Erfinderberater: „Erfolgsquote liegt bei unter einem Prozent“

Baden-Baden (fde) – Das Image von Erfindern hat sich nicht zuletzt durch TV-Shows wie „Die Höhle der Löwen“ gewandelt. „Erfinden wird inzwischen in der Breite als seriöse Sache angesehen“, sagt Eberhard Kübel. Mit dem Erfinderberater hat sich BT-Redakteur Dennis Fettig unterhalten.

Eberhard Kübel berät und unterstützt Erfinder. Foto: innofoEK

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Eberhard Kübel berät und unterstützt Erfinder. Foto: innofoEK

Woche für Woche konnten TV-Zuschauer bis zuletzt in der Show „Die Höhle der Löwen“ auf Vox wieder zusehen, wie Erfinder ihre Tüfteleien der Jury präsentieren und auf einen Deal hoffen. Der Weg von der Idee über die Realisierung bis zur Marktreife ist jedoch weit, wie Eberhard Kübel aus seiner langjährigen Erfahrung zu berichten weiß. Der 71-Jährige ist Vorstandsmitglied im Deutschen Erfinderverband und berät und fördert Erfinder. Mit Kübel sprach BT-Redakteur Dennis Fettig über mangelnde Fördermittel für Erfinder, die Rolle von Kreativität, aufwendige Patentrecherchen und Hürden auf dem Weg zur Marktreife.

Interview

BT: Herr Kübel, präsent ist das Thema Erfindungen in den vergangenen Jahren vor allem durch TV-Shows wie „Das Ding des Jahres“ (ProSieben) oder „Die Höhle der Löwen“. Wie beurteilen Sie als Experte derartige Formate?

Eberhard Kübel: Die Außenwirkung der Erfindershows ist auf jeden Fall positiv – sowohl beim Publikum als auch innerhalb der Presse. Bis vor ein paar Jahren war es noch so: Wenn mich ein Journalist zum Thema Erfindungen interviewte, fragte er meist „Was haben Sie denn Skurriles?“ Das hat sich geändert. Erfinden wird inzwischen in der Breite als seriöse Sache angesehen. Das ist ein stückweit auch ein Verdienst der Erfindershows. Allerdings ist dabei natürlich auch ziemlich viel Schauspiel dabei.

BT: Erfinder gab es schon vor den TV-Shows. Fördern solche Formate auch den Mut des einen oder anderen, die eigene Idee endlich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren?

Kübel: Wahrscheinlich ja. Es ist für uns aber nicht genau nachvollziehbar, weil sich bestimmte Rahmenbedingungen geändert haben. Ende der 90er Jahre hatte das Bundesministerium für Forschung und Technologie, danach das Wirtschaftsministerium, ausgewählten Beratern die Möglichkeit gegeben, auf Kosten des Ministeriums bis zu vier Stunden zu beraten. 75 Prozent der Kosten bekamen wir dann vom Ministerium. Diese Option ist im Jahr 2012 weggefallen. Von daher hat die Resonanz von Erfindern, die sich bei uns melden, nachgelassen. Das liegt aber eben nicht daran, dass es jetzt weniger Erfinder gibt, sondern dass diese Fördermöglichkeit nun fehlt. Die Mehrzahl der Erfinder hat kein Geld und möchte alles kostenlos haben. Das kann man als Berater aber nicht realisieren.

Süddeutsche besonders kreativ

BT: Welche Möglichkeiten habe ich sonst als freier Erfinder, um Unterstützung zu bekommen?

Kübel: Privatpersonen erhalten keine Fördermittel. Es gibt die Beratungsangebote des Deutschen Erfinderverbands und des Deutschen Erfinderrings sowie das deutsche Institut für Erfinderwesen. Und aus den Förderzeiten gibt es noch ein paar Clubs, die regional übrig geblieben sind und eine Basisberatung machen. Worauf jeder Erfinder zumindest Anspruch hat, ist eine 30-minütige Erstberatung durch Patentanwälte. Das ist für eine Erfindung im Endeffekt aber deutlich zu wenig. Für kleine und mittelständische Unternehmen gibt es Förderprogramme des Bundes und des Landes.

BT: Sie haben den Erfinderverband angesprochen. Was ist dessen Hauptaufgabe?

