350 Jahre Klosterschule vom Heiligen Grab

Baden-Baden (up) – Generationen von Kindern und vor allem weiblichen Jugendlichen haben über Jahrhunderte in der Klosterschule vom Heiligen Grab ihre schulische Ausbildung erhalten. Jetzt feiert die Schule Jubiläum: Am 7. Juli wird das heutige Gymnasium 350 Jahre alt. Das Badische Tagblatt blickt zurück auf dessen wechselvolle Geschichte.

Die Klosterschule vom Heiligen Grab war einst die erste herzoglich legitimierte Bildungseinrichtung für Mädchen. Foto: Philipp

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Die Klosterschule vom Heiligen Grab war einst die erste herzoglich legitimierte Bildungseinrichtung für Mädchen. Foto: Philipp

Das 17. Jahrhundert war in Europa geprägt vom 30-jährigen Krieg (1618-1648). Auch in Baden und Württemberg hatten die Verwüstungen zu bitterster Not der Bevölkerung geführt. Allein im Herzogtum Württemberg sank ihre Zahl von 400000 auf 50000 Menschen, es überlebte also nur jeder achte. Aber auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erging es den Menschen nicht viel besser. Weitere militärische Auseinandersetzungen mit französischen Truppen, die ihren Einfluss in der Region sichern wollten, verhinderten oft das Einbringen der Ernten, dazu kamen Plünderungen und klimatisch bedingte Missernten.

In dieser Zeit entschloss sich Markgräfin Maria Franziska von Baden am 7. Juli 1670, die Klosterschule vom Heiligen Grab zu gründen – „zur größeren Ehre Gottes und zur besten Unterweisung der Jugend“, ist ihre Motivation dafür in der Gründungsurkunde in französischer Sprache verbrieft. Es war ihr ein besonderes Anliegen, die Erziehung und Bildung junger Mädchen zu fördern, denn in Baden-Baden gab es bisher nur eine Jesuitenschule, die ausschließlich Jungen aufnahm.

Besonderes Anliegen der Markgräfin war es, die Erziehung und Bildung junger Mädchen zu fördern. Foto: Archiv

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Besonderes Anliegen der Markgräfin war es, die Erziehung und Bildung junger Mädchen zu fördern. Foto: Archiv

Somit war die Klosterschule am heutigen Römerplatz, gleich neben der Caracalla-Therme, die erste herzoglich legitimierte Bildungseinrichtung für Mädchen. Als Lehrerinnen konnte die Markgräfin vier Chorfrauen (Sepulchrinerrinnen) und eine Laienschwester aus dem belgischen Lüttich gewinnen. Dort befand sich deren Mutterkloster St. Agatha, zu dem Maria Franziska gute Kontakte geknüpft hatte, denn sie war in der Gegend um Köln und Aachen aufgewachsen. Hier hatte sie die Bildungsarbeit der Ordensschwestern aus Lüttich kennen und schätzen gelernt. Knapp vier Monate nach der offiziellen Gründung nahmen die Nonnen am 15. Oktober 1670 ihre Arbeit auf.

Neben den Internatsschülerinnen wurden auch Mädchen aus Baden-Baden unterrichtet, die täglich von zuhause in die Klosterschule kamen. Diese entwickelte sich schnell zu einer Mädchenvolksschule, in der neben religiöser Unterweisung und Handarbeit großen Wert auf den Französischunterricht gelegt wurde. Sie wurde von der Bevölkerung gut angenommen, sodass das bestehende Gebäude irgendwann nicht mehr ausreichte. An der Stelle des benachbarten Gasthauses „Zum Ungemach“ ließ die Markgräfin deshalb ein neues dreistöckiges Gebäude errichten, das 1689 fertiggestellt wurde. Und während der zum Gasthaus gehörende Brunnen bis heute im Innenhof des Klosters steht, wurde der Neubau noch im gleichen Jahr durch einen Großbrand zerstört.

