Elsässische Gastronomie leidet

Straßburg (vkn) – Der Lockdown ist in Frankreich deutlich härter als in Deutschland. Speziell die Gastronomie im Elsass leidet, wie der Präsident des Gastro-Verbandes im BT-Interview erläutert.

Die Esskultur Frankreichs ist in Gefahr: Das Bild zeigt die Jugendstil-Brasserie Excelsior in Nancy. Foto: Volker Knopf

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Die Esskultur Frankreichs ist in Gefahr: Das Bild zeigt die Jugendstil-Brasserie Excelsior in Nancy. Foto: Volker Knopf

Wie in Deutschland sind Gaststätten, Bars und Bistros geschlossen. Roger Sengel ist Präsident des Verbandes „Hoteliers, Restaurateurs et Débitants de Boissons du Bas-Rhin“, dem Pendant zum Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Im Gespräch mit Volker Knopf berichtet der 69-Jährige über die Probleme der Hotel- und Restaurantbetreiber zwischen Wissembourg und dem Großraum Straßburg.

BT: Herr Sengel, wie ist die aktuelle Situation für die Gastro-Branche im Elsass?

Roger Sengel: Dafür gibt es nur ein Wort: katastrophal. Wir vertreten rund 1200 Betriebe im Département Bas-Rhin. Allen ist das Geschäft weggebrochen. Vielleicht 20 Prozent machen ein wenig Abholservice. Aber das deckt nicht mal die laufenden Kosten.

BT: Was befürchten Sie für die Gastronomie-Szene in Ihrer Region?

Sengel: Wir werden eine Pleitewelle erleben, die wohl im Frühjahr nächsten Jahres beginnt. Im März wird es losgehen. Dann werden etliche in die Knie gehen, so vermute ich.

BT: Gibt es keine Unterstützung vom französischen Staat?

Sengel: Es gab in der ersten Phase Kredite vom Staat. Aber wie soll man die bitteschön zurückzahlen, wenn man so gut wie keine Einnahmen hat? Jetzt im November gibt es 10000 Euro für alle Betriebe, die schließen mussten, und die man nicht zurückzahlen muss. Aber ob das letztlich hilft, wage ich zu bezweifeln.

Etwas Entspannung im Sommer

BT: Wie lief das Geschäft im Sommer?

Sengel: Betriebe, die eine Terrasse hatten, konnten das gute Wetter nutzen. Etwa 60 bis 70 Prozent der üblichen Einnahmen konnte manches Restaurant so einspielen. Aber diejenigen, die keine Terrasse hatten, haben verloren. Schon der Oktober war nicht mehr so gut. Zudem wurden viele Messen in Straßburg abgesagt, es waren nur wenige Touristen im Sommer in der Stadt.

BT: Und auch der traditionelle Weihnachtsmarkt findet nicht statt.

Sengel: In der Tat. Jährlich besuchen rund 2,5 Millionen Touristen Straßburg zur Adventszeit. Straßburg hat den ältesten Weihnachtsmarkt Frankreichs. Seit 1570 wurde der Markt nur während des Zweiten Weltkriegs abgesagt. Die aktuelle Absage trifft die Hotel- und Restaurantbetreiber mit voller Wucht. Nicht zu vergessen die Kunsthandwerker und Marktbeschicker.

BT: Die Dehoga in Deutschland kritisiert die Schließung der Gaststätten, die sich nicht als Superspreader gezeigt haben. Wie sieht Ihr Verband das?

Sengel: Ganz genauso. Man sieht die vollen Busse und Trams und reibt sich die Augen. Wir dagegen setzen auf Hygienekonzepte, Desinfektionsmittel und geringere Auslastung in den Restaurants. Berücksichtigung findet das nicht. Aber wir müssen uns mit der Situation arrangieren. Natürlich unterstützen auch wir den Kampf gegen das Virus.

Harter Einschnitt für Gastronomie-Kultur

BT: Gerade Frankreich und das Elsass stehen für eine ausgeprägte Gastro-Kultur. Man nimmt sich sehr viel Zeit fürs Essen, es ist ein wichtiges Ritual. Geht da gerade etwas verloren?

Sengel: Wir hoffen natürlich alle auf den Impfstoff. Aber wir wissen ja nicht, wie lange die Pandemie uns noch im Griff hat. Optimisten in unserer Branche sprechen von Ende 2021 bis Mitte 2022. Aber es gibt auch Pessimisten die von einer Normalisierung nicht vor Ende 2023 ausgehen. Unsere Gewohnheiten, unsere gastronomische Kultur werden nicht so schnell verloren gehen. Aber es ist ein harter Einschnitt. Ich bin mir sicher, dass die Restaurants eines Tages wieder voll sein werden. Aber wann, das weiß kein Mensch.

Roger Sengel. Foto: Volker Knopf

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Volker Knopf

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Erstellt:
27. November 2020, 07:30 Uhr
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