Einsam Richtung Derbysieg

Karlsruhe (rap) – Keine Fans im und am Wildparkstadion, kaum Polizisten im Einsatz: Das „Corona-Derby“ zwischen dem Karlsruher SC und dem VfB Stuttgart am Sonntag war eins, das in die Geschichte eingehen wird.

In Partylaune: KSC-Linksverteidiger Dirk Carlson (am Auto) lässt sich nach dem 2:1-Derbysieg von den Fans vor dem Wildparkstadion feiern. Foto: Prang/GES

© GES/Helge Prang

In Partylaune: KSC-Linksverteidiger Dirk Carlson (am Auto) lässt sich nach dem 2:1-Derbysieg von den Fans vor dem Wildparkstadion feiern. Foto: Prang/GES

Um 12.08 Uhr heult dann doch noch eine Polizeisirene auf. Zumindest ganz kurz. Drei Polizisten sperren schnell die Straße ab, Sekunden später brausen zwei Einsatzwagen den Adenauerring entlang, im Schlepptau den Mannschaftsbus des VfB Stuttgart. Normalerweise würden just in diesem Moment hunderte blau-weiße Anhänger den Gästebus mit Schlacht- und Schmährufen in Empfang nehmen, zeigen, wer hier im Wildpark das Sagen hat. Doch seit Corona ist nichts mehr wie es war – auch nicht das Ländle-Derby. So biegt das schwarze Ungetüm um die Ecke Richtung Stadion, als Geleitschutz Baustellenfahrzeuge, -werkzeug und Absperrgitter so weit das Auge reicht – und eine Handvoll Polizeibeamte und Ordner. Fans sucht man an diesem verregneten und wolkenverhangenen frühen Mittag jedoch vergeblich rund um den Wildpark.

Schon die Anfahrt bietet ein trostloses Bild. Dort, entlang des Adenauerrings, wo sonst bereits zwei Stunden vor Anpfiff Auto an Auto dicht gedrängt parkt, kleine und große KSC-Fans gemütlich, aber hoffnungsvoll Richtung Wildpark schlendern, herrscht nun gespenstische Leere: Ein Polizeibeamter sucht unter einer Brücke Schutz vor dem Dauerregen, ein verwegener Jogger trotzt den dicken Regentropfen, selbst den Vögeln scheint das Wetter aufs Gemüt zu schlagen, denn Gezwitscher ist kaum zu hören. Dass hier in gut 90 Minuten ein prestigeträchtiges Derby stattfinden soll – nicht wirklich vorstellbar.

Zwei Fans begrüßen die KSC-Spieler

Vier Minuten nach dem VfB-Bus kommt dann die KSC-Kolonne vorgefahren, jeder Spieler in seinem eigenen Pkw. Mittendrin auch Cheftrainer Christian Eichner. Neben den KSC-Ordnern haben sich urplötzlich doch zwei Edelfans eingefunden. Spalier stehen für den Heimsieg lautet die Devise. „Haut‘ die Schwaben heute weg“, gibt Markus Halblaub KSC-Innenverteidiger Daniel Gordon mit auf den Weg – inklusive Daumen nach oben. „Wir glauben an euch!“, legt sein Kumpel Sandro Amberger nach.

„Das war für uns Ehrensache“, sagt Halblaub. „Natürlich auch bei dem Schmuddelwetter.“ Der weitere Plan? „Jetzt gehen wir in eine Kneipe und schauen uns den Derbysieg an“, lautet Ambergers frommer Wunsch. Schnellen Schrittes macht sich das Duo auf den Weg Richtung Innenstadt.

Es ist 13.12 Uhr, das Badner Lied ertönt auf der Baustelle Wildparkstadion. Kein Schal findet den Weg in die Luft, niemand singt mit. Wie auch? Ist ja niemand da. Das Trostlos-Level steigt minütlich, dafür nimmt zumindest der Regen ab. Pünktlich um 13.30 Uhr pfeift Timo Gerach das Geister-Derby an. Es werden Anweisungen auf den Platz gebrüllt, die bis nach draußen vors Stadion durchdringen. Kurz darauf folgt ein lauter Torschrei: Der KSC führt, wie die nicht zu überhörende Stimme von Stadionsprecher Martin Wacker verrät.

Genug auf den Betonklotz geglotzt, die Suche nach den blau-weißen Anhängern wird fortgesetzt – und zwar in den Kneipen Karlsruhes. Im Vogelbräu schauen etliche Fans bangen Blicks Richtung Bildschirm, auch am Kronenplatz und Marktplatz wird mitgefiebert – brechend voll ist es aber nirgendwo, allein schon wegen Corona.

Rund 100 KSC-Anhänger feiern mit den Spielern

Der Weg zurück Richtung Derbygeschehen führt über den Schlossgarten, Spaziergänger genießen die Regenpause. Am Stadion angekommen, es laufen die Schlussminuten und der KSC verteidigt wacker seine 2:1-Führung, ist das Gebrüll noch lauter als zu Beginn. Fans sind aber immer noch keine da. Um 15.22 Uhr ertönt schließlich der Schlusspfiff, der wohl einsamste Derbysieg aller Zeiten ist perfekt.

Wenige Minuten später kommen sie dann doch, die KSC-Fans, stehen Spalier für ihre Derbyhelden. Rund 100 Anhänger machen Fotos, beklatschen die Spieler für den ersten Sieg gegen die Schwaben nach 13 langen Jahren und verabschieden den VfB-Bus mit reichlich Häme. Plötzlich ist es dann doch da, das Gefühl von Normalität – selbst in so verrückten Zeiten wie diesen.

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Erstellt:
15. Juni 2020, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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