Im Zuge des pfälzischen Erbfolgekrieges legten französische Truppen Ludwigs des 14. die Bäderstadt in Schutt und Asche. Nur die Klosterkirche überstand den Krieg, und erst elf Jahre später, im Jahr 1700, kehrten die Ordensschwestern zurück in das mühsam wiederaufgebaute Kloster und nahmen den Schulbetrieb wieder auf. Bereits zwei Jahre später starb Markgräfin Maria Franziska. Und da für ihre berühmte Nachfolgerin, Markgräfin Sibylla Augusta, das Kloster keine große Rolle spielte, geriet es in finanzielle Schwierigkeiten.

Markgraf Ludwig Georg bekannte sich 1727 jedoch zu den Verpflichtungen des badischen Herrscherhauses und veranlasste finanzielle Unterstützung. Dadurch konnten 1744 ein neuer Gebäudeflügel errichtet und die Barockkirche ausgeschmückt werden. Die steigende Zahl von Schülerinnen hatte unterdessen auch zu einem höheren Personalbestand geführt, mit dem Schulgeld alleine waren die damit ebenfalls gestiegenen Kosten nicht zu decken. Unterrichtet wurden die Mädchen inzwischen in „Gottesfurcht“ (dem Katechismus), Lesen, Schreiben, Nähen und Klöppeln. Ab den 1750er Jahren kam noch der sogenannte „deutsche Unterricht“ dazu, der neben Musik, Geografie und Historie auch Rechnen umfasste.

Ein Blick in den Waschraum der Klosterschule, die von Internatsschülerinnen und Mädchen, die in Baden-Baden wohnten, besucht wurde.  Foto: Archiv

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Ein Blick in den Waschraum der Klosterschule, die von Internatsschülerinnen und Mädchen, die in Baden-Baden wohnten, besucht wurde. Foto: Archiv

Die Wirren der Französischen Revolution im Jahr 1789 kündigten – genau 100 Jahre nach dem Großbrand – die nächste Zeitenwende an. Im Nachbarland jenseits des Rheines war schlagartig kein klösterliches Leben mehr möglich. Zahlreiche Klöster mussten schließen und Ordensleute wurden gezwungen, ihr Gelübde nicht mehr auszuüben. Ordensschwestern aus dem Elsass fanden damals auch im Kloster vom Heiligen Grab Schutz. Nach der Jahrhundertwende wurde dann aber Gewissheit, was bislang als vage und befremdlich wahrgenommen und befürchtet worden war. Im Zuge der napoleonischen Eroberungen begann auch in den Ländern des Rheinbundes die Säkularisierung (Aneignung oder Nutzung kirchlichen Besitzes durch weltliche Kräfte). Und weil damit auch diesseits des Rheins viele Klöster aufgelöst wurden und Bildungseinrichtungen nicht mehr unter kirchlicher Aufsicht stehen durften, stand die Existenz der Klosterschule vom Heiligen Grab einmal mehr auf dem Spiel.

Nach der Umwandlung in ein „Lehr- und Erziehungsinstitut“ nannten sich die Klosterfrauen „Institutsfrauen“. Foto: Philipp

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Nach der Umwandlung in ein „Lehr- und Erziehungsinstitut“ nannten sich die Klosterfrauen „Institutsfrauen“. Foto: Philipp

Der badischen Großherzogin Stephanie, einer Adoptivtochter Napoleons, ist es zu verdanken, dass ihre Schließung im Jahr 1810 abgewendet werden konnte. Ein Jahr später erfolgte jedoch deren Umwandlung in ein „Lehr- und Erziehungsinstitut“. Die Klosterfrauen nannten sich nun „Institutsfrauen“, durften aber weiterhin ihre Ordenstracht tragen. Ihr Armuts- und Keuschheitsgelübde galt nur noch drei Jahre lang und konnte anschließend erneuert oder aufgekündigt werden. Den religiösen Wertekern ihres Bildungsauftrages gelang es den Ordensfrauen zu bewahren und auch in das anbrechende Zeitalter der industriellen Revolution hinüberzuretten.

