Erholungsort für gestresste Stoffe

Ludwigsburg (fh) – Textildepot in Ludwigsburg schlummern die kleidsamen Sammlungsobjekte des württembergischen Landesmuseums. Vor und nach jeder Ausstellung werden sie von den Restauratoren gepflegt.

Sammlungsleiterin Maaike van Rijn zeigt, wie gut gebettet die Hüte verstaut sind. Foto: Fiona Herdrich

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Sammlungsleiterin Maaike van Rijn zeigt, wie gut gebettet die Hüte verstaut sind. Foto: Fiona Herdrich

Hinter barocken Mauern schlummern Schätze aus Samt und Seide, Spitze und Federn, Leder und Nylon, jedes kostbare Stück in seinem eigenen Bettchen. Im Residenzschloss Ludwigsburg befindet sich nicht nur ein Modemuseum, sondern auch das Textildepot des württembergischen Landesmuseums. Einige dieser kleidsamen Objekte sind derzeit in der Großen Landesausstellung „Fashion?!“ in Stuttgart zu sehen, die bis April 2022 verlängert wurde.

Ein Objekt, das die Stuttgarter Schau nach nur wenigen Monaten wieder verlassen muss, liegt in einem langen Karton auf dem Edelstahltisch im