Kübel: Der Erfinderverband ist ein gemeinnütziger Verein, der eine regionale Struktur hat mit 14 Sektionen. Baden-Württemberg ist relativ gut besetzt mit Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg. Dort finden – außerhalb von Corona-Zeiten – regelmäßig Treffen der Erfinder zum Erfahrungsaustausch statt. Beim Verband kann man sich auch Rat holen.

BT: Warum ist der Output an Ideen gerade im Südwesten so groß?

Kübel: Den südlichen Bundesländern wird nachgesagt, besonders kreativ zu sein. Das ist auch in der Statistik nachweisbar. Das liegt aber auch daran, dass Unternehmen wie Bosch, IBM, Daimler und Porsche dort ihren Hauptsitz haben. Die ganzen Erfindungen, die von Daimler kommen, laufen unter der Adresse Stuttgart – selbst, wenn sie eigentlich aus dem Werk in Düsseldorf entstammen. Von daher muss man diese Erfindungsstatistik ein bisschen relativieren. Im Großen und Ganzen stimmt es aber sicherlich, dass die Menschen aus dem südlichen Raum kreativer sind – es ist eine Mentalitätsfrage.

BT: Wird einem der Erfindergeist bereits in die Wiege gelegt oder entwickelt er sich erst?

Kübel: Kreativität ist eine Grundeigenschaft des Menschen. Gerade Kinder haben eine Menge Ideen und setzen sie um. Genau das wird ihnen in den Schulen abgewöhnt. Wenn es dann in den Beruf geht, wird es einem noch mehr abgewöhnt.

Ich habe vor Jahren eine Anleitung bekommen, wie ich Arbeitszeugnisse zu lesen habe. Wenn darin etwa stand – „Hatte viele Ideen“ –, soll das eine Umschreibung für einen Querulanten sein. So lange man auf diese Weise die Ideen von Mitarbeitern qualifiziert, kann es nur schiefgehen.

„Der typische Erfinder ist männlich“

BT: Mit Blick auf Geschlecht und Alter: Wie sieht ein typischer freier Erfinder heute aus?

Kübel: Der typische Erfinder ist männlich. Der Anteil der Frauen unter den in Patenten benannten Erfindern beträgt im Durchschnitt acht bis zehn Prozent. Wir versuchen, mit einer Initiative („Innovation made by women“) Schülerinnen, Studentinnen und erwachsene Frauen zu motivieren, erfolgreichen Erfinderinnen – davon gibt es nicht wenige – nachzueifern. Nicht nur der Kaffeefilter und die Geschirrspülmaschine wurden von einer Frau erfunden, sondern auch eine wichtige Programmiersprache und die Grundlagen von Bluetooth. Und zur Frage des Alters: Da gibt es die komplette Bandbreite von zehn bis 100 Jahren.

Keine Frage des Alters: Der zehnjährige Schüler Linus Baur hat mit einer selbst gebauten Brötchenrutsche am Artur-Fischer-Erfinderpreis teilgenommen. Foto: Schmidt/dpa

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Keine Frage des Alters: Der zehnjährige Schüler Linus Baur hat mit einer selbst gebauten Brötchenrutsche am Artur-Fischer-Erfinderpreis teilgenommen. Foto: Schmidt/dpa

BT: Welche Charakteristika zeichnen einen Erfinder aus?

Kübel: Der erfolgreiche Erfinder geht mit seiner Idee wie mit einem Projekt um und macht eine Planung. Die erste wichtige Frage, die zu klären ist, lautet: Wer kann die Idee brauchen? Darauf folgt die zweite Frage aus wirtschaftlicher Sicht: Hatte schon jemand anders die Idee? Die größte internationale Patentdatenbank umfasst heute 134 Millionen Patentveröffentlichungen. Da gibt es je nach Thema Hunderte ähnlicher Ideen, die man sich alle anschauen kann. Auf diesem Weg kann man auch direkt nachvollziehen, wie erfolgreich derjenige mit seiner Idee war, und was man für seine eigene Idee davon mitnehmen kann: Welche Fehler muss ich vermeiden? In welcher Richtung muss ich weitergehen?

BT: Das heißt, bevor ich eine Idee weiterverfolge, ist es ratsam, eine Nachforschung in einer solchen Datenbank anzustellen?

