlt, sind die Einnahmen unseres traditionellen Open-Air-Konzerts. Das haben wir schon vor drei Wochen abgesagt. Für unseren Etat hätten wir das dringend gebraucht. Je länger die Krise geht, umso größer werden natürlich die Fragezeichen.

BT: Welche Vereine sind härter betroffen: höherklassige oder die ganz unten?

Voppichler: Am allerschwersten trifft die aktuelle Phase sicher Vereine aus der dritten Liga sowie der Regional- und Oberliga, Clubs aus dem semiprofessionellen Bereich, die noch nicht ganz oben angekommen sind, aber schon gewaltige Kosten haben. Beispielsweise die vertraglichen Verpflichtungen den Spielern gegenüber.

Bross: Niederklassige Vereine wird es vielleicht nicht ganz so hart treffen. Man hat natürlich laufende Kosten für Strom, Wasser und so weiter, aber das lässt sich vielleicht eher verkraften. In der Tat kommt es darauf an, wie man schon vor der Krise aufgestellt war. Wenn man große Kostenblöcke hat, wird es schwieriger. Klar: Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Clubhauserlöse und Sportfeste, das bricht weg – und kann wehtun.

BT: Wie gehen eigentlich Ihre Spieler mit der Situation um?

Voppichler: Wir haben Fragebögen an die Jungs verschickt. Die einhellige Meinung war, dass sich keiner vorstellen kann, momentan Fußball zu spielen. Nach dem Motto: „Ich kann nicht im Homeoffice arbeiten, dann am Abend meine Kicktasche packen und ins Training gehen. Wie soll ich das meinem Arbeitgeber erklären?“ Unabhängig davon haben mir zwei Spieler erzählt, dass sie heute eine 30 Kilometer lange Wanderung machen. Ich habe dann gesagt: „Hoffentlich nur zu zweit!“ Insgesamt entdecken die Jungs in dieser Phase eben auch mal andere Dinge.

BT: Könnte das Folgen für die Zeit nach der Krise haben?

Voppichler: Es könnte – bei der Jugend, aber auch bei den Erwachsenen – durchaus eine Langzeitfolge sein, dass vielleicht der ein oder andere für sich merkt, dass ihm der Fußball gar nicht fehlt. Ich denke, die, die zurückkommen – und das wird die Mehrheit sein – werden richtig großen Bock haben. Und vielleicht merken, dass Vereinsleben nicht nur aus dreimal Training in der Woche besteht.

„Geisterspiele will eigentlich keiner sehen“

BT: Machen wir einen kurzen Ausflug in die Bundesliga. Glauben Sie, dass die Saison mit Geisterspielen zu Ende gespielt wird?

Voppichler: Ich bin von Kind auf Fußballer und natürlich fehlt mir auch die Bundesliga oder die Champions League. Aber ich tue mich schwer, extra für den Fußball einen sterilen Wettbewerb zu schaffen. Daran kann ich mich nicht richtig gewöhnen. Was mich zudem wundert, ist die Tatsache, dass noch kein Bundesligaspieler oder Trainer tatsächlich gesagt hat: „Geisterspiele könnt ihr gerne machen – aber ohne mich!“

Bross: Geisterspiele will ja eigentlich keiner sehen. Wenn man eine Runde mit aller Gewalt zu Ende spielen will, entsteht noch mehr der Eindruck, dass es rein ums Geld geht. Es kann keiner behaupten, dass es einem Fußballer Spaß macht, ohne Publikum zu spielen.

BT: Hand aufs Herz: Wie wird es im Amateurbereich, wie wird es beim VfB weitergehen?

Voppichler: Ich tue mich damit sehr schwer. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir vor September trainieren oder spielen können. Wenn der Bayerische Fußballverband als einer der größten Landesverbände – wie am Freitagabend geschehen – sein Bestreben verkündet, bis zum 31. August alles absagen zu wollen, dann hat das für mich schon eine gewisse Signalwirkung.

Bross: Ich denke auch, dass die Runde nicht fertiggespielt werden kann. Die Frage ist, was passiert mit der nächsten Runde? Und bei allen Szenarien, die in dem Zusammenhang diskutiert werden, ist entscheidend, wann es vertretbar ist, wieder loszulegen.

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Erstellt:
19. April 2020, 23:55 Uhr
Lesedauer:
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