Engagierte Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen

Kuppenheim (mak) – Verschiedene Arbeitskreise und Initiativen im Landkreis Rastatt und in Baden-Baden setzen sich für das Verlegen von Stolpersteinen ein.

 Stolpersteine bestehen aus einem quadratischen Betonsockel mit Messingtafel und werden vor dem letzten Wohnort in den Bürgersteig eingelassen. Wolf

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Stolpersteine bestehen aus einem quadratischen Betonsockel mit Messingtafel und werden vor dem letzten Wohnort in den Bürgersteig eingelassen. Wolf

Kuppenheim – Der Kuppenheimer Arbeitskreis Stolpersteine besteht seit zehn Jahren. In diesem Zeitraum wurden in der Knöpflestadt insgesamt 68 Stolpersteine verlegt, weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Die BT-Lokalredaktion wirft anlässlich dieses „Jubiläums“ auch einen Blick auf die anderen Arbeitskreise und Initiativen im Kreis Rastatt.

Gegründet wurde der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim nach zwei Jahren Vorarbeit im Frühjahr 2010. Ursprünglich sollten nur für acht ehemalige jüdische Bürger Stolpersteine gelegt werden, wie AK-Sprecher Heinz Wolf in seinem Bilanzbericht verdeutlicht. Nach „ausgiebigen Recherchen“ des Arbeitskreises sind mittlerweile 68 Stolpersteine vor zwölf Häusern gelegt. Stolpersteine bestehen aus einem quadratischen Betonsockel mit Messingtafel und werden vor dem letzten Wohnort in den Bürgersteig eingelassen. Sie weisen als Inschrift nach der Überschrift „Hier wohnte“ Vor- und Nachname, Geburtsjahr, Deportationsjahr und -ort sowie Angaben zum Schicksal der Person auf.

Wolf recherchiert aktuell das Schicksal von Heinrich Ridinger, der ein Zeuge Jehovas war und 1939 im KZ Dachau ermordet wurde, und von Arnold Roos, der 1940 in der Euthanasieanstalt Pirna-Sonnenschein umgebracht wurde. Im März 2021 findet in der Knöpflestadt die achte Verlegeaktion mit fünf Stolpersteinen statt, für die es eine Genehmigung des Hausbesitzers gibt. Der Gemeinderat hat nämlich beschlossen, dass die Stadt Kuppenheim auf ihr Wegerecht verzichtet – eine Vorgehensweise, die es bundesweit in nur wenigen Städten gibt.

Der AK Stolpersteine hat bislang acht Konzerte veranstaltet, um die Verlegung von Stolpersteinen zu finanzieren. Zudem führt Heinz Wolf Besuchergruppen über den jüdischen Friedhof, in den vergangenen zehn Jahren gab es 27 Führungen, bei denen er um Spenden für Stolpersteinlegungen bat. Hinzu kamen Vorträge und Lesungen sowie Zeitzeugengespräche. Zehn davon wurden im Rahmen einer losen Serie im Badischen Tagblatt veröffentlicht. Zum „harten Kern“ des Kuppenheimer Arbeitskreises zählen etwa zehn Ehrenamtliche, den Newsletter haben rund 300 Interessierte abonniert. Eine Homepage gibt es seit 2016.

Der Arbeitskreis Stolpersteine Baden-Baden organisierte am 4. November 2008 die erste Legung von 21 Steinen. Initiatorin war die Arte-Redakteurin Angelika Schindler, die das Buch „Der verbrannte Traum. Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden“ verfasst hat: „Als ich um 2005 von den Stolpersteinen hörte, war ich gleich begeistert! Mich fasziniert, dass Gunter Demnig die Opfer des Nationalsozialismus aus der Anonymität der Vernichtungslager an ihre Heimatorte zurückholt, und das passiert in doppeltem Sinn: Menschen vor Ort ergreifen die Initiative und recherchieren. Die Steine geben den Opfern nicht nur einen Namen zurück, sondern machen mit dem Eingangssatz ,Hier wohnte‘ deutlich: sie gehörten hier an diesen Ort, zu Baden-Baden. Ihre Verfolgungsgeschichte begann hier und nicht irgendwo weit weg im Osten. Hier lebten Menschen, die plötzlich keine Nachbarn und Freunde mehr hatten, die zu ihnen standen.“

Das Stadtmuseum unter der Leitung von Heike Kronenwett unterstützt die historischen Recherchen des Arbeitskreises, im Stadtmuseum hat es zudem 2014 eine Ausstellung über die Stolpersteine gegeben, erläutert Kronenwett im BT-Gespräch.

