Duolas bieten emotionale Unterstützung für Eltern

Karlsruhe (for) – Die 27-jährige Larissa Geiges entscheidet sich nach ihrer Fehlgeburt zu einer Ausbildung als Doula. Das ist eine Geburtsbegleiterin, die werdende Eltern emotional unterstützt.

„Ich kann wieder lachen, aber der Schmerz wird für immer bleiben“: Larissa Geiges musste ihren zweiten Sohn tot zur Welt bringen. Foto: Anna Weinheimer

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„Ich kann wieder lachen, aber der Schmerz wird für immer bleiben“: Larissa Geiges musste ihren zweiten Sohn tot zur Welt bringen. Foto: Anna Weinheimer

Dass sich nach einer Geburt vieles verändert, ist den meisten Eltern bewusst. Bei Larissa Geiges hat die Geburt ihres zweiten Sohnes Lio aber nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre komplette Denkweise auf den Kopf gestellt. Die junge Mutter brachte ihr Kind zur Welt, um sich im selben Moment von ihm zu verabschieden. Lios Herz hatte noch in ihrem Bauch aufgehört zu schlagen. Für Geiges ist seitdem klar: „Das Leben ist zu kurz, um Dinge zu tun, die einen langfristig nicht erfüllen.“

16. Schwangerschaftswoche: Herzschlag setzt aus

Seit jenem Tag steht in ihrem Mutterpass „Missed Abortion“, was so viel wie „stille Fehlgeburt“ bedeutet. Dass das Herz ihres ungeborenen Kindes ohne Vorwarnung aufgehört hat zu schlagen, erfährt Geiges bei einer Routineuntersuchung in der 16. Schwangerschaftswoche – an ihrem 27. Geburtstag.

„Es sollte ein wunderschöner Tag werden, mein Mann und mein erster Sohn Keno haben mich zum Frauenarzt begleitet, mussten wegen der Corona-Pandemie aber vor der Praxis warten“, erinnert sich die gebürtige Ötigheimerin. Kurz darauf bricht für die kleine Familie eine Welt zusammen. Und das Schlimmste steht Geiges zu diesem Zeitpunkt noch bevor: Sie muss ihr totes Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen.

„Lios Tod darf nicht sinnlos sein“

„Ich kann mich an kein Ereignis in meinem Leben erinnern, vor dem ich je mehr Angst hatte“, so Geiges. „Es war für mich unvorstellbar, die dafür benötigte Kraft aufzubringen.“ Doch die junge Frau schafft es doch irgendwie – mit der Unterstützung ihres Ehemanns, ihrer Familie und einer Hebamme. „Sie sagte damals zu mir: ,Sie werden das schaffen, Sie müssen ihrem Kind helfen, fliegen zu lernen‘ – und das tat ich dann.“ Als Geiges ihren leblosen Sohn schließlich im Arm hält, um sich von ihm zu verabschieden, wird ihr relativ schnell klar: „Lios Tod darf nicht sinnlos sein.“

Von der Bankkauffrau zur Doula

Je mehr sich dieser Gedanke in ihrem Kopf verfestigt, desto mehr beginnt Geiges, ihr Leben umzukrempeln. „Ich hatte schon während meiner ersten Schwangerschaft das Gefühl, dass ich mich gerne verändern würde. Vor allem alles rund um die Geburtsbegleitung hat mich wahnsinnig fasziniert“, sagt Geiges gegenüber dem BT. Nach dem Tod ihres zweiten Sohnes macht sie schließlich Nägel mit Köpfen, kündigt ihren Job als Bankkauffrau, in dem sie seit ihrem Abitur am Tulla-Gymnasium in Rastatt im Jahr 2012 tätig war, und beginnt über den Verein Doulas in Deutschland eine Ausbildung zur sogenannten Doula.

Wenn das Herz aufhört zu schlagen: Larissa Geiges während ihrer Schwangerschaft mit Sohn Lio. In der 16. Woche starb er in ihrem Bauch. Foto: privat

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Wenn das Herz aufhört zu schlagen: Larissa Geiges während ihrer Schwangerschaft mit Sohn Lio. In der 16. Woche starb er in ihrem Bauch. Foto: privat

„Eine Doula ist eine geburtserfahrene Frau, die Schwangeren vor, während und nach ihrer Geburt als persönliche Begleiterin zur Verfügung steht“, erklärt Geiges. Im Gegensatz zu einer Hebamme benötigt eine Doula aber keine medizinische Ausbildung. „Sie ist in erster Linie eine nicht medizinische, aber emotionale Unterstützung für die Gebärende und den Vater.“ Deshalb könne sie die Arbeit einer Hebamme auch nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen und zusätzlich zur Hebamme dafür sorgen, „dass die werdenden Eltern eine Geburt in Würde und Geborgenheit erleben dürfen“. Die Kosten für die Begleitung tragen werdende Eltern in der Regel selbst.

Bis Geiges ihre Zertifizierung in den Händen hält, muss sie sich aber erst einmal durch jede Menge Pflichtlektüre kämpfen und an Onlineseminaren teilnehmen. Daraufhin folgen dann Praxisschulungen in Karlsruhe, bei denen die angehenden Doulas beispielsweise auf die Begleitung während einer Geburt vorbereitet werden. „Wenn man diesen Teil der Ausbildung dann abgeschlossen hat, muss man mindestens drei Geburten in Präsenz begleiten, um die Zertifizierung zu erhalten.“ Insgesamt dauere die Ausbildung bei Doulas in Deutschland dann maximal zwei Jahre, so Geiges. Hat man das Zertifikat in der Tasche, muss man eine Rufbereitschaft sicherstellen können.

