EnBW verfeuert vor allem russische Steinkohle

Karlsruhe (BNN) – 85 Prozent der Steinkohle, die die EnBW-Kraftwerke im Vorjahr verfeuerten, stammten aus Russland. Auch bei den Karlsruher Kraftwerken ist der Anteil russischer Kohle sehr hoch.

Steinkohle vor den Karlsruher Kraftwerken: Der EnBW-Konzern hatte für diese 2021 rund 72 Prozent der Steinkohle aus Russland bezogen. Foto: Joerg Donecker

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Steinkohle vor den Karlsruher Kraftwerken: Der EnBW-Konzern hatte für diese 2021 rund 72 Prozent der Steinkohle aus Russland bezogen. Foto: Joerg Donecker

Der Karlsruher EnBW-Konzern verfeuerte in seinen Steinkohlekraftwerken zuletzt vor allem russische Steinkohle. Ein Beispiel: Die Turbinen der beiden Rheinhafendampfkraftwerke (RDK) 7 und 8 in Karlsruhe kamen im vergangenen Jahr zu 72 Prozent mit russischer Steinkohle auf Touren.

Steinkohle aus den USA (16 Prozent) und aus Kolumbien (zwölf Prozent) haben einen geringen Anteil. Entsprechende Informationen hat eine EnBW-Sprecherin auf Anfrage bestätigt. Blickt man auf alle EnBW-Kraftwerke, dann dominiert Importkohle aus Russland noch mehr: Von den 4,2 Millionen Tonnen Kohle stammten 85 Prozent aus Russland.

2020 hatte die EnBW nur 1,8 Millionen Tonnen benötigt. Für den enormen Sprung auf die 4,2 Millionen Tonnen nennt der Konzern drei Gründe: geringere Stromproduktion aus Windenergie, die Belebung der Wirtschaft und gestiegene Wettbewerbsfähigkeit von Kohle gegenüber Gas.

Aber selbst im Jahr 2020 mit seinem geringen Steinkohlebedarf wurden für die EnBW-Kraftwerke 90 Prozent aus Russland importiert. Kohleproduzenten in Kolumbien, Südafrika und in den USA hätten für ihre Kohle in anderen Märkten höhere Preise erzielen können, als in Westeuropa, so die EnBW-Sprecherin weiter.

Doch was, wenn sich Putins Krieg samt westlicher Sanktionen auf die Kohlelieferungen für die EnBW gravierend auswirkt? Grundsätzlich könnten fehlende Lieferungen aus Russland durch Importe aus anderen Förderländern ausgeglichen werden, so die Sprecherin. „Der Preis für Kohlelieferungen würde jedoch deutlich steigen.“

In Deutschland wurde die letzte Steinkohlezeche 2018 geschlossen. 25,8 Millionen Tonnen Kraftwerkskohle wurden 2021 importiert, so der Verein der Kohlenimporteure (Berlin) – davon kamen 71 Prozent aus Russland. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Alexander Bethe, Vorstandsvorsitzender des Vereins nennt einen Grund: Russische Kohle enthält sehr wenig Schwefel. Sie lässt sich „sehr gut mit kostengünstiger hochschwefliger Kohle zu einem qualitativ und kostenmäßig sehr guten Blend verschneiden“.

Bethe stellt fest, dass die Lieferung von russischer Kohle über die Ostsee seit September vergangenen Jahres zunehmend eingeschränkt sei. „Die Vertragserfüllung ist hier und da zäh und mit Verspätungen verbunden“, sagt Bethe. Mittlerweile kämen aus logistischen Gründen 60 Prozent weniger Steinkohle aus Russland in den baltischen Häfen an. Bethe vermutet, dass Lokomotiven für den Transport für andere Zwecke – womöglich Militärtransporte – benötigt wurden und damit nicht für die Kohle zur Verfügung standen.

Womöglich sei dies auch jetzt noch der Fall. Russische Liefermengen ließen sich durch Steinkohle aus Ländern wie USA, Australien, Kolumbien, Südafrika, Indonesien und Mosambik ersetzen, sodass es nicht zu Versorgungsengpässen in Deutschland käme. „Es gibt einen funktionierenden, liquiden Weltmarkt mit rund einer Milliarde Tonnen pro Jahr“, betont Bethe.

Dafür reichten auch die Transportkapazitäten aus – aber der Preis werde sich erhöhen. „Schon jetzt gibt es einen ,Premium‘-Aufschlag in Höhe von im Moment rund 20 Prozent pro Tonne. Kohle ist damit aber noch immer sehr viel kostengünstiger als Gas.“

Auf Hauptversammlungen des Energie-Riesen EnBW war das Thema Steinkohle immer wieder ein Thema: So hatten das Hilfswerk Misereor und Nichtregierungsorganisationen vor Jahren Kritik an damaligen Geschäftsbeziehungen der EnBW mit Lieferanten von kolumbianischer Steinkohle kritisiert – ihnen wurden indirekt Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Der Kleinaktionär und Karlsruher Umweltaktivist Harry Block wiederum kritisierte wiederholt „die Importabhängigkeit“ der EnBW von russischer Steinkohle. Die EnBW betont auf ihrer Homepage: „Wir haben das Ziel, gemäß der Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte unserer Verantwortung für unsere Lieferketten gerecht zu werden.“

Die Stromerzeugung aus Steinkohle habe sich im vergangenen Jahr um knapp 27 Prozent erhöht. Der Anteil der Steinkohle am gesamten Primärenergieverbrauch stieg demnach von 7,5 auf 8,6 Prozent, so Angaben des Vereins für Kohlenimporteure, in dessen Vorstand die EnBW vertreten ist.

Nach früheren Angaben will die EnBW ihr RDK 7 in Karlsruhe (Baujahr 1985) Mitte des Jahres zur Stilllegung anmelden. Beim RDK 8 (Baujahr 2014) wurde bislang angenommen, dass es erst Anfang der 2030er-Jahre als Steinkohlekraftwerk außer Betrieb genommen wird – denkbar ist, dass der Betrieb auf Gas und mittelfristig auf Wasserstoff umgestellt wird.

Beim Gas gibt es bislang eine erhebliche Abhängigkeit von Russland. Der EnBW-Konzern will bis 2035 klimaneutral werden.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Dirk Neubauer

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Erstellt:
2. März 2022, 17:29 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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