Eine weitere Bedrohung für das Kloster vom Heiligen Grab ergab sich aus dem Kulturkampf zwischen dem unter Otto von Bismarck gegründeten Deutschen Kaiserreich und der katholischen Kirche in den Jahren 1877/78. Viele Protestanten waren skeptisch gegenüber den katholischen, päpstlich gesinnten Gläubigen, was sich auch auf die Bildungspolitik niederschlug. In Baden mussten katholischer und protestantischer Religionsunterricht ab sofort nebeneinander stattfinden. Deshalb wurden auch bald die ersten evangelischen Schülerinnen an der Klosterschule aufgenommen, die dadurch ihren Fortbestand sicherte und sich zudem einen guten Ruf erarbeitete. Aus Platzmangel wurde das Kloster im Jahr 1885 um ein viertes Stockwerk erweitert und fünf weitere Jahre später der sogenannte „Bernhardusbau“ fertiggestellt.

Die Ordensfrauen bewahrten stets den religiösen Wertekern ihres Bildungsauftrags. Foto: Philipp

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Die Ordensfrauen bewahrten stets den religiösen Wertekern ihres Bildungsauftrags. Foto: Philipp

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) engagierten sich die Schwestern zusammen mit den Schülerinnen für eine bessere Ausstattung der Soldaten. Die damalige Priorin Maria Amalia wurde dafür im Jahr 1916 mit dem „Goldenen Kriegsverdienstorden“ ausgezeichnet. Die Gründung der Weimarer Republik brachte, auch für die Klosterschule, neue Freiheiten, da viele staatliche Beschränkungen abgeschafft wurden und sich die Unterrichtstätigkeit frei entfalten konnte. So wurden mehrere Schultypen angeboten wie Grundschule, Mädchenrealschule, Frauenschule oder Haushaltungsschule, um nur einige zu nennen.

Mit der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 mussten jedoch Rückschläge verkraftet werden. Den NS-Ideologen war die katholische Lehre ein Dorn im Auge, so durften ab 1937 die Kinder von Beamten und Mitgliedern der NSDAP keine konfessionell gebundenen Bildungseinrichtungen mehr besuchen. Das hatte unter anderem zur Folge, dass die Schule am 1. April 1940 schließen musste, zum ersten Mal seit dem Großbrand von 1689. Dafür kam diesmal das Klostergebäude vergleichsweise unbeschadet davon. So blieb die Baden-Badener Altstadt von alliierten Bombenangriffen weitgehend verschont. Nur eine Granate schlug in den Bernhardusbau der Klosterschule ein, das Einschussloch ist bis heute am Musikraum 101 zu sehen.

Nach dem Kriegsende bestimmte die französische Militärregierung über die Geschicke der Klosterschule. Noch im Jahr 1945 durfte dort wieder unterrichtet werden, auch deshalb, weil die Schwestern über den Verdacht erhaben waren, nationalsozialistisches Gedankengut zu verbreiten. Im Jahr 1968 wählte der Konvent der Schwestern Oberstudienrat Ottmar Vetter zum ersten weltlichen Schulleiter. Er baute die gymnasiale Oberstufe auf und machte die Klosterschule zur damals größten gymnasialen Bildungsstätte der Stadt.

In seiner Amtszeit schritt die Verweltlichung der Schule weiter voran. Im Jahr 1980 gehörten nur noch zwei Klosterschwestern dem Lehrerkollegium an: Priorin Maria Cecilia Jenne (Fachlehrerin für Geschichte) und Schwester Michaela (Internatsleiterin und Religionslehrerin). Und im Jahr 1982 – 312 Jahre nach ihrer Gründung – wurden erstmals Jungen in die Eingangsklassen der Klosterschule aufgenommen. Die gymnasiale Oberstufe konnten Jungen aber schon vorher besuchen. Das Ende einer Ära ist datiert auf das Jahr 2002, als die beiden letzten Klosterschwestern vom Heiligen Grab in den Ruhestand gingen. Nach 331 Jahren endete damit die bis dahin durchgängige Kontinuität ihrer Anwesenheit, sie zogen in ihren Altersruhesitz nach Ebersteinburg, das Inventar des Klosters wurde versteigert. Insgesamt haben 16 Priorinnen zwischen 1670 und 2002 die Geschicke des Klosters und der Klosterschule geleitet.

Der aktuelle Direktor Tobias Vorbach war einer der ersten Jungen, die an der Klosterschule Abitur gemacht haben, er ist ihr fünfter weltlicher Schulleiter.


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