Anderen Familien zur Seite stehen

Dass sie bei den Geburten anderer Frauen immer wieder mit ihrem eigenen Verlust konfrontiert wird, ist der 27-Jährigen bewusst. „Natürlich wird das für mich emotional noch einmal sehr viel aufwirbeln, aber ich glaube auch, dass ich daraus positive Energie schöpfen kann“, ist Geiges überzeugt. Außerdem will sie sich langfristig auch weiterbilden, um insbesondere Sterneneltern zu begleiten – denn auch das gehört zu den Aufgaben einer Doula. „Es ist mein großer Wunsch, dass Lios Tod eine Bedeutung hat und ich durch meine eigene Erfahrung anderen Familien, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, helfen kann. Das war sein Geschenk an mich.“

Auch auf Instagram geht Geiges mit dem Thema Fehlgeburt offen um. „Mir persönlich hilft es sehr, darüber zu sprechen, und ich finde es schön, dass Lio in der Öffentlichkeit als Teil unserer Familie bekannt ist.“ Auch über ihren Weg zur Doula spricht die 27-Jährige mit ihren Followern auf Instagram. Während der Begriff Doula vor allem unter der älteren Generation kaum bekannt ist, stellt Geiges vermehrt fest, dass zumindest die jüngere Generation schon eher etwas mit dem Begriff anfangen kann. „Und ich merke auch, dass das Interesse an der Ausbildung groß ist. Ich bekomme regelmäßig Fragen rund um das Thema Doula.“

„Keno war unser Anker“

Auch Geiges selbst hat erst relativ spät von der Geburtsbegleitung einer Doula erfahren. „Hätte ich das vorher schon gekannt, dann hätte ich mir insbesondere bei meiner zweiten Geburt eine Doula als Unterstützung dazu geholt“, sagt sie rückblickend. In den nächsten Wochen wird sie sich nun damit beschäftigen, eine für sie passende Doula zu finden, denn die schöne Nachricht: „Ich bin wieder schwanger“, verrät Geiges. Die Freude darüber sei „unendlich groß“, aber natürlich spiele die Angst mit. „Wir haben das große Glück, dass wir das Wunder der Schwangerschaft und der Geburt schon einmal erleben durften“, betont sie. „Unser Sohn Keno war in den vergangenen Monaten unser Anker. Er gab uns Kraft und hat dafür gesorgt, dass wir die Hoffnung nicht verlieren.“

Zum Thema: Doulas in Deutschland

Der Begriff „Doula“ ist nicht geschützt. In Deutschland bezeichnen sich Frauen als „freie Doulas“. Die Karlsruherin Melanie Schöne, mittlerweile selbst Mutter von zwei Kindern, hat im Jahr 2008 gemeinsam mit den ersten Doulas in Ausbildung den gemeinnützigen Verein Doulas in Deutschland gegründet mit dem Ziel, die Doulas in der Gesellschaft zu etablieren und deutschlandweit zu verbreiten.

Der Verein setzt sich eigenen Angaben zufolge dafür ein, dass alle Frauen ausgebildete und zertifizierte Doulas finden. Über die Melmic GmbH bietet Schöne eine Ausbildung mit anschließender Zertifizierung durch Doulas in Deutschland an. Der Verein möchte damit einen hohen einheitlichen Standard repräsentieren und die Qualität der Doula-Arbeit sichern, so Schöne. Ein Großteil der Ausbildung kann online absolviert werden, die Praxisstunden finden an ausgewählten Veranstaltungsorten in Karlsruhe, Berlin, Köln und der Lüneburger Heide statt. Die Zertifizierung ähnele den Standards von DONA International, einer Organisation für Training und Zertifizierung von Doulas weltweit.

Über die Homepage des Vereins Doulas in Deutschland e.V. haben werdende Eltern die Möglichkeit, Doulas in ihrer Region zu finden. Die Kosten für die Begleitung vor, während und nach der Geburt tragen Eltern in der Regel selbst. Wie hoch diese Kosten sind, lasse sich pauschal kaum sagen, so Geiges. Im Schnitt bewege sich die Preisspanne zwischen 500 und 1.000 Euro pro Schwangere. „Es kommt aber immer darauf an, welchen Umfang an Unterstützung sich die Schwangere wünscht.“ In besonderen Fällen gibt es über den Verein Doulas in Deutschland aber auch die Möglichkeit zur ehrenamtlichen Geburtsbegleitung. Zertifizierte Doulas können demnach auf Antrag alleinstehende Schwangere, finanziell benachteiligte Eltern oder Sterneneltern ehrenamtlich begleiten. Die Doula erhält für ihren Einsatz eine ehrenamtliche Aufwandsentschädigung. Auch einige soziale Institutionen stellen für die Doula-Begleitung von alleinstehenden Schwangeren Gelder zur Verfügung. Nähere Infos zur ehrenamtlichen Begleitung gibt es hier.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Janina Fortenbacher

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Erstellt:
29. Januar 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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