Energiewende: Walker widerspricht Hauk

Stuttgart (bjhw) – Auf Feldern oder Äckern könnten entweder Strom produziert oder Nahrungsmittel angebaut werden. Nicht nur durch den Krieg in der Ukraine wird beides knapp. Doch was ist wichtiger?

Landwirt bei der Arbeit: Die Ackerfläche in Baden-Württemberg schrumpft kontinuierlich. Foto: Thomas Warnack/dpa

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Landwirt bei der Arbeit: Die Ackerfläche in Baden-Württemberg schrumpft kontinuierlich. Foto: Thomas Warnack/dpa

Noch vor zwei Wochen konnte Agrarminister Peter Hauk (CDU) im Landtag mit Blick auf den Ukraine-Krieg „Gott sei Dank Entwarnung geben“ in der Frage der Lebensmittelversorgung. Denn: „Wir leben immer noch in einer Zone, die von Natur aus mit hohen Erträgen gesegnet ist.“ Inzwischen allerdings verlangt Hauk, den Einsatz von Ackerflächen zur Energieerzeugung zu reduzieren, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Damit ist ein neuer Konflikt in der Koalition programmiert: Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) will an Stellschrauben drehen, etwa die Verschwendung von Weizen verringern, die EU-weit die Hälfte der ukrainischen Exports ausmache. Und der NABU erinnert daran, dass auf 60 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bundesweit Futtermittel für die Fleischproduktion angebaut werden.

Wie ist die Ausgangslage?
Grüne und CDU hatten im Koalitionsvertrag vereinbart, ein Mindest-Flächenziel für Windenergieanlagen und PV-Freianlagen in Höhe von zwei Prozent der Landesfläche rechtlich zu verankern. Ende 2020 war auf 1.200 Hektar Freiflächen-PV mit einer Leistung von insgesamt 622 Megawatt installiert. Eine Windkraftanlage benötigt etwa 0,5 Hektar, die bebaut werden, und 20 weitere aufgrund von Abstandsregeln. Laut Statistischem Landesamt (Stala) liegt der tägliche Flächenverbrauch durch Ansiedlungen und Verkehr im Land bei 5,4 Hektar. 810.000 Hektar werden als Ackerland genutzt und 547.000 Hektar als Grünland. „Wir können uns den Verlust wertvoller landwirtschaftlicher Flächen keine Sekunde länger leisten“, sagt der Eppinger FDP-Landtagsabgeordnete Georg Heitlinger, der selbst Landwirt ist.

Wieviel Ackerland geht verloren?
Das Stala weist für Ende der Siebziger Jahre 879.000 Hektar Ackerfläche in Baden-Württemberg aus. Vor neun Jahren waren es 834.000 Hektar, seither ist der Rückgang kontinuierlich. Heitlinger fasst Walkers Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zusammen in der Botschaft, sie wolle für den Ausbau der erneuerbaren Energien den Verlust landwirtschaftlicher Flächen in Kauf nehmen. Und die FDP kritisiert, dass es für die Landwirte inzwischen lukrativer sei, ihre Fläche für die Gewinnung von Ökostrom an Energieunternehmen zu verpachten. „Landwirte müssen wieder von der Lebensmittelerzeugung leben können“, verlangt Heitlinger. Auch Hauk hatte in der Landtagsdebatte beklagt, dass die Erträge aus Photovoltaik höher seien als die aus Weizen. Walker hält dagegen mit dem Hinweis darauf, dass es Landwirten selber überlassen bleibe, ob sie Flächen für die Energiegewinnung durch Photovoltaik oder Windenergie verpachten möchten oder nicht.

Welche Reaktionen gibt es?
„Ich finde es unsäglich“, so NABU-Chef Johannes Enssle, „wie von Teilen der Landwirtschaft der Krieg in der Ukraine instrumentalisiert wird, um in der Landwirtschaftspolitik die Rolle rückwärts zu vollziehen.“ Auf einem Hektar Solaranlage werde vierzig Mal so viel Energie produziert wie auf einem Hektar Biogas-Mais. Helfen könnten auch mehr Gemüse und weniger Fleisch auf dem Teller und ein „ehrlicher Dialog“. Und der Rastatter SPD-Abgeordnete Jonas Weber wirft Hauk vor, die gegenwärtige Lage zu nutzen „um seine überholten Vorstellungen wieder salonfähig zu machen“.

Wie will die Koalition weiter vorgehen?
Prinzipiell bekennt sich auch Hauk zum Zwei-Prozent-Flächen-Ziel. Gerade auch wegen möglicher neuer Verpflichtungen in der Entwicklungshilfe, plädierte er für höhere Erträge im Ackerbau bei weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz dank technischen Fortschritts, was sogar ein mehr an Biodiversität bringen könne. Die Umweltministerin wiederum warnt vor „kurzfristigem Aktionismus“. Warum Hauk Freiflächen-PV eindämmen und damit Abstriche bei Energieversorgung und Klimaschutz machen wolle, erschließe sich ihr nicht: „Beides ist möglich.“

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
21. März 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 40sec

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