Endlich im eigenen Reich

Rastatt/Ötigheim (as) – „Maike startet durch“: In Teil drei der BT-Serie über eine 26-Jährige mit kognitiver Entwicklungsstörung bezieht Maike ihr neues Reich im Appartementhaus der Lebenshilfe.

Maike Flackus (links) und Mutter Andrea (rechts) werden von Bezugsbegleiterin Rosalia Feßler und Jonas Koch im Appartementhaus der Lebenshilfe begrüßt. Foto: Anja Groß

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Maike Flackus (links) und Mutter Andrea (rechts) werden von Bezugsbegleiterin Rosalia Feßler und Jonas Koch im Appartementhaus der Lebenshilfe begrüßt. Foto: Anja Groß

„Herzlich willkommen Maike“ steht auf dem Schild mit Herz und bunten Luftballons an der Tür zu Maikes WG-Zimmer. Der Willkommensgruß, den Maikes Mitbewohnerin im Appartementhaus der Lebenshilfe in Ötigheim liebevoll vorbereitet hat, hängt schon seit mehr als vier Wochen dort. „Das hat lang gedauert“, stellt Maike Flackus in ihrer nüchternen Art fest, als sie den lang vorbereiteten, mal herbeigesehnten, dann wieder gefürchteten neuen Lebensabschnitt beginnen kann: Selbstständigkeit auch für die geistig behinderte Maike.

Quarantäne über Quarantäne

Doch zunächst muss Familie Flackus wegen eines Corona-Falls in der Kita des Pflegekinds in Kontakt-Quarantäne, und just am danach geplanten Umzugstermin gibt es einen Corona-Fall mit anschließender Quarantäne-Anordnung im Lebenshilfe-Appartementhaus. Maikes Umzug wird zur Geduldsprobe für die ganze Familie.

Denn gedanklich hatte die 26-Jährige sich zwischenzeitlich auf den Auszug eingestellt, berichten die Eltern. So bekamen sie bei Meinungsverschiedenheiten durchaus zu hören: „Das kann ich ja dann entscheiden, wie ich das machen will“. Sie werten es als Zeichen, dass Maike beginnt, sich abzunabeln. Doch durch den sehr engen Kontakt in der Quarantäne-Zeit auch zum einjährigen Pflegebruder, an dem die 26-Jährige sehr hängt, kamen auch immer wieder negative Gefühle hoch – bis hin zur Idee, dass ja Mutter Andrea nach Ötigheim ziehen könnte.

„Es war jetzt Zeit“, gibt die beim Einzug auch unumwunden zu. Sie hatte in den ersten möglichen Umzugstermin eingewilligt, um eventuelle weitere Verzögerungen zu vermeiden. Der Tochter immer wieder Mut zuzusprechen, sie gedanklich auf die fordernde neue Lebenssituation vorzubereiten, die dann doch nicht eintritt, verlangt der Familie einiges ab. Denn „normalerweise mag Maike Planänderungen gar nicht und wird dadurch zunehmend aggressiv“, berichtet Vater Dirk über die 26-Jährige mit kognitiver Entwicklungsverzögerung.

Möbel schon vor vier Wochen aufgebaut

Wie gut, dass die Möbel in einer Wochenendaktion schon vor vier Wochen aufgebaut worden sind. „Maike ist ein wenig gespannt und scheint reserviert, aber unter der Beratung ihres jüngeren Bruders zur Möbelaufstellung taut sie zunehmend auf“, notiert der Vater hinterher im „Umzugstagebuch“. Die 26-Jährige greift sogar selbst zum Schraubendreher und erledigt routiniert kleinere Arbeiten, „das scheint ihr zu helfen, ihr Zimmer und die neuen Möbel auch emotional in Besitz zu nehmen“, beobachtet Dirk Flackus. Maikes Mitbewohnerin ist begeistert über die fleißigen Handwerker, bietet ihr Werkzeug an und versorgt alle mit frischem Wasser. „Es wird uns bescheinigt, dass wir eine liebe und lustige Familie sind“, erzählt Dirk Flackus. Das klingt nach guten Voraussetzungen für das Zusammenleben der fast gleichaltrigen Frauen, die in der geplanten Dreier-WG vorerst zu zweit bleiben werden.

Am Tag ihres Einzugs lernt Maike auch endlich Rosalia Feßler kennen, ab sofort ihre Bezugsbegleitung und damit wichtige Vertrauensperson im Appartementhaus. Auch der Kennenlerntermin mit ihr war immer wieder den Corona-Wirrungen zum Opfer gefallen. Gemeinsam füllen sie die Ummeldung für Maike aus. Schließlich soll Maike nun auch ganz offiziell Ötigheimerin werden.

Bezugsbegeleiterin hilft

Die Bezugsbegleiterin versucht auch, den Unterstützungsbedarf auszuloten, den die 26-Jährige auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit hat. „Wäsche waschen, sortieren und die Maschine einstellen“, leistet Andrea Flackus Hilfestellung, denn Maike scheint mit der Frage nach dem Hilfebedarf zunächst überfordert. Ist ja auch ganz schön viel, was auf sie einprasselt.

Jonas Koch von der Wohnleitung wiegelt ab: „Das können wir später noch klären.“ Zunächst stehen praktische Dinge im Vordergrund: Maike und Rosalia Feßler wollen noch einkaufen gehen, zudem zum Bahnhof laufen, damit die 26-Jährige abschätzen kann, wie viel Zeit sie für den Weg braucht. Wann die S-Bahn fährt, da kann die Mitbewohnerin helfen. Sie schlägt zudem vor, einen Plan aufzuhängen, der mit Bildern und Piktogrammen die Müllabfuhrtermine kennzeichnet – da Maike Schwierigkeiten mit dem Lesen hat. Und am nächsten Abend wird die mittlerweile 26-Jährige sowieso zunächst über das lange Wochenende die Eltern besuchen. Es ist ein „Umzug light“ sozusagen, Maikes Einstieg in ihr zunehmend selbstbestimmtes Leben.

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Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
1. Juni 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 01sec

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