Erfolg mit direkter Ansprache und großer Vorsicht

Ötigheim (as) – Im Seniorenzentrum Curatio beträgt die Impfquote fast hundert Prozent. Im Gespräch mit BT-Redakteurin Anja Groß erläutert Heimleiter Timo Kanjo, warum das so ist.

„Immer eher ein bisschen vorsichtiger als zu nachsichtig“: Timo Kanjo. Foto: Konstantin Stoll/Archiv

© Konstantin Stoll

„Immer eher ein bisschen vorsichtiger als zu nachsichtig“: Timo Kanjo. Foto: Konstantin Stoll/Archiv

Rund 120 Mitarbeitende und 84 Bewohnerinnen und Bewohner hat das Seniorenzentrum Curatio in Ötigheim. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht drückt Heimleiter Timo Kanjo nicht, denn bis auf zwei Hausgäste haben alle einen aktuellen Impfstatus.
BT: Herr Kanjo, Sie haben 100 Prozent Impfquote bei den Mitarbeitenden und bis auf zwei Personen sind auch alle Bewohner geimpft. Sonst hört man aus den Pflegeberufen allenthalben andere Zahlen. Was haben Sie anders gemacht als andere Einrichtungen?
Timo Kanjo: Wir haben sehr früh sehr niederschwellige Impfangebote gemacht. Zwei Wochen nach Impfstart 2020 hatten wir ein mobiles Impfteam in der Einrichtung. Dafür waren wir am ersten und zweiten Weihnachtstag im Einsatz, haben alle Angehörigen der Hausgäste abtelefoniert und mit jedem persönlich gesprochen. Ebenso haben wir vom Leitungsteam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den direkten Kontakt gesucht und aufgeklärt. Ich denke, damit ist es uns gelungen, viele Leute mitzunehmen. Nachdem sich früh schon der Großteil der Hausbewohner und viele Mitarbeiter für die Impfung entschieden haben, hat sich eine positive Dynamik entwickelt, und immer mehr Mitarbeitende sind auf den Zug aufgesprungen.

BT: Es gab also auch bei Ihnen anfangs Skeptiker?
Kanjo: Den ersten Impftermin haben rund 60 Prozent der Mitarbeiter genutzt. Das war zum damaligen Zeitpunkt schon besser als der Bundesdurchschnitt. Aber es gab auch Leute, die wir im Zuge der Pandemie überzeugen mussten. Grundsätzlich bin ich aber sehr stolz auf unsere Mitarbeiter, die schnell und geschlossen ihre Verantwortung gegenüber unseren Hausgästen erkannt haben.

BT: Nur bei zwei Hausgästen in Ötigheim hat das nicht geklappt?
Kanjo: Ja, wir versuchen zwar immer wieder, diese zu überzeugen und Angebote zu machen, zuletzt auch mit Novavax. Aber den Hausgästen steht es natürlich frei, das abzulehnen. Das müssen wir akzeptieren.

BT: Sind Sie denn somit weitgehend verschont worden von Corona?
Kanjo: Nein, leider nicht. Trotz der hohen Impfquote haben wir auch heute noch vereinzelt Mitarbeiter, die an Corona erkranken, und wir hatten auch mehrere Krankheitsfälle im Haus. Bei der Delta-Variante hatte man noch Zeit zu reagieren, wenn der Schnelltest positiv war. Bei der Omikron-Variante schlagen die Schnelltests erst zu einem Zeitpunkt an, wenn es meist schon weitere Ansteckungsfälle gab.

BT: Hatten Sie Todesfälle zu beklagen?
Kanjo: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Tatsächlich hatten wir im Verlauf der Pandemie trotz Dreifachimpfung Todesfälle von corona-positiv getesteten Bewohnern. Ob diese mit oder durch Corona gestorben sind, kann ich Ihnen aber nicht beantworten.