Evangelische Kirche von Anfang an dabei

Von Anfang an mit eingebunden ist die evangelische Stadtkirche. Die Stadt hat ein Spendenkonto für die Verlegung von Stolpersteinen eingerichtet. Bei zehn Terminen wurden bislang 198 Stolpersteine in der Kurstadt verlegt, davon 174 für jüdische Verfolgte, 21 für Opfer der NS-Krankenmorde und drei für politische Widerstandskämpfer. Wie viele es noch werden, lässt sich laut Schindler schwer voraussagen. Die kleine Gruppe von sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern habe noch nicht alle Opfergruppen recherchieren können.

Die Baden-Badener Schulen sind ebenfalls eingebunden. 2015 initiierte der AK ein Straßentheaterprojekt mit ihnen zur Erinnerung an die Deportation von 116 Juden ins Lager Gurs. 2018 war die Gruppe Mitinitiator der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ und hat das Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“ ins Leben gerufen. Zur letzten Stolpersteinverlegung im März kamen rund 100 Menschen.

Die Initiative Gedenken in Gaggenau wurde Ende 2008 von Ulrich Behne, dem damaligen Leiter des Kulturrings, von Achim Peters (Übersetzer aus Sulzbach) und den beiden Realschullehrern Frank Weiler und Heike Herbstreith ins Leben gerufen. Bislang wurden zwölf Stolpersteine verlegt. Aktuell wird die Initiative von Behne und der Realschullehrerin Elena Wunsch getragen, die mit ihren Schülern die Stolpersteine reinigt.

Man trage sich mit dem Gedanken, weitere Steine zu verlegen, erläutert Behne, der im vergangenen Jahr das Buch „Verstreute Spuren – Verblasste Erinnerungen“ veröffentlicht hat, in dem er die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hörden und der jüdischen Kaufmannsfamilien in Gaggenau sowie des Rotenfelser Arztes Meyerhoff und dessen Familie aufgearbeitet hat.

78 Stolpersteine in Rastatt verlegt

Die Initiative Stolpersteine Rastatt wurde im September 2013 ins Leben gerufen und zählt rund 20 Mitglieder. „Für die Gründung gab es keinen gesonderten Anlass, sondern die Begeisterung von Bernd Schlögl und Klaus Winterhoff für die Idee des Künstlers Gunter Demnig“, berichtet Vorsitzender Marcel Müller. Die aktive Teilhabe der katholischen Kirche in Person von Pfarrer Ralf Dickerhof sei „im wahrsten Sinne ein Segen und ein Türöffner“, ebenso das Mitwirken von Stadtarchivar Oliver Fieg als Mittler mit kurzem Weg zur Stadtverwaltung und seiner historischen Expertise. Harald Besinger habe die Initiative bekanntgemacht und die Homepage gestaltet, blickt Müller zurück. Getragen wird die Arbeit von einem Dutzend Engagierter. Schüler des Tulla-Gymnasiums haben die Biografien der Menschen recherchiert, für die Stolpersteine verlegt wurden. Bislang sind 78 Stolpersteine in der Barockstadt verlegt, die nächste Aktion ist am 8. Juli geplant.

In Gernsbach hat der Gemeinderat im Dezember 2019 beschlossen, dass Stolpersteine in der Stadt verlegt werden sollen. Wolfgang Froese, Leiter des Stadtarchivs, ist federführend zuständig, der Arbeitskreis Stadtgeschichte und die Schulen sind in das Projekt mit eingebunden.


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