Einst in Ötigheim Gamaschen und „Drogen“ verkauft

Von Anja Groß

Ötigheim (as) – Hüftgürtel, Gamaschen, Drogen und vieles mehr: Was sich jahrzehntelang bei Mode Lorenz in Ötigheim angesammelt hat, zeigt jetzt eine Privatausstellung. Sie garantiert eine Zeitreise.

Einst in Ötigheim Gamaschen und „Drogen“ verkauft

Reise durch die Zeitgeschichte: Beatrix und Heinz Lorenz zeigen „alte Schätzchen“ aus mehr als 100 Jahren Manufakturwaren, Kleinkaufhaus und Modegeschäft in Ötigheim. Fotos: Frank Vetter

Gamaschen, Teppiche, Hüftgürtel, Hüte, Kleidung verschiedener Modestile und sogar „Drogen“ – wer Beatrix Lorenz in Ötigheim besucht, der darf vielleicht auf eine kleine Zeitreise gehen. Denn sie und ihr Mann Heinz haben die Corona-Zeit genutzt, um im ehemaligen Lager des weit über Ötigheim hinaus bekannten früheren Modehauses ein privates kleines Museum einzurichten – nicht öffentlich zugänglich.„In diesem Haus wurde nie etwas weggeworfen“, sagt Beatrix Lorenz – und das hat sich im Nachhinein als großes Glück erwiesen. Denn von 1909 bis 2017 haben die drei weiblichen Inhaberinnen von Manufakturwaren (so auch die ursprüngliche Geschäftsbezeichnung) über Drogerieartikel, Verbandsmetarial bis zu Spielzeug, Stoffen, Apothekenwaren und natürlich Kleidung in der Kronenstraße 6 fast alles verkauft.

„In der Parisern“ einkaufen

Gründerin Sophie Speck (Jahrgang 1881) hatte in Frankfurt Modistin gelernt. Sie fertigte also Damen-, Herren- und Kinderhüte sowie Kappen oder Brautgestecke an. 1903 ging die damals 22-Jährige nach Paris, um dort zu arbeiten – ohne ein Wort Französisch zu können, nur mit einem umgangssprachlichen Wörterbuch in der Tasche, das in der Privatausstellung ebenfalls zu sehen ist. Eine mutige Frau.

„In der Parisern einkaufen“ gehen, das war später im Ötigheimer Dialekt ein geflügeltes Wort, bei dem jeder wusste: Ein Einkauf bei Manufakturwaren Sophie Speck stand auf dem Plan. Denn 1909 kehrte die junge Frau, die auch in Baden-Baden und Frankfurt gearbeitet hatte, in den Heimatort zurück und baute die ehemalige Bäckerei in der Kronenstraße 6 in ein Textileinzelhandelsgeschäft um. Die alte Handkasse aus dem vorigen Jahrhundert ist genauso noch da wie der Mantel der Großtante aus deren Zeit in Paris. „Brauchst nicht in die Stadt zu laufen, bei Sophie Speck kannst gut und billig kaufen“ lautete ihr selbstbewusster Werbespruch, der ebenfalls auf alten Schildern und alten Werbegeschenken für die Kunden prangt, die Großnichte Beatrix Lorenz aufgehoben hat. Kleine Märchenbücher aus den 1930er-Jahren beispielsweise, die die Kinder beim Einkaufen geschenkt bekamen. Denn im Geschäft wurde nahezu alles verkauft, was im Dorf benötigt wurde – auch Spielzeug. Davon zeugen ein altes Schaukelpferd in der Privatschau ebenso wie der über 100 Jahre alte „nickende Nikolaus“, wegen dem sich jedes Jahr aufs Neue zur Weihnachtszeit Jung und Alt an der Schaufensterscheibe die Nasen platt drückten.

Stückweise Zeitgeschichte

Nicht so offensichtlich wurden die „Drogen“ aufbewahrt – Arzneien in Fläschchen, die „unter Verschluss gehalten werden mussten“, erzählt Bea-trix Lorenz und präsentiert lachend die alten Utensilien. Ein Stück Zeitgeschichte – ebenso wie die Aussteuerartikel – etwas, was es heute in der Form nicht mehr gibt. Das waren meist hochwertige Heimtextilien wie Tisch- oder Bettwäsche, die junge Mädchen nach und nach geschenkt bekamen und bis zur Hochzeit aufbewahrten.

Kurzwaren, Stoffe, Faschingskostüme, eine Kinderwagengarnitur – die Privatausstellung scheint ein unerschöpflicher Fundus. Hier greift Heinz Lorenz einen Kummerbund, den er einst getragen hat, dort zieht er Gamaschen aus dem Schrank. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von eleganten Herren über den Schuhen getragen – meist zu knöchellangen Anzughosen.

Aber auch eine Pinnwand mit Unterwäsche ziert den Raum: Ein Hüftgürtel (an dem die Damenstrümpfe befestigt wurden) und Unterkleider erinnern an andere Zeiten. Genau wie die Kinderbadeanzüge mit Bein, gehäkelte Schalkragen in verschiedenen Farben, mit denen man ein Kleid „aufpeppen“ konnte. Denn „früher war Kleidung wertvoll und wurde wertgeschätzt und aufgetragen“, weiß Lorenz – „es war kein Wegwerfartikel wie heutzutage“.

Entdeckungen in jeder Schublade

„Auch Rosenkränze, Krankenartikel oder Totenwäsche“ gehörten einst zum Sortiment des Ladens. Denn zur damaligen Zeit wurden Verstorbene in der Regel noch zu Hause aufgebahrt, damit Familie, Nachbarn und Freunde Abschied nehmen konnten.

1957 übergab Sophie Speck den Betrieb ihrer Nichte Sofie Kühn, die bei ihr aufgewachsen war und mit ihrer kaufmännischen Ausbildung schon eine Weile im Betrieb mitarbeitete. Sie führte es als „Textilhaus Sofie Kühn“ weiter, baute mehrfach um und entwickelte den Betrieb zu einem modernen Ladengeschäft.

1963 begann Beatrix Kühn eine Lehre im elterlichen Geschäft, das sie seit 1994 als Modegeschäft führte – mit Saisonverkauf in Bruchhausen und Filiale in Muggensturm (1999 bis 2004), die später Sohn Daniel leitete. „Irgendwann haben wir das Sortiment auf Oberbekleidung reduziert“, erinnert sich Beatrix Lorenz: „Es hat niemand mehr genäht, Handarbeiten war nicht mehr angesagt – die Zeiten wandelten sich“.

Besichtigung auf Anfrage möglich

In ihrem kleinen privaten Ausstellungsraum aber erinnert noch vieles an früher: Vom Zubehör für handgeknüpfte Teppiche bis zu Stoff-Taschentüchern, ein unverzichtbares Utensil, bevor es Papiertaschentücher gab. Auch alte Model zum Stoffdruck oder eine Spindel sind dort zu sehen – „manche Dinge kommen auch zu uns, weil die Leute wissen, dass wir das sammeln, und sie es sonst wegwerfen würden“, erzählt Heinz Lorenz und weist auf drei alte Bügeleisen, die mit glühend heißen Kohlen betrieben wurden.

In jeder Schublade, die Beatrix und Heinz Lorenz aufziehen, gibt es Schätze zu entdecken: Modeschmuck, Taschen, Kopfschmuck. Und die Fotoalben von ihren früheren Modenschauen im „Hirsch“ erinnern an andere Zeiten. Davon können die beiden einiges erzählen. Auf Anfrage öffnen sie auch gerne die Türen zu ihrem „Privatmuseum“.