Entschleunigung im Dschungel

Bintan (dm) – Die indonesische Insel Bintan vor den Toren Singapurs ist für viele Europäer ein noch unbeschriebenes Blatt. BT-Redakteur Daniel Melcher hat sich auf die Reise gemacht.

Hier baumelt die Seele: Bintan lockt mit Dschungel, weißen Stränden und viel Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Foto: Melcher

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Hier baumelt die Seele: Bintan lockt mit Dschungel, weißen Stränden und viel Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Foto: Melcher

Das Paradies liegt eine gute Fährstunde von Singapur entfernt. Gleichmäßig hält die „Queen Star 1“ ihren Kurs ins südchinesische Meer, entlang und vorbei an der Armada der Frachtschiffe, die in der Meeresstraße von Singapur auf das Einlaufen in den Hafen der südostasiatischen Millionenmetropole warten. Eine Überfahrt, die Welten trennt: Hier der glitzernde, quirlige (manche würden sagen: hektische) Stadtstaat und Handelsplatz. Dort, das Ziel der Reise: Die in großen Teilen mit Dschungel bedeckte, von weißen Stränden umsäumte, Ruhe ausstrahlende – und vielen noch unbekannte – Insel Bintan.

Bintan? Auch „Mumu“ kannte die Insel, die zu Indonesien gehört, nicht, bevor er einst hierherkam. Dabei ist er ein Landsmann. Aber was heißt das schon? Mehr als 17000 (!) Inseln zählt Indonesien. Muhamad Mukarom, wie „Mumu“ mit vollem Namen heißt, kommt ursprünglich von Java. Von Bintan will er indes längst nicht mehr weg. Sein Job ist es, Touristen über das Eiland zu führen. Er tut dies mit Begeisterung. Tourismus – für Bintan ist er ein verheißungsvoller Wirtschaftszweig. Im Norden sind in den vergangenen Jahren exklusive Resorts aus dem Boden gestampft worden, die mit künstlichen Luxus-Welten wie etwa einem 6,3 Hektar großen Giga-Pool und Top-Golf-Plätzen Besucher locken. Eine Verheißung auch für Einheimische: 40 Prozent von ihnen leben von den Jobs in den Resorts. Die meisten anderen Bintaner sind Fischer.

Urwald, soweit das Auge reicht

Hinter den Kontrollschranken der Hotelwelt: Eine urtümliche Dschungellandschaft, Urwald, so weit das Auge reicht. Die Hauptstadt Tanjung Pinang mit ihren 192000 Einwohnern an der Südwestküste ist weit weg. Auf der Fahrt in den Osten durchbrechen nur kleine Ansammlungen von Häusern die Inselnatur. Beieinander stehen hier einzelne kleine Villen und Wellblech-Holzbaracken, vor denen der Wohlstand bislang Halt gemacht hat. Dennoch: Es lasse sich gut leben hier, betont „Mumu“ .

Die meisten Besucher kommen am Wochenende, hauptsächlich aus Singapur, Malaysia, Kurzurlauber aus der näheren Umgebung. Europäer sieht man weniger. 2018 setzten laut Tourismusministerium gerade mal 2,24 Prozent der 273800 Deutschen, die Indonesien besuchten, einen Fuß auf Bintan. Die große Party findet woanders statt – aber gerade das macht die Insel aus. Eine Einladung zur Entschleunigung.

Gemächlich – so schippert auch das Boot über die ruhige See, das den Reiseleiter und seine ihm Anvertrauten nach White Sand Island an der Ostküste Bintans bringt – ein gerade mal zehn Minuten entferntes unbewohntes Inselchen. Klein, von einem weißen Sandstrand komplett umsäumt, in der Mitte ein Wäldchen, ein offenes Lokal, wenige Hütten sowie Zelte zum Übernachten.

Einsam- oder Zweisamkeit unter Palmen genießen: White Sand Island vor der Ostküste der Hauptinsel. Foto: Melcher

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Einsam- oder Zweisamkeit unter Palmen genießen: White Sand Island vor der Ostküste der Hauptinsel. Foto: Melcher

In der Hängematte lässt ein junger Mann Körper und Seele baumeln, in einer der Hütten fläzt ein Paar nachmittagsmüde im Schatten, an der Bar lässt sich eine Gruppe Asiaten Drinks servieren – Zitronengraslimonade vielleicht, das Nationalgetränk Bintans. Das flach abfallende südchinesische Meer umspült sanft das Weiß des Inselrands. Die Ruhe stört hier keiner – und niemanden stört die Ruhe.

Attraktion für die Generation Instagram

Gurun Pasir Busung im Westen Bintans ist ein weiterer Insel-„Hot-Spot“, zu dem „Mumu“ die Besucher führt – eine frühere Bergbaustätte, die 2006 aufgegeben wurde und jetzt einer arabischen Wüste ähnelt. Eine Attraktion für die Generation Instagram wurde hier geschaffen. Inmitten der Sandhügel lenkt die Oase Telaga Biru alle Blicke auf sich, ein kristallblauer See, der einst nur Krater war und sich im Lauf der Zeit mit Regenwasser füllte. Eine schillernde Szenerie wie aus einem postapokalyptischen Film: Baden sollte man darin nicht, wird gewarnt, das Wasser sei wegen des einstigen Bauxit-Abbaus giftig.

Mondlandschaft? Arabische Wüste? Die Sanddünen von Gurun Pasir Busung, einer aufgegebenen Bauxit-Abbaustätte, deren Wege zum kristallblauen See führen. Foto: Melcher

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Mondlandschaft? Arabische Wüste? Die Sanddünen von Gurun Pasir Busung, einer aufgegebenen Bauxit-Abbaustätte, deren Wege zum kristallblauen See führen. Foto: Melcher

Eintauchen in 100 Prozent Natur lassen wiederum die Mangroven am Sebung River. Flora und Fauna trotzen den Motoren der Wassertaxis, die die Besucher den mäandernden Flusslauf hinaufschippern. Auch die Schlange, die sich in den Ästen eines Baums direkt über den Köpfen der Eindringlinge zusammengerollt hat, zeigt sich gänzlich unbeeindruckt. „Ulak Balau“, sagt der Bootsführer – zwar für Vögel, aber nicht für Menschen lebensgefährlich, wie auch „Mumu“ versichert.

In die Mangrovenwälder hinein führt die Bootsfahrt auf dem Sebung River mit Vögeln, Schlangen – und, wenn man Glück hat, am späten Abend einem Heer von Glühwürmchen. Foto: Melcher

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In die Mangrovenwälder hinein führt die Bootsfahrt auf dem Sebung River mit Vögeln, Schlangen – und, wenn man Glück hat, am späten Abend einem Heer von Glühwürmchen. Foto: Melcher

Vor den Affen sollte man sich allerdings in Acht nehmen, die seien diebisch... Der Fluss wird schmaler, der Blätterwald dichter. Langsam legt sich die Dämmerung übers Land, die Stimmung schlägt ins Mystische um – nur das Heer von Glühwürmchen, das normalerweise funkelnd durch die Nacht leuchtet, zeigt sich just zu dieser Stunde nicht. Vielleicht beim nächsten Mal.

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Erstellt:
4. Februar 2020, 17:02 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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