Einzelkämpferin ohne feministische Ader

Bühl (kkö) – In unserer Serie „Power-Frauen“ geht es heute um Steuerberaterin Patricia Hemmer. Sie plädiert dafür, Arbeit und Freizeit allein ihrem Naturell gemäß zu gestalten.

Ging ihren Weg selbstbestimmt und fern von Rollenklischees: Patricia Hemmer. Foto: Katrin König-Derki

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Ging ihren Weg selbstbestimmt und fern von Rollenklischees: Patricia Hemmer. Foto: Katrin König-Derki

Steuerberaterin Patricia Hemmer ist zweifellos eine starke Persönlichkeit. Die Definition „starke Frau“ erscheint ihr indes suspekt: Sie habe, sagt sie, von Kindheit an die typische Rolle, die man einem Mädchen zuschreibe, nicht gelebt. „Mein Bruder backte Kuchen, ich ging mit meinem Vater aufs Feld oder spielte mit Jungs.“ Wenn schon Definition, sagt sie, dann lieber „Kumpel“. „Ich finde, Frauen und Männer sollen an den Leistungen im Leben gemessen werden und Arbeit und Freizeit ihrem Naturell gemäß gestalten – nicht der Rolle entsprechend, die die Umwelt ihnen auferlegt. Von Quotenfrauen will ich nichts wissen.“

Aufgewachsen ist Hemmer in Hatzenweier; der Vater war Maurer, die Mutter vereinbarte Hausarbeit, Aushilfsjobs und Nebenerwerbslandwirtschaft. Früh engagierte sich Hemmer beim Laientheater der „Sängerrunde“, als Handballspielerin und Büttenrednerin. Heute ist sie neben weiteren Ehrenämtern zweite Vorsitzende der Sängerrunde und des Fördervereins des Stadtmuseums, „in der Bütt“ beim Narrenclub Sinzheim-Winden und Kassiererin beim Historischen Verein Bühl. Handball spielt sie nicht mehr. „Alles kaputt“, sagt sie in Anspielung auf diverse Verletzungen nur halb im Scherz.

Nach der Mittleren Reife ging sie ans Finanzamt. Dort brachte sie es schnell zu Erfolg. „Ich machte die Ausbildung zum mittleren Dienst, spürte aber schnell, dass die hierarchischen Strukturen mir nicht lagen. Mit meinem Mann, den ich schon mit 19 kennengelernt hatte, absolvierte ich per Telekolleg die Fachhochschulreife. So konnte ich in die Ausbildung für den gehobenen Dienst gehen.“

Immer weniger Einzelkämpfer in der Branche

Als die Körperschaftssteuerstelle in Bühl frei wurde, bot man sie ihr an. „Zum Missfallen mancher Kollegen, insofern machte mir der Job nicht viel Freude.“ Über einen Fernkurs bildete sie sich zur Steuerberaterin weiter – und schrieb die landesweit zweitbeste Prüfung in ihrem Jahrgang. „Wie man sein Büro organisiert, lernte ich in einer Kanzlei in Hügelsheim. Das war ein gutes Sprungbrett, zumal ich spürte, dass die Kunden mich junge, dynamische Frau mochten.“ 1997 ging ein Steuerberater in Bühl in den Ruhestand; die Mandanten kaufte sie ihm ab und wagte die Selbstständigkeit. Vom Büro im eigenen Keller wechselte sie bald ins ehemalige Ärztehaus in Rittersbach, bis sich auch diese Wohnungen als zu klein erwiesen. Seither arbeitet sie mit ihrem Team in einem Haus in der Kernstadt. „Die, die es zum Steuerberater bringen – viele bleiben auf der Strecke –, arbeiten heute häufig lieber in großen Kanzleien, weil sie dann eine bessere Work-Life-Balance haben.“ Obwohl sie sich humorvoll als „Depp vom Dienst“ bezeichnet, der sich – vom Personal bis hin zum funktionierenden Kühlschrank – um alles kümmern muss, bedauert sie, dass es immer weniger Einzelkämpfer in ihrer Branche gibt.

Für Hemmer selbst ist in wenigen Jahren das berufliche Ende in Sicht: Sie möchte dann ihr Hobby, das Steinesammeln, ausbauen. Neben der Kanzlei betreibt ihr Mann bereits einen Mineralienladen. Unter den Achatsammlern sei sie fast die einzige Frau und habe zunächst den Umgang auf Augenhöhe vermisst. Doch: „Ich erwarb eine bedeutende Achat-Sammlung, säge und schleife selbst und publizierte ein Sachbuch über Achate im Schwarzwald. Inzwischen habe ich auch in dieser Welt meinen Stand.“ Ihr Traum sei, die Sammlung auszustellen, noch mehr „Sammel-Reisen“ zu unternehmen, weitere Bücher zu schreiben. Wie sie da so sitzt, draufgängerisch-herzlich und „frei heraus“, wünscht man ihr, dass sie diesen Traum leben möge. Ohne das Siegel der „starken Frau“, aber als guter Kumpel.

Zur Person

In loser Folge stellen wir starke Frauen vor, die sich in Führungspositionen behaupten. Heute: Patricia Hemmer. Sie wurde 1966 in Lauf geboren und wuchs in Hatzenweier auf. Sie machte den Hauptschulabschluss, die Mittlere Reife und später die Fachhochschulreife. Die Ausbildung beim Finanzamt führte sie bis zum gehobenen Dienst. Per Fernkurs studierte sie Steuerrecht an der Fachhochschule Ludwigsburg. 1997 machte sie sich als Steuerberaterin selbstständig. Ihre Kanzlei befindet sich in der Bühlertalstraße, ihr Team wuchs – Aushilfen inklusive – auf 20 Mitarbeiter an. Hemmer ist verheiratet und lebt in Rittersbach.


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