Einzelhändler wollen bald wieder öffnen

Murgtal/Baden-Baden/Bühl (tom) – Einzelhändler in Mittelbaden fordern eine Perspektive für die Öffnung ihrer Geschäfte unter Corona-Bedingungen.

Bei Dominik Müller im Street One in Gaggenau stapeln sich die Kartons mit neuer Ware, aber die anderen Artikel sind noch nicht verkauft. Foto: Thomas Senger

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Bei Dominik Müller im Street One in Gaggenau stapeln sich die Kartons mit neuer Ware, aber die anderen Artikel sind noch nicht verkauft. Foto: Thomas Senger

„Wir brauchen eine verlässliche Perspektive.“ Dies ist Tenor einer Videokonferenz mit mittelbadischen Einzelhändlern am Montagvormittag. Auf Einladung der Werbegemeinschaft Gaggenau und moderiert von City-Manager Philipp Springer saßen eine Reihe von Einzelhändlern virtuell an einem Tisch.

„Richtig gut, diese Idee aus Gaggenau“, lobte Christoph Engelhardt (Bessey & Flammer, „Bühl in Aktion“). So ließe sich dokumentieren, dass es um den Mittelbadischen Einzelhandel in seiner Gesamtheit gehe. Die Geschäftsleute sehen sich in einer existenziellen Krise. An deren Ende könnten Schließungen, Verlust von Arbeitsplätzen und trostlose Innenstädte stehen.

Problemfeld I: Fehlende Hilfe. „Bis heute kann man Überbrückungsgeld III noch nicht mal beantragen“, schimpfte Michael Meurers (City-Kaufhaus Gaggenau). Wenn Geschäfte geschlossen werden, dann müsse wenigstens die Unterstützung fließen, „sonst sehen demnächst die Innenstädte ziemlich traurig aus.“

Dabei gehe es nicht nur um Fixkostenerstattung und Entschädigung für die Winterware, die liegen bliebe. Es gehe auch um die Frage, wie bereits bestellte Frühlings- oder Sommerware bezahlt werden kann. Philipp Schäfer (Schuh Schäfer Achern und Offenburg, Werbegemeinschaft „Achern aktiv“) monierte ebenfalls: Es sei schwer nachvollziehbar, warum sich hier nichts getan habe. Ralph Pfeiffer (Modehaus Pfeiffer Bühl und Achern) betonte, dass es die Textil- und Schuhbranche bislang am härtesten getroffen habe. Nun stehen die Einkäufe für Herbst und Winter 2021 an, „aber wir sind im Blindflug.“ Nach der Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn im Herbst 2020, dass es keinen zweiten Lockdown mehr geben dürfe, haben die Geschäfte Ware geordert, doch dann kam ein erneuter Lockdown: „Auch unsere Lieferanten stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Bliebe der Einzelhandel bis nach Ostern geschlossen, „dann kollabiert unsere Branche komplett“. Sie habe für Millionen Euro Winterware auf Lager, nun komme die Sommerware für weitere Millionen Euro.

„Wir können das nicht mehr abfedern“

Problemfeld II: Fehlende Perspektive. Baldmöglichst müssten Geschäfte unter den gegebenen Hygienevorschriften öffnen können, forderte Sabine Katz (Bücherstube Katz, Vorsitzende Gewerbeverein Gernsbach). Auch Philipp Schäfer verwies auf „Hygienekonzepte, die funktionieren“. Demgegenüber müsse man die Anforderungen in Industrie, Bauhandwerk und anderen Branchen verschärfen. So sieht es auch Ralph Pfeiffer: „Ein längerer Lockdown führt jetzt so langsam zum Kollaps des Systems. Wir können das nicht mehr abfedern, da werden auch keine Zuschüsse mehr helfen. Wir haben im Herbst und Winter schon Umsätze gemacht, aber mit null Ertrag.“ Künftig werde man nicht verkaufte Waren vernichten müssen, fürchtet er.

Für Philipp Schäfer wäre es „ein politisches Versagen“, wenn es nach einem Jahr nicht schnell eine Perspektive zur Öffnung der Geschäfte geben werde. Christoph Engelhardt versicherte, dass der Handel „nicht Treiber der Pandemie sein“ wolle. Aber ein baldiger Öffnungstermin dürfe keine Vision bleiben: „Das muss angegangen werden.“ Auch mit Blick auf Virusmutanten gebe es andere Handlungsfelder, zum Beispiel „Grenzen dichtmachen“ oder Infektionsschutz in öffentlichen Verkehrsmitteln.

„Man braucht eine Planbarkeit“, betonte Dominik Müller (Modehaus Z. Müller), aber diese werde es wohl auch nach der Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzlerin Merkel am Mittwoch nicht geben. Und Melitta Strack (Jeans Box Gaggenau) schlussfolgerte: „Es fehlt eine Perspektive.“

Matthias Vickermann (Vickermann & Stoya Maßschuhe) ist Vorsitzender der Einzelhändler-Initiative Baden-Baden Innenstadt. Für die Geschäftswelt in Baden-Baden erweise sich zusätzlich der Einbruch im Tourismus als schädlich. „Selbst wenn jetzt offen wäre: Es fehlen die Touristen.“

Problemfeld III: Der lokale Einzelhandel wird zu wenig gehört. Der Einzelhandelsverband repräsentiere eben die gesamte Branche, gab Christoph Engelhardt zu bedenken. Möglicherweise sei es „den Großen“ dort gelungen, ihre Interessen besser zu platzieren. Ähnlich sah es Michael Meurers. Immerhin habe sich in den letzten Wochen etwas getan. Auch bei regionalen Abgeordneten finde er Gehör – doch „weiter oben“ scheinen die Probleme nicht durchzudringen. Ralph Pfeiffer vermutete, dass bei nur wenigen oder ein paar Dutzend Mitarbeitern pro Betrieb Beschwerden eben nicht so massiv wahrgenommen werden, als wenn sie aus der Industrie kommen. Doch in der Summe seien auch im Einzelhandel einige Hunderttausend Menschen beschäftigt.

Philipp Schäfer konnte nicht nachvollziehen, warum „weder in Medien noch in der Politik“ infrage gestellt werde, dass der Handel geschlossen bleiben müsse. Auf Unverständnis trifft, dass Handelsriesen im Nonfood-Bereich große Umsätze machen; der lokale Einzelhandel werde hingegen in die Ecke der Corona-Treiber gestellt oder in die Ecke der Corona-Leugner, ärgerte sich Ralph Pfeiffer. Auch Sabine Katz monierte: „In den Drogeriemärkten ist Gedränge, kein Mensch hält sich an Abstand.“ Aber die kleinen Einzelhändler als diejenigen, die Abstandsregeln gewährleisten könnten und damit eine gewisse Sicherheit – die dürften nicht öffnen.

Thomas Richers aus Rastatt vom RA³-Gewerbeverein für Einwohner, Industrie und Handel konnte aus Termingründen nicht an der Online-Runde teilnehmen.

Online-Handel nur als Ergänzung

Matthias Vickermann empfiehlt seinen Einzelhandelskollegen, mit einer gepflegten Internetpräsenz zumindest Stammkunden anzusprechen: Auch jenseits von Corona müsse der Einzelhandel in den Neuen Medien sichtbar sein. Online-Präsenz könne aber nur Unterstützung sein, so die Runde übereinstimmend, damit werde man Lockdown-Verluste nicht ausgleichen können.


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