Eltern klagen über Lernrückstände der Kinder

Von Elvira Weisenburger

Stuttgart (ew) – Beim Baden-Württemberg-Check geht es diesmal um die Schulpolitik und die Corona-Maßnahmen der Landesregierung. Die Menschen im Südwesten sind stärker im Stimmungstief als anderswo.

Eltern klagen über Lernrückstände der Kinder

Alles im grünen Bereich – zumindest was die Luftqualität im Klassenzimmer dieser Realschule in Heitersheim angeht. Auch die Eltern sind mit den Vorsichtsmaßnahmen mehrheitlich zufrieden. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Wie zufrieden oder unzufrieden sind die Menschen im Südwesten mit der Arbeit der Landesregierung? Welche Sorgen und Ängste bewegen sie? Um das herauszufinden, haben sich die Tageszeitungen in Baden-Württemberg mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zusammengeschlossen. Die Meinungsforscher befragten mehr als 1.000 erwachsene Menschen im Land, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten. Im achten Teil des Baden-Württemberg-Checks geht es um die Schulpolitik und das Krisenmanagement des Landes.

Die Baden-Württemberger stecken nach zwei Jahren Corona-Pandemie stärker im Stimmungstief als der deutsche Durchschnittsbürger: Nur 38 Prozent der Befragten blicken hoffnungsvoll in die nahe Zukunft. Nach den vielen emotionalen Wechselbädern im Laufe der Pandemie mag das wenig erstaunen. Und immerhin ist die Stimmung schon wieder besser als zu Beginn der Infektionswelle im Herbst. Doch entscheidend ist eine Vergleichszahl: Bundesweit beschreiben 44 Prozent der Bürger ihre Stimmungslage als hoffnungsvoll – also sechs Prozent mehr als im Südwesten.

Die Jüngeren im Südwesten zeigen sich von den Härten der Pandemie allerdings weniger beeindruckt: Knapp 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gehören zur Fraktion der Hoffnungsvollen. Auch Menschen mit hoher Schulbildung sowie Eltern sind optimistischer – ihr Anteil liegt bei 44 Prozent.

Mütter zeichnen Lage düsterer als Väter

Allerdings ist eine große Mehrheit der Eltern davon überzeugt, dass die Corona-Krise ihre Kinder in der Schule zurückgeworfen hat – insgesamt 73 Prozent zeichnen dieses negative Bild. 33 Prozent der Väter und Mütter beklagen, dass ihre Kinder mit dem Lernstoff „deutlich“ im Rückstand sind, weitere 40 Prozent sehen die Sprösslinge „etwas“ im Hintertreffen. Aber nur 21 Prozent der Eltern meinen: Nein, mein Kind hat durch die Corona-Krise nichts versäumt.

Die Mütter zeichnen die Lage dabei etwas düsterer als die Väter – sie sehen zu rund 35 Prozent starke Lerndefizite, die Väter nur zu rund 30 Prozent. Umgekehrt verhält es sich, wenn die Eltern nach den Infektionsschutzmaßnahmen in den Schulen gefragt werden.

Trotz aller Kritik an fehlenden Luftfiltern und mangelhaften Corona-Schnelltests: Die Zufriedenheit der Eltern mit den Vorsichtsmaßnahmen an den Schulen ist sogar gewachsen. Eine Mehrheit von 55 Prozent hält sie aktuell für „ausreichend“ – vor gut einem Jahr waren es hingegen nur 47 Prozent. Ob eher der meist glimpfliche Infektionsverlauf bei Kindern oder ein Gewöhnungseffekt zur lässigen Einstellung beigetragen hat, bleibt Spekulation. Auffällig ist, dass sich die Mütter weniger Sorgen um den Infektionsschutz in der Schule machen: 61 Prozent halten die Vorkehrungen für ausreichend – aber nur 47 Prozent der Väter. Dass mehr Schutz für die Schulkinder nötig wären, meinen knapp 29 Prozent der Mütter und rund 36 Prozent der Väter, der Rest hat keine klare Meinung.

