Einsatz einer App eine Option

Karlsruhe (ml) – Den Einsatz einer App zur besseren Isolation von Gefährdeten und Gefährdern hält Armin Grundwald in der Corona-Krise für „diskussionswürdig“, wie der Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzungen im BT-Interview sagt.

Plädiert für Insellösungen in einer globalisierten Welt: Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald.  Foto: Margull/Archiv

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Plädiert für Insellösungen in einer globalisierten Welt: Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald. Foto: Margull/Archiv

Mit einer App könnten in der Corona-Krise Gefährdete und Gefährder besser voneinander isoliert werden, wenn die Ausgangsbeschränkungen einmal gelockert werden. Prof. Dr. Armin Grunwald hält die Idee für diskussionswürdig. Der Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist zugleich Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzungen beim Deutschen Bundestag. Im BT-Interview spricht der Physiker und Philosoph darüber, wie sich die Gesellschaften nach der Pandemie entwickeln könnten.

BT: Herr Grunwald, als Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag beraten Sie die Politik zumeist in eher mittel- oder langfristigen Zukunftsfragen. Nun drängt die Entscheidung zu einem aktuellen Thema: Soll man eine App einführen, mit der man Menschen warnen kann, wenn Sie Kontakt zu einem mit Corona Infizierten hatten?

Armin Grunwald: Da gibt es – wie so oft – ein Abwägungsproblem. Natürlich ist die informationelle Selbstbestimmung wichtig, also vor allem die Klärung der Frage, was mit den Daten passiert. Auf der anderen Seite steht der ebenso legitime Wunsch, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, um Menschen zu schützen. Je nach Situation kann eine solche Abwägung zu einem unterschiedlichen Ausgang führen. Wenn die Bedrohungslage ansteigt, dann wird man auch eher bereit sein, aus rationalen Gründen Einschränkungen in anderen Bereichen hinzunehmen. Wir haben – soweit ich das übersehe – in Deutschland kein Problem damit, dass demokratische Grundrechte wie Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit oder das Recht auf Freizügigkeit eingeschränkt worden sind. Wir sehen, dass es eine Krise gibt, der man nur mit besonderen Mitteln beikommen kann. Deshalb halte ich es für diskussionswürdig, nach der Feststellung besonderer Umstände auch Künstliche Intelligenz oder eine App einzusetzen, um den Virus besser bekämpfen zu können. Der Einsatz muss natürlich überwacht, demokratisch legitimiert, auf den Fall begrenzt sein und nach dem Ende der Krise beendet werden. Und es muss klar sein, dass die Daten nur strikt zweckgebunden verwendet werden dürfen.

Was passiert nach dem 19. April?

BT: Dieser Abwägungsprozess müsste im aktuellen Fall wohl ungewöhnlich schnell passieren.

Grunwald: Diese App müsste – sofern das technisch funktioniert – bald funktionsfähig sein und ihr Einsatz zeitnah beschlossen werden. Wir haben zunächst die Ausgangsbeschränkungen bis zum 19. April. Die große Frage ist, was danach kommt. Man darf nicht voreilig alles lockern, sonst droht die zweite Infektionswelle. Also muss man andere Maßnahmen ergreifen. Eine wäre, die Gruppe der Gefährdeten, also der Angehörigen von Risikogruppen, und der Gefährder, also der Infizierten, für die Dauer der Pandemie stärker voneinander zu isolieren. Dann könnte man dem weitaus größeren Teil der Bevölkerung wieder mehr Freiheiten einräumen, was gesellschaftlich sicher ein wichtiges Argument ist.

BT: Die App sollte ja auf freiwilliger Basis eingesetzt werden. Glauben Sie, dass dazu eine ausreichend große Bereitschaft bestehen würde?

Grunwald: Das ist schwer zu beantworten, weil es in der Vergangenheit keine vergleichbaren Situationen gegeben hat. Ich nehme aber eine hohe Sensibilisierung der Bevölkerung für das Problem wahr. Das zeigt die hohe Akzeptanz der Einschränkungen. Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass eine auf den Einzelfall beschränkte und befristete Maßnahme auch auf Akzeptanz stoßen würde. Die müsste ja nicht bei 100 Prozent liegen, da würden auch 80 oder 90 Prozent viel bringen.

Gefahr einer Pandemie unterschätzt

BT: Corona ist ein neues Virus. Doch die Gefahr einer Pandemie besteht schon länger, 2009 rief die WHO eine solche wegen der Schweinegrippe aus, die dann glücklicherweise glimpflicher verlief. Hat man das Thema danach unterschätzt?

Grunwald: Ja, es gab vor der Schweinegrippe auch schon SARS, ein ganz ähnlicher Erreger. Der hat sich damals vor allem auf China und Südostasien beschränkt und war nicht so leicht übertragbar wie Covid-19. Wäre dies anders gewesen, hätten wir die Situation schon damals gehabt. Damals hatte das Robert-Koch-Institut Szenarien veröffentlicht, was passieren könnte, wenn ein neuer Virus mit üblen Eigenschaften auftauchen würde. Davon hat aber niemand groß Kenntnis genommen. Das kann man mit einer gewissen Sorglosigkeit erklären, die sich in modernen, reichen Gesellschaften eingeschlichen hat. Es ist die Annahme, dass immer alles gut funktioniert und dass uns schon nichts Schlimmes passieren wird. Auch als das Coronavirus in China schon wütete, gab es bei uns noch eine Unbekümmertheit, die Annahme uns erwischt das schon nicht.

