Einkaufstourismus ins Elsass spaltet die Gemüter

Baden-Baden (for) – Die Tatsache, dass Deutsche trotz Corona-Krise im Elsass shoppen gehen können, während hierzulande alles geschlossen ist, sorgt bei vielen Händlern in Mittelbaden für Unmut.

Strenge Kontrollen an der Wintersdorfer Rheinbrücke im Frühjahr: Der Eurodistrict Strasbourg-Ortenau möchte verhindern, dass sich diese Situation wiederholt. Foto: Frank Vetter/Archiv

© fuv

Strenge Kontrollen an der Wintersdorfer Rheinbrücke im Frühjahr: Der Eurodistrict Strasbourg-Ortenau möchte verhindern, dass sich diese Situation wiederholt. Foto: Frank Vetter/Archiv

Während Deutschland das öffentliche Leben seit Mittwoch weitgehend heruntergefahren hat, sind im benachbarten Frankreich die strengen Regelungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie inzwischen wieder gelockert worden. Bei den Einzelhändlern in Mittelbaden sorgt das größtenteils für Unmut. Sie gehen davon aus, dass viele Deutsche ihre letzten Weihnachtseinkäufe nun im Elsass erledigen.

Frankreich lockert Einreisebestimmungen

So lockt die Elsass-Metropole Straßburg am vierten Adventssonntag gar mit einem verkaufsoffenen Sonntag von 10 bis 19 Uhr, ebenso Mühlhausen und das Outlet-Center in Roppenheim. Bereits zum 28. November war in Frankreich die landesweite Schließung aller Geschäfte aufgehoben worden. Hinzu kommt, dass die französische Regierung ihre bisher geltenden strengen Ausgangsbeschränkungen deutlich gelockert hat. Demnach gilt die Ausgangssperre in unserem Nachbarland nur noch von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens. Gleichzeitig hat die französische Regierung die Einreisebestimmungen gelockert. Damit entfällt für Deutsche, die etwa in Roppenheim einkaufen wollen, die Pflicht, eine ausgefüllte Sonderausgangsbescheinigung („Attestation de déplacement dérogatoire“) mitzuführen, in der bislang der Zweck der Reise aufgeführt werden musste.

Für Bürger aus Baden-Württemberg heißt das, dass sie tagsüber ungehindert zum Weihnachts-Shopping über den Rhein fahren können. Die deutsch-französische Grenze ist offen, und wer sich maximal 24 Stunden in Frankreich aufhält, muss sich nach Angaben des Sozialministeriums auch nicht in Quarantäne begeben.

Händler in Mittelbaden verärgert

Für einen Großteil der Einzelhändler in Mittelbaden sind diese Regelungen alles andere als nachvollziehbar: „Die Reaktionen, die mich heute schon von vielen Händlern erreicht haben, sind entsetzlich“, sagt Matthias Vickermann, Vorsitzender der Einzelhändler-Initiative Baden-Baden Innenstadt (BBI). Viele fühlten sich ungerecht behandelt. „Es ist auch einfach kontraproduktiv, wenn wir hier alles schließen müssen, während in Frankreich alles offen hat“, fügt er hinzu. Es dürfe nicht passieren, dass sich nun der ganze Trubel ins benachbarte Elsass verlagert. „Damit wäre keinem geholfen.“

Franz Bernhard Wagener, Modehändler aus Baden-Baden, sieht das ähnlich: „Das Ziel war eigentlich, dass die Kontakte gemindert werden – und nicht, dass wir das Virus jetzt nach Frankreich transportieren“, betont er. Vorwürfe dürfe man den Franzosen aber nicht machen. „Wir können denen nicht vorschreiben, welche Entscheidungen sie treffen müssen, schließlich hatten wir auch offen, als in Frankreich alle Geschäfte geschlossen waren. Da waren wir damals genauso rücksichtslos“, sagt er. „Ich bin absolut nicht glücklich mit der jetzigen Situation, aber man muss fair damit umgehen.“ In Zeiten wie diesen zeige sich, „wie schlecht es ist, wenn man vorher nicht miteinander spricht“ – insbesondere über die Grenzen hinweg.

Forderung nach strengeren Grenzregelungen

Vickermann ist der Meinung, dass auch Deutschland ähnlich wie Frankreich schon viel früher in einen harten Lockdown hätte gehen müssen und nicht erst kurz vor Weihnachten. So wie es jetzt ist, könne es aber nicht weitergehen. Einige Händler fordern laut Vickermann sogar, drastische Schritte einzuleiten und die Grenzen unter diesen Bedingungen lieber wieder zu schließen. Der Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) kann die Wut auf der deutschen Seite des Rheins nachvollziehen: „Die Gefahr eines Shopping-Tourismus in die Schweiz oder nach Frankreich ist jetzt sehr groß. Das wäre verheerend und vor allem für die Händler an den Grenzen eine schreiende Ungerechtigkeit und eine Wettbewerbsverzerrung. Nach einem Verbot der Landesregierung von ,Click and Collect‘ wäre dies der nächste Nackenschlag für die Branche“, sagt HBW-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann auf BT-Nachfrage. Der HBW sympathisiere deshalb mit der Forderung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), eine Testpflicht für alle Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland einreisen, einzuführen.

Eurodistrict setzt sich für Grenzoffenhaltung ein

Beim Eurodistrict Strasbourg-Ortenau sorgen solche Aussagen für Entsetzen: „Wir setzen uns nach wie vor ganz klar für eine Grenzoffenhaltung ein, das ist wichtig für die Mobilität und für den europäischen Gedanken“, betont Pressesprecherin Kathrin Neuss. Um das aufrecht zu erhalten, sei auch die 24-Stunden-Regel, die Grenzgänger in Risikogebiete von der Quarantänepflicht befreit, unverzichtbar. „Vorher war der harte Lockdown auf französischer Seite, jetzt sind eben wir dran“, merkt Neuss an. Das sei kein Grund, erneut über strenge Grenzregelungen nachzudenken. „Ich glaube, der Schock vom Frühjahr sitzt noch tief genug. Das war für viele auch emotional eine schwierige Zeit, das sollten wir nicht vergessen“, betont Neuss.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.