Kübel: Genau. In Deutschland ist als frei nutzbares Angebot an allererster Stelle zunächst einmal Depatisnet (Deutsches Patentinformationssystem) – ein Angebot des Deutschen Patent- und Markenamts. Da kann ich alle Schutzrechte recherchieren, die für Deutschland gültig sind oder es waren. Dazu zählen Veröffentlichungen des Deutschen und des Europäischen Patenamts sowie der Internationalen Organisation für geistiges Eigentum (WIPO). Es gibt Millionen weiterer Dokumente darin, die zum Teil über eine englischsprachige Kurzfassung erschließbar sind. Und wer sich die Mühe macht, über eine Sachklassifikation zu recherchieren, kann sogar den kompletten weltweiten Stand der Technik abfragen. Dazu müsste man dann allerdings auch Chinesisch können. Wenn man bei der eigenen Recherche auf kein Ergebnis stößt, macht es Sinn, einen Profi zu beauftragen, der Zugriff auf die internationale Datenbank hat. So eine Recherche kostet zwischen 300 und 2.000 Euro – abhängig von der Komplexität des Themas. Wenn ich als Berater und Rechercheur nach Bildern recherchieren kann, ist es relativ preiswert, wenn ich Texte lesen muss, wird es teuer. Denn Patentanmelder lieben es, Inhalte zu verschlüsseln: So wird beispielsweise eine Leiter nicht Leiter genannt, sondern Vorrichtung zur Überwindung vertikaler Distanzen.

BT: Können Sie den Weg von der Idee zur Realisierung einer Erfindung skizzieren?

Kübel: Wenn wir bei der Idee starten, sind die Etappen folgende: Am Anfang muss man überlegen, wie könnte ich meine Idee ausgestalten. Das heißt, man muss eine Skizze machen. Darauf folgen Detailzeichnungen und der Bau eines Funktionsmodells. Dieses kann man dann erweitern zum Prototyp. Dann gibt es üblicherweise eine Nullserie, bevor es im letzten Schritt in die Serienreife geht. Wenn man die Kosten für die einzelnen Etappen überschlagen will, kann man zwischen den einzelnen Stufen jeweils eine Null dranhängen: Die Idee kostet zehn Euro, die Skizze 100 Euro und so weiter. Bei der Serienreife und der Vermarktung ist man dann ganz schnell bei einer Million Euro.

Vermarktung ist mit Frust verbunden

BT: Wie viele Erfindungen bringen es zur Marktreife?

Kübel: Ich befasse mich mit der Unterstützung von Erfindern und der Verwertung ihrer Ideen seit 1979. Die Erfolgsquote bei den freien Erfindern liegt bei unter einem Prozent. Selbst bei den Profis, die für Unternehmen arbeiten, schaffen es von den Ideen maximal fünf Prozent auf den Markt.

BT: Welches ist die größte Hürde auf diesem Weg?

Kübel: Die größte Hürde ist, jemand zu finden, der es auf den Markt bringen will. Sie haben sehr wenig Chancen, so jemanden zu finden, wenn Sie nichts Greifbares haben, etwas, dass man in die Hand nehmen kann. Daran scheitern viele freie Erfinder, die zwar die Idee, aber noch kein Funktionsmodell, geschweige denn einen funktionsfähigen Prototyp, haben.

BT: Fällt Ihnen spontan eine Erfindung ein, die heute fest im Alltag der Menschen verankert ist, von der kaum jemand die Geschichte dahinter kennt?

Kübel: Der Gründer unserer Zeitschrift Innovations-Forum hat beispielsweise den Chip im Einkaufswagen Ende der 1960er Jahre erfolgreich vermarktet. Die Produzenten der Einkaufswagen hatten kein Interesse an der Erfindung. Doch dann ist der Berater zu einer Versicherung gegangen und hat denen gesagt: „Wir haben da was, um zu verhindern, dass die Einkaufswagen vom Supermarkt weggeschleppt werden und ihr die Schäden bezahlen müsst. Bietet doch euren Kunden an, dass sie geringere Versicherungsprämien zu bezahlen haben, wenn sie den Chip verwenden.“ Das war der Umweg, über den der Chip am Einkaufswagen eingeführt wurde.


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