BT: Wir leben in einer globalisierten Welt, das betrifft nicht nur Warenströme oder wirtschaftliche Verflechtungen. Millionen von Menschen reisen jährlich aus den unterschiedlichsten Gründen quer durch die Welt. Das befördert den Ausbruch einer Pandemie. Wird man da umdenken?

Grunwald: Die Reisen von vielen Millionen Menschen aus beruflichen, touristischen und auch privaten Gründen ist im Sinne eines entstehenden Weltbürgerbewusstseins schön. Es gibt immer mehr Kontakte, für deren Pflege man eben fliegen muss. Und unsere Kinder absolvieren Schuljahre oder Semester in entfernten Ländern. Aber dabei gibt es eben auch Kehrseiten. Das ist die schlechte Klimabilanz und die Lärmbelästigung beim Fliegen, und die rege Reisetätigkeit befördert auch die Verbreitung von Viren. Ich hoffe aber nicht, dass man an dem Entstehen eines Weltbürgertums rütteln wird.

Insellösungen schaffen

BT: Die derzeitige Krise offenbart unsere Abhängigkeiten von global aufgestellten Technologieanbietern und komplexen Warenströmen, wie das Beispiel der in China produzierten Atemschutzmasken zeigt. Wie könnte man da gegensteuern?

Grunwald: Unsere Abhängigkeit von einzelnen Technologien und teilweise von Monopolisten, die sie anbieten, ist ein großes Thema, das bislang noch nicht besonders wahrgenommen worden ist. Jetzt fliegt das eben auf. Das ist eine Chance, die ungebremste Globalisierung zu hinterfragen. Sie ist hoch ökonomisch und effizient, aber auch sie hat ihre negativen Begleiterscheinungen, wie wir gerade sehen. Deshalb sollten wir überlegen, Insellösungen zu schaffen, damit nicht die ganze Welt von einem Rohstofflager in China oder einer Fabrik in den USA abhängig ist. Das heißt, über dezentrale Lösungen nachzudenken.

BT: Digitale Kommunikationswege sorgen derzeit im persönlichen Bereich dafür, dass die nötige Distanz nicht zur völligen Isolation führt. Wird das die Akzeptanz digitaler Technologien massiv steigern und das Zusammenleben verändern?

Grunwald: Ich glaube, dass die Akzeptanz von digitalen Technologien in Deutschland insgesamt kaum gesteigert werden kann, weil sie bereits riesig hoch ist. Nur einige haben sich nicht durchsetzen können, weil sie auch echte Nachteile haben. So wurde schon vor zehn oder 15 Jahren angenommen, dass man Geschäftsreisen bald einstellen und sie durch Videokonferenzen oder das Internet ersetzen könnte. Das ist nicht passiert, weil der Austausch bei einem analogen Treffen mit echten Menschen etwas anderes ist als auf den Bildschirm mit kleinen Bildchen von 20 anderen Menschen zu blicken und ein Moderator dafür sorgt, dass nicht alle gleichzeitig reden. Insgesamt ist es aber super, dass es die Technologien heute gibt. Hätten wir die gleiche Situation vor 30 Jahren gehabt, dann wären wir vor einem Fernseher mit drei Programmen und neben einem Festnetztelefon gesessen. Da wäre von Homeoffice keine Rede gewesen, und vor allem hätte man den sozialen Kontakt zu den Menschen, die man gerade nicht besuchen darf, nicht so aufrechterhalten können. Wir erfahren gerade, dass die digitalen Alternativen für manche Dinge sehr gut, für andere schlecht geeignet sind. Deshalb sollten wir das Digitale nicht gegen das Analoge ausspielen, sondern beide mit ihren Stärken zusammenzubringen. Das lernen wir im Moment sehr gut.

Wertschätzung des Analogen wird steigen

BT: Die in Deutschland oft als zu langsam voranschreitende Digitalisierung in der Arbeitswelt erhält derzeit einen Schub, vor allem durch Homeoffice, digitalen Unterricht oder Videokonferenzen. Wird das unser Arbeitsleben verändern?

Grunwald: Auch das ist schwer zu beantworten, weil es kein Vorbild gibt. Ich kann mir vorstellen, dass die Wertschätzung des Analogen wieder steigen wird, wir werden den persönlichen Kontakt wieder mehr schätzen. Umgekehrt wird das Vertrautwerden mit digitalen Instrumenten dazu führen, dass wir uns mehr hinterfragen werden, wo man wirklich eventuell unter hohem Aufwand selbst erscheinen muss.

BT: Wissenschaft ist im Moment als Ratgeber sehr gefragt, auch in der Politik. Wird das anhalten?

Grunwald: Da habe ich so meine Zweifel. Das Ansehen der Wissenschaft ist im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen auch vor der Krise recht ordentlich gewesen. Im Moment ist es nicht die Wissenschaft an sich, die das besondere Ansehen genießt und auch die Macht bekommt, sondern die Virologie. Wenn das Problem hoffentlich wieder verschwindet oder zumindest gut beherrscht werden kann, dann wird diese Macht in der Öffentlichkeit wieder zurückgehen. Das ist auch gut so, weil die jetzige Fokussierung auf die Virologie den besonderen Umständen geschuldet ist. Wenn man das Zusammenleben nur streng nach den Maßstäben der Virologie sehen würde, dann wäre der Mensch vor allem ein Überträger von Viren. Diese Sichtweise ist derzeit nötig, deshalb stehe ich auch hinter den Maßnahmen. Aber sobald sich die Situation wieder beruhigt, ist es wichtig auch andere Wissenschaften wie die der Wirtschaft, der Gesellschaft oder der Psychologie wieder stärker einzubinden, um die Spätfolgen zu meistern.


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