Einst schnellster Mann im Murgtal

Gernsbach (stj) – Norbert Götz war vor 50 Jahren der schnellste Mann im Murgtal, ehe ihn eine Verletzung ausbremste und sein frühes Karriereende besiegelte. Am 29. Dezember feiert Götz 70. Geburtstag.

Bis heute freundschaftlich verbunden: Leichtathletik-Trainer Werner Kneisch (links) und sein einstiger Schützling Norbert Götz mit der Bestenliste aus dem Jahr 1970. Foto: Stephan Juch

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Bis heute freundschaftlich verbunden: Leichtathletik-Trainer Werner Kneisch (links) und sein einstiger Schützling Norbert Götz mit der Bestenliste aus dem Jahr 1970. Foto: Stephan Juch

Talente werden oft nur durch Zufall entdeckt. So war es auch bei Norbert Götz. Der Obertsroter hat 1967 „einfach so“ mit einer Delegation des heimischen Turnvereins am Landesturnfest in Lörrach teilgenommen und ging über die 100 Meter an den Start. „Ohne Training“ lief er in 12,4 Sekunden über die Ziellinie. Dadurch wurde Trainer Werner Kneisch auf den jungen Mann aufmerksam und nahm ihn unter seine Fittiche. Nur drei Jahre später wurde Götz zum schnellsten Mann im Murgtal.

Schon eineinhalb Jahre nach der ersten Duftmarke beim Turnfest in Lörrach und dem harten Training unter Kneisch kam Norbert Götz ins Aufgebot für den Jugendländerkampf Südbaden gegen Rheinhessen. Beim 100-Meter-Lauf in Mainz belegte er in 11,2 Sekunden Rang zwei. 1968 und 1969 steigerte sich der für den Turnverein Obertsrot startende Hundertmeterläufer kontinuierlich.

Der TVO bildete ab 1970 zusammen mit den Turnvereinen Weisenbach, Gernsbach, Hörden, Michelbach und dem TSV Loffenau das Leichtathletik-Zentrum (LAZ) Murg (bestand bis 1976). Dort avancierte Götz beim Sprint schnell zum Aushängeschild bei den Junioren, vor allem als er 1970, seinem besten Jahr, die Schallmauer von 11,0 regelmäßig durchbrechen konnte: In der Kreisbestenliste belegte Götz 1970 mit 10,7 und 22,2 Sekunden sowohl über 100 als auch über die 200 Meter Rang eins. Zweimal (1970 und 1971) feierte er die Badische Vize-Juniorenmeisterschaft. Geschlagen geben musste sich der Athlet aus Obertsrot dabei stets Karlheinz Klotz, der später Deutscher Meister über die 100 Meter wurde und bei den Olympischen Spielen 1972 in München mit der Staffel der Bundesrepublik die Bronzemedaille gewann.

Mit seiner Bestzeit von 10,7 Sekunden, die Götz 1970 auf der Bahn am Sportplatz in Hörden lief, qualifizierte er sich für die Deutschen Juniorenmeisterschaften 1971 in Bonn. Die Teilnahme dort bezeichnet Götz als seinen größten Erfolg, auch wenn ihm im Vorlauf ein Fehlstart unterlief. „Ich musste dann auf Nummer sicher gehen, weil ein weiterer Fehlstart das Aus bedeutet hätte“, blickt der Jubilar zurück und zeigt sich zufrieden: „Ich bin trotzdem noch 10,8 gelaufen und habe den Zwischenlauf nur ganz knapp verpasst.“ Für seine persönliche Bestzeit von 10,7 ist der Murgtäler damals auch für die beste sportliche Leistung im Landkreis Rastatt ausgezeichnet worden.

„Ich hab‘ noch so viel vorgehabt mit Dir“, schaut Werner Kneisch beim gemeinsamen BT-Gespräch auf seinen einstigen Schützling, dessen Karriere am 16. Juni 1971 abrupt endete. Beim Training in Hörden riss die Achillessehne – eine Verletzung, die das Sprinten auf diesem Niveau damals nicht mehr zuließ. „Er wäre sicher noch zwei, drei Zehntel schneller gelaufen“, ist sich sein Entdecker Werner Kneisch sicher: „Er war ja erst 20!“

Tischtennis zweite sportliche Heimat

Die beiden trainierten drei Jahre lang akribisch zusammen, Kneisch erstellte für jeden Tag einen entsprechenden Plan. Selbst in der Mittagspause haben die beiden des Öfteren in Hörden auf der 400-Meter-Bahn geschwitzt. Heimische Trainingsstätte war der alte Obertsroter Sportplatz gegenüber dem Schwimmbad (heute Wohnmobilstellplatz). Auch Sprintlehrgänge in Kehl und Steinbach wurden absolviert, den Hügel hinauf zum Schloss Eberstein kannte Götz in- und auswendig, sogar auf Sand im Rastatter Münchfeld striezte ihn sein Coach und Mentor Werner Kneisch. „Ihm habe ich viel zu verdanken“, blickt Götz vor seinem 70. Geburtstag zurück auf die viele Zeit, die sein einstiger Trainer für ihn „geopfert“ habe. Beim harten Wintertraining, das mit Bändern, Medizinbällen und Hanteln im Obertsroter Kirchl stattfand, assistierte Vereinskamerad Eugen Thelen, dem Götz genauso dankbar ist.

Nach dem verletzungsbedingten Aus der Leichtathletikkarriere fand Norbert Götz im Tischtennis seine zweite sportliche Heimat. In der 1969 gegründeten Abteilung beim Turnverein Obertsrot spielte er 38 Jahre lang aktiv in der ersten Herrenmannschaft, mit der es der nun 70-Jährige bis in die Bezirksliga schaffte.

Inzwischen sind sowohl die Leichtathletik- als auch die Tischtennisabteilung beim TVO Geschichte, die Erinnerungen an die glorreichen sportlichen Zeiten aber bleiben. Sie wären heute sicher zur Sprache gekommen, wenn die Weggefährten von einst zum runden Geburtstag vorbei gekommen wären. Corona macht der geplanten Sause am 30. Dezember in Götz‘ Stammkneipe „Zur alten Tanke“, die auch ein Bild von ihm aus alten Sportlerzeiten schmückt, aber leider ein Strich durch die Rechnung. „Das holen wir nach“, gibt sich der Jubilar zuversichtlich.


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