BT: Also ist ein Konzept der Vorsicht Ihr Erfolgsrezept?
Kanjo: Vielleicht. Wir haben Maßnahmen bei uns oft zwei bis drei Wochen umgesetzt, bevor sie gesetzlich eingeführt wurden. Aktuell sind wir seit Wochen zur täglichen Testpflicht für geboosterte Mitarbeiter zurückgekehrt. Auch das ist bei Weitem kein Standard in Baden-Württemberg. Außerdem führen wir regelmäßig Reihentestungen bei allen Bewohnern durch, unabhängig vom Impfstatus. Wir setzen das um, was rechtlich möglich ist und organisatorisch zu leisten, und sind immer eher ein bisschen vorsichtiger als zu nachsichtig. Aber letztlich gehört auch immer Glück dazu.

BT: Die einrichtungsbezogene Impfpflicht ist in Ihrer Branche umstritten. Einige Pflegekräfte gehen sogar lieber aus dem Beruf, als sich impfen zu lassen. Wie stehen Sie dazu?
Kanjo: Ich glaube, unsere Mitarbeiter haben zu einem sehr frühen Zeitpunkt verstanden, dass sie eine Verantwortung auch für unsere Hausgäste haben. Eine Impfung ist in gewisser Weise immer auch ein Fremdschutz – auch wenn er leider nicht hundertprozentig wirkt. Wenn man so eng mit der Risikogruppe zusammenarbeitet wie wir es in der Altenpflege tun, gebietet es sich allein aus dem Schutzgedanken, dass man sich impfen lassen muss. Wir schauen entspannt auf die Impfpflicht in Pflegeeinrichtungen. Aber ich denke, eine generelle Impfpflicht für die Allgemeinbevölkerung ist auch angezeigt.

BT: Überall ist vom Personalnotstand in der Pflege die Rede. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Kanjo: Diese Dramatik haben wir nicht, auch wenn wir natürlich in der Pandemie viel mit direkten oder indirekten Personalausfällen zu kämpfen hatten. Aber es war zu jeder Tages- und Nachtzeit das erforderliche Personal da. Wir haben immer versucht, auf Nummer sicher zu gehen. Dazu gehört für mich auch, dass ein Mitarbeiter, bei dem der Partner zu Hause erkrankt ist, vom Dienst freigestellt wird, auch wenn wir ihn rein rechtlich arbeiten lassen dürften, wenn er geboostert ist. Dadurch fallen natürlich mehr Mitarbeiter aus und das führt zu einer starken Mehrbelastung des Personals.

BT: Die faire Bezahlung der Pflegeberufe ist im Zusammenhang mit Corona ja wieder sehr in den Fokus gerückt. Sind da Besserungen in Sicht?
Kanjo: Seit November verhandeln wir mit den Pflegekassen und dem Kommunalverband für Jugend und Soziales und den Sozialämtern über bessere Löhne. Das stößt aber auf Widerstand der anderen Seite. Vermutlich wird das sogar in einer Schiedsgerichtsverhandlung münden.

BT: Das heißt, die Rufe auch der Politik nach besserer Bezahlung waren letztlich nur Lippenbekenntnisse?
Kanjo: Schon, denn ich halte es für unfair, wenn politisch bessere Bezahlung für Pflegekräfte gefordert wird, das in den Verhandlungen dann aber kein Gehör findet. Die Politik hat schließlich direkten Einfluss auf das Handeln.

BT: Wagen Sie eine Prognose, wie lange Corona uns noch beschäftigen wird?
Kanjo: Im nächsten Winter sicher noch. Ich glaube, dass erst mit flächendeckend verfügbaren und gut wirksamen Medikamenten zur Behandlung dem Ganzen vielleicht etwas der Schrecken genommen wird. Solange unsere Arbeit geprägt wird von besonderen Hygienemaßnahmen, besonderem Personalausfall, Quarantäne- und Maskenpflicht sowie allen damit verbundenen zusätzlichen Belastungen wünsche ich mir, dass der Pflegerettungsschirm, über den coronabedingte Mehrausgaben und Mindereinnahmen in zugelassenen Pflegeeinrichtungen finanziert werden, über März 2022 fortgeführt wird.


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