Die Angst vor einem Betreuungsengpass ist da größer: Eine knappe Mehrheit der Eltern (51 Prozent) treibt die Sorge um, dass ihre Kinder in den nächsten Monaten wegen der Pandemie nicht mehr zur Schule gehen können. Wobei die Stimmungslage stark davon abhängt, wie die Familien generell mit der Schulpolitik zufrieden sind. Bei den Unzufriedenen fürchten 61 Prozent, dass die Kinder wieder zuhause sitzen könnten, bei den Zufriedenen sind es nur 33 Prozent. Klar für den Präsenzunterricht sprechen sich 67 Prozent der Eltern und 65 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Es gab aber auch eine Phase der erstaunlich hohen Zufriedenheit – zwischen den Herbstferien und den Weihnachtsferien 2021. Satte 81 Prozent der Eltern gaben an, dass der Schulunterricht in dieser Zeit verlässlich stattgefunden habe.

Auf die Frage, ob viele Unterrichtsstunden ausfielen, antworteten zugleich allerdings 26 Prozent der befragten Eltern mit Ja. Auch vor der Corona-Pandemie waren fehlende Lehrer und ausgefallene Stunden schon ein Dauerproblem.

Stillstand bei der digitalen Fitness

Als „Booster“ für die digitale Fitness der Schulen wird die Pandemie oft gepriesen. Die Eltern baden-württembergischer Schulkinder haben aber mehrheitlich den Eindruck, dass Stillstand herrscht. 60 Prozent sagen: Bei der Ausstattung mit Computern und digitalen Medien hat sich „nicht viel getan“. Nur 20 Prozent sagen klar: Es ist besser geworden.

Nur noch eine winzige Gruppe von einem Prozent der Bevölkerung bewertet die Schulpolitik des Landes mit „sehr gut“ (Ende 2020: drei Prozent) und 26 Prozent mit „gut“ (31 Prozent). 60 Prozent sind unzufrieden, bei den Eltern von Schulkindern sind es sogar 68 Prozent.

Auch das allgemeine Krisenmanagement der Landesregierung kommt deutlich schlechter weg als vor gut einem Jahr. Nur noch vier Prozent der Befragten bescheinigen dem Team um Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in der Corona-Krise eine sehr gute Arbeit, 41 Prozent eine gute Arbeit – das macht zusammen 45 Prozent. Zum Vergleich: Gegen Ende des Seuchen-Jahrs 2020 war noch eine Mehrheit von 60 Prozent der Bevölkerung zufrieden.

Ständige Änderungen, wenige Kontrollen

Was stört die Bürger an der Corona-Politik? Da gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Lagern. 67 Prozent der Regierungskritiker sagen: Die Maßnahmen erscheinen willkürlich und widersprechen sich häufig. Platz zwei ihrer Kritik-Liste: Die Regeln würden ständig geändert, man könne kaum planen (66 Prozent). Dass die Landesregierung keine Strategie, keinen Plan habe, unterstellen 61 Prozent. Für „übertrieben“ halten aber nur 39 Prozent der Regierungskritiker die Einschränkungen in der Pandemie.

Ein ganz anderer Punkt stört die Menschen, die im Großen und Ganzen zufrieden mit Kretschmann & Co. sind: Sie monieren vor allem, dass zu wenig kontrolliert wird, ob Corona-Maßnahmen auch eingehalten werden (48 Prozent). Aber auch sie ärgern sich über die ständigen Änderungen der Corona-Politik, die das Leben schwerer planbar machen (41 Prozent).

Obwohl permanent über eine drohende Überlastung der Kliniken diskutiert wird, herrscht hierzulande keine Alarmstimmung. Im eigenen Umfeld sehen nur 23 Prozent der Bürger die Gesundheitsversorgung durch die Pandemie stark beeinträchtigt. Zugleich geht aber knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) davon aus, dass zurzeit in den Krankenhäusern ihrer Region viele Operationen verschoben werden.