„Entweder wir gehen alle unter – oder keiner“

Durmersheim/Iffezheim (ema) – Die Spargelbauer ringen ohne Helfer aus Osteuropa um die Ernte. Und sie wissen nicht, ob es überhaupt genug Kunden gibt.

„Wir sind für jede Hand dankbar“: Joachim Huber und einige seiner polnischen Erntehelferinnen. Foto: Vetter

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„Wir sind für jede Hand dankbar“: Joachim Huber und einige seiner polnischen Erntehelferinnen. Foto: Vetter

Anfang dieser Woche hatte Joachim Huber noch gehofft, die helfenden Hände aus Rumänien nach Iffezheim holen zu können – notfalls per Flugzeug. Doch die Ausgangssperre in dem osteuropäischen Land machte alle Pläne zunichte. Gerade zehn polnische Helferinnen packen nun auf dem Erdbeer- und Spargelhof an. Mit der Notlage muss auch Franziska Gehrer auf ihrem Spargelhof in Durmersheim zurechtkommen: „Wir müssen versuchen, zusammenzurücken.“
Der Coronavirus hat auch das Leben auf den Höfen aus den Fugen gebracht. Nächste Woche soll es mit der Spargelernte so richtig losgehen. Nur: Wer geht aufs Feld? Große Teile der Ernte drohen kaputt zugehen. Auf dem Huber-Hof, so berichtet der Chef, arbeiten sonst in der Hochsaison 180 Helfer aus Osteuropa, in Durmersheim rund 80. Franziska Gehrer stehen aktuell gerade mal neun Rumäninnen zur Verfügung, die vor dem Einreisestopp für vorbereitende Arbeiten nach Durmersheim gekommen waren. Jetzt hofft sie, dass wenigstens die bleiben können und die Politik die Gesetze so ändert, dass die Saisonkräfte länger als die bislang gestatteten 70 Tage sozialversicherungsfrei in Deutschland arbeiten dürfen.

„Jeder macht alles, wo gerade Not ist“

Dem akuten Arbeitskräftemangel begegnen die Hofbetreiber im Süden und Norden des Landkreises unterschiedlich. „Jeder macht alles, wo gerade Not ist“, sagt Franziska Gehrer, die zehn Mitarbeiter fest angestellt hat.

Da das Restaurant geschlossen ist, wird Arbeit verlagert. Morgens Ernte, nachmittags Sortieranlage. Dazu gilt es den Hofladen weiter zu betreiben. Dort will man die Angebotspalette erweitern. Flexibilität heißt das Gebot der Stunde. Angedacht ist, für Seniorenheime zu kochen. Oder eine Versorgung per Online-Shop.

Auch Joachim Huber stellt sich breiter auf. Er spricht von einem Lieferservice und einem Drive-in auf dem Hof – Verkauf am Autoschalter, wie man es sonst meist nur von Fast-Food-Ketten gewohnt ist.

Doch wie kommt der Spargel aus der Erde, und später auch die Erdbeeren, die bei Huber allein die Hälfte der Ernte ausmachen? „Wir sind für jede Hand dankbar“, sagt Joachim Huber. Da nicht klar ist, ob und wann der Transitweg von Osteuropa über Österreich nach Deutschland wieder frei wird, will der Chef des Iffezheimer Hofs jetzt deutsche Arbeitskräfte suchen.

Job-Suchende gibt es plötzlich in großer Zahl. Sie sei „erschrocken“, erzählt Franziska Gehrer, wie viele Arbeitslose sich in diesen Tagen bei ihr gemeldet hätten – vor allem Gekündigte aus der Gastronomie. Doch die Durmersheimerin hat Bedenken: Weiß sie, wen sie sich möglicherweise als Infizierten auf den Hof holt? Mit neuem Personal hält sie sich lieber zurück.

Ohnehin stellt sich für die Landwirte die Frage, ob denn das edle Gemüse, wenn es in größeren Mengen zur Verfügung stünde, überhaupt verkauft wird. „Wir wissen doch gar nicht, ob die Leute rausgehen“, sagt Joachim Huber, der von einer „sehr depressiven Stimmung“ berichtet: „Wir leben von einem Tag zum anderen.“ Und Franziska Gehrer fragt: „Wer will denn so ein teures Gemüse kaufen, wenn ihm gekündigt wurde oder er in Kurzarbeit ist?“

Zu den Erschwernissen bei Ernte und Verkauf kommt die Sorge, wie die Existenz grundsätzlich gesichert werden kann. „Irgendwann geht das Geld aus“, sagt Huber, der hofft, dass bürokratische Hürden abgebaut werden. Durch die Fixkosten kommt zwangsläufig die Frage nach der Liquidität auf. Die letzten Gespräche mit den Banken haben den Iffezheimer Hofbetreiber sehr ernüchtert. In den Geldhäusern fehlten Informationen, wie die von der Politik in Aussicht gestellten Liquiditätshilfen umgesetzt werden können.

Bei allen Belastungen: Franziska Gehrer hat sich geschworen, diese bislang nicht vorstellbare Durststrecke mit ihrem Team durchzustehen. Die festen Jobs, sagt sie, wolle sie sichern: „Entweder wir gehen alle unter – oder keiner.“

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Erstellt:
19. März 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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