Erdgas: Stadtwerke verlangen 2022 mehr

Baden-Baden/Bühl (tas) – Seit Monaten legen die Preise für Heizöl und Sprit zu, im kommenden Jahr werden nun auch die regionalen Gasversorger ihre Preise nach oben anpassen.

Ob Besitzer von Eigenheimen noch auf den Tankwagen verzichten können, hängt von den individuellen Heizölvorräten ab. Foto: Stefan Puchner/dpa

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Ob Besitzer von Eigenheimen noch auf den Tankwagen verzichten können, hängt von den individuellen Heizölvorräten ab. Foto: Stefan Puchner/dpa

Die Fahrt zur Tankstelle oder der Anruf beim Energiehändler macht dieser Tage nur wenig Spaß. Denn die Preise bei Sprit und Heizöl gehen derzeit durch die Decke. Mitte der Woche berichtete der Automobilclub ADAC, dass das Allzeithoch bei den Kraftstoffpreisen bereits in Reichweite ist.

Laut ADAC kostet der Liter E10 zu diesem Zeitpunkt in der Republik durchschnittlich 1,647 Euro. Bei einem Liter Diesel wurden 1,526 Euro fällig. Im Vergleich zur Vorwoche bedeutet das einen Anstieg von 3,8 beziehungsweise 4,8 Prozent. Zur Einordnung: Das Allzeithoch bei Super E10 wurde am 13. September 2012 erreicht. Damals kostete ein Liter 1,709 Euro. Beim Diesel war dies mit 1,554 Euro pro Liter am 26. August 2012 der Fall.

Kaum besser sieht die Lage beim Heizöl aus. Zwar steigen die Preise für den Flüssigbrennstoff bereits seit Monaten kontinuierlich an, in den vergangenen Wochen hat sich dieser Trend aber noch beschleunigt. Damit ist auch klar, dass das zwischenzeitliche Hoch aus dem Jahr 2018 bereits übertroffen wurde.

Damals kosteten 100 Liter Standard-Heizöl (bei Abnahme von insgesamt 3.000 Litern) im Schnitt rund 87,50 Euro (inklusive Mehrwertsteuer). Gestern lag der Preis bundesweit bei etwa 89,50 Euro. In Mittelbaden notierten die Heizölpreise sogar noch etwas darüber. Laut dem Internet-Portal Easyoil hat der Vergleichspreis für die 100 Liter die Marke von 90 Euro bereits überschritten.

Easyoil-Experte Steffen Bukold macht angesichts der jüngsten Entwicklungen an den internationalen Rohölmärkten auch nur ein bisschen Hoffnung, dass der Preisauftrieb in den kommenden Wochen gebremst werden könnte. „Einmal mehr dürfte gelten, dass hohe Preise das wirksamste Mittel gegen hohe Preise sind“, schrieb er am Donnerstag in seinem Marktkommentar. Sprich: Weiter steigende Energiepreise könnten die Konjunktur abbremsen und damit auch die Nachfrage nach Öl. Das würde am Ende wieder zu purzelnden Ölpreisen führen. Bisher jedenfalls ist das noch nicht der Fall.

In kleinerenEinheiten einkaufen


Ob Besitzer von Eigenheimen noch auf den Tankwagen verzichten können, hängt von den individuellen Heizölvorräten ab. Gaskunden jedoch können nicht auf Lagerbestände zurückgreifen und die aktuell hohen Energiepreise einfach aussitzen. Und doch zeigt sich, dass Gaskunden je nach Anbieter vom drastischen Preisanstieg auf dem Markt im Moment nur wenig mitbekommen.

Zwar haben sich die durchschnittlichen Gaskosten für deutsche Haushaltskunden laut dem Vergleichsportal Verivox – bei einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden – im Oktober 2021 um rund 300 Euro gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt erhöht, doch das ist eben nur ein Durchschnittswert. Denn der Auftrieb wird stark von denjenigen Anbietern bestimmt, die sich im Einkauf verstärkt kurzfristig mit Erdgas eindecken müssen, um ihre Kunden versorgen zu können. Denn die aktuell aufgerufenen Preise im Großhandel haben sich innerhalb eines Jahres verdrei- bis vervierfacht.

„Eine solche Situation haben wir seit der Liberalisierung des Gasmarktes noch nicht gesehen“, sagt Reiner Liebich, Geschäftsführer der Stadtwerke Bühl im Gespräch mit dem BT. Da das kommunale Unternehmen seine Energie jedoch strukturiert in kleineren Einheiten und mit Sicht auf zwei bis drei Jahre einkaufe, könnten kurzfristige Schwankungen an den Märkten viel besser ausgeglichen werden.

Andere Anbieter hingegen haben sich bei ihrer Einkaufspolitik augenscheinlich verzockt und kommen jetzt in Schwierigkeiten. Otima Energie aus dem brandenburgischen Neuenhagen beispielsweise musste jüngst Insolvenz anmelden und begründet dies mit den massiv angestiegenen Großhandelspreisen bei Gas. Die Belieferung der Kunden wurde eingestellt, das Gas kommt nun vom jeweiligen Grundversorger vor Ort.

Auch auf große Energiekonzernen wie Eon und EnBW hat der massive Preisanstieg auf dem Gas-Beschaffungsmarkt zu einer Strategieänderung beim Werben um neue Kunden geführt. Eon hat das Neukundengeschäft vorübergehend komplett eingestellt und will erst einmal neu kalkulieren, EnBW hat zumindest die Vermittlung auf Vergleichplattformen wie Verivox zurückgezogen, bietet laut einem Sprecher aber weiterhin auch Neukunden einen Vertrag an.

Die aktuelle Situation führt auf den Vergleichsportalen zu einem ungewohnten Bild. Wo sich früher die Gas-Discounter gegenseitig unterboten haben, sind die Tarife der Stadtwerke vor Ort heute quasi unschlagbar. Beispiel Stadtwerke Baden-Baden. Bei einem jährlichen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden kommen auf den Privatkunden mit Neuvertrag zwischen 1.140 Euro und 1.280 Euro im Jahr an Energiekosten zu. Verivox spuckt als günstigsten alternativen Anbieter den Vattenfall-Konzern aus, die jährlichen Gaskosten liegen hier jedoch um die 2.000 Euro. Die Tarife können also eher als Abwehrangebote verstanden werden.

„Entwicklung war atemberaubend“


Doch selbst die langfristig orientierte Einkaufspolitik der regionalen Stadtwerke stößt angesichts der allgemein steigenden Bezugskosten an ihre Grenzen. „Wir werden wie alle Anbieter unsere Preise anpassen müssen“, sagt Helmut Oehler, der Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Baden-Baden, gegenüber dem BT, und zwar im kommenden Jahr. In welchem Maß, das würden die nächsten Wochen zeigen. Klar sei aber, dass die Stadtwerke sich dem Höhenflug der Großhandelspreise nicht entziehen könnten. Oehler: „Die Entwicklung im letzten Vierteljahr war einfach atemberaubend.“


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