Einstige Karlsruher Tänzer begeistern mit Tango in Salzburg

Salzburg/Karlsruhe (cl) – Hochleistungsballett mit Showeffekt: Einstige Tänzer des Staatsballetts Karlsruhe, Flavio Salamanka und Reginaldo Oliveira, begeistern mit „Tanto... Tango!“ in Salzburg.

Im wunderbar aufeinander eingespielten Salzburger Ballett-Ensemble wird das Lebensgefühl des Tangos zelebriert; vorne die ehemalige Karlsruher Ballerina Harriet Mills im Pas de deux mit Iure de Castro.  Foto: Tobias Witzgall/Landestheater Salzburg

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Im wunderbar aufeinander eingespielten Salzburger Ballett-Ensemble wird das Lebensgefühl des Tangos zelebriert; vorne die ehemalige Karlsruher Ballerina Harriet Mills im Pas de deux mit Iure de Castro. Foto: Tobias Witzgall/Landestheater Salzburg

Die Hochleistungsfähigkeit der Hochkultur, wenn sie sich der Populärkultur annimmt wie bei „Tanto... Tango!“ am Landestheater Salzburg, kann mit ihrer technischen Brillanz und absoluten Hingabe alles in den Schatten stellen, was an Tourneetheater – von „Tanguera“ bis „Rock the Ballet“ – landauf, landab mit dem Versuch unterwegs ist, die Massen zu erreichen.

Zum Saisonstart hat das Ballettensemble der Festspielstadt in der Wiederaufnahme (nach der Uraufführung kurz vor dem Lockdown im Oktober 2020) mit den blitzschnell und kurzweilig getanzten Variationen von Tangoballaden gezeigt, dass es möglich ist, Showeffekte auf einen künstlerischen Level zu heben, der nicht nur die versierten Tanzfans begeistern kann. Kaum vorstellbar, dass diese Qualität nicht auch ein breiteres Publikum fasziniert.

Im Nachklang der Salzburger Festspiele feiert das Ballett der Landeshauptstadt nun maßgebliche Erfolge mit seiner mitreißenden, facettenreichen Interpretation des argentinischen Tanzes der Straße. Die Handschrift in „Tanto… Tango!“ führen zwei ehemalige Karlsruher Ballettstars, Flavio Salamanka und Reginaldo Oliveira, aus dem 2019 aufgelösten Vorzeigeensemble von Birgit Keil und Vladimir Klos am Badischen Staatstheater – und erinnern auch daran, was die baden-württembergische Grünen-Kulturpolitik von Karlsruhe aus ins Salzburger Land hat unmotiviert ziehen lassen, wo man den Nimbus einer Großstadt erfolgreich auf der Kultur aufbaut.

Reginaldo Oliveira, einst einer der ersten Solisten in Karlsruhe und vielversprechender Jungchoreograf, hat als neuer Ballettdirektor in Salzburg längst in den großen Formaten, auch der Festspiele, überzeugt; Flavio Salamanka, im Badischen zum Kammertänzer gekrönt, gehört auch am Landestheater Salzburg zu den herausragenden Solisten, brilliert dort seit einiger Zeit zudem als Choreograf. Auf seine „Mozart Moves!“ und sein Ballett „Der kleine Prinz“ folgt nun die Zusammenarbeit mit Oliveira bei „Tanto... Tango!“. Beide wurden von Keil und Klos einst in ihrer Heimat Brasilien als Ballettnachwuchs entdeckt, an die Akademie des Tanzes in Mannheim geholt und gefördert. Bald 15 Jahre war Salamanka Leistungsträger der Keil’schen Compagnie in Karlsruhe. Zur Spielzeit 2017/18 wechselte er zusammen mit Oliveira ins Salzburger Ensemble. Die in London ausgebildete Ballerina Harriet Mills ist ihnen gefolgt, ebenso wie vier weitere Tänzerinnen und Tänzer. Nun feiern sie in Salzburg eine fröhliche Milonga mit melancholischen Tango-Essenzen auf exzellenter Ballettbasis. Für ihren gemeinsamen Tanzabend „Tanto... Tango!“ haben sich die beiden rhythmusbegeisterten Brasilianer Salamanka/Oliveira den argentinischen Tango mit Haut und Haaren neu einverleibt.

Sexy und unverkrampft werden nebenbei Genderfragen aufgegriffen

In der Wiederaufnahme hat Salamanka in dem wunderbar aufeinander eingespielten Tango-Ensemble allerdings nicht mitgetanzt. Ein gutes Dutzend Tänzerinnen und Tänzer zelebriert darin das Lebensgefühl des Tangos in verruchten und verrauchten Bars, in Hinterhöfen, Spelunken und klaustrophobischen Räumen – eine Stuhlwand wird kurzerhand zum U-Bahnschacht. Die Salzburger Drehbühne verwandelt die Schauplätze dieser losen Tango-Liebesgeschichte magisch wie ein Zauberwürfel.

Mit Raffinesse werden die Auf- und Abgänge in den imaginierten Großstadtszenen inszeniert – ein Spiel mit Erotik, Melancholie, Erregung und Leidenschaft. Sexy und unverkrampft werden nebenbei Genderfragen aufgegriffen, wechseln lange Hosen und Bustiers spielerisch die Seiten – von Ballerinas zu Tänzern. Geschlechteridentitäten werden mit unglaublicher Kombinationslust durchdekliniert: Auf Pas de deux klassisch, Frau mit Mann, folgen in extravaganten Posen Frau mit Frau und Mann mit Mann; und ganz nebenbei mischt sich das international aufgestellte Ensemble munter durcheinander.

Viele Leistungsträger der Salzburger Compagnie sind junge Talente aus Brasilien und auch aus Asien. Die Besetzung ist dabei nicht eine Frage von Multikulti, sondern von Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen – von Ballettbegeisterung und Tanzvergnügen, von Lust, sich anzustrengen und bereit zu sein, sich einer Disziplin zu unterwerfen, die aus Hochbegabung erst Höchstleistung hervorbringt. Und ganz nebenbei für Vergnügen und beste Unterhaltung des Zuschauers sorgt.

Die ehemaligen Karlsruher bringen das Ballett der Festspielstadt in der neuen Saison auch im großen Handlungsballett voran: Mit seiner neuen Tanzadaption von „Anna Karenina“ ist Ballettchef Oliveira kurz vor Ende der vorigen Saison eine hochgelobte Umsetzung des Tolstoi-Romanklassikers gelungen. Der Abend der großen Gefühle wird laut Kritik in weiten Teilen von der englischen Ballerina Harriet Mills in der Titelpartie getragen. Ab Anfang Oktober ist auch diese Ballett-Inszenierung wieder in Salzburg zu sehen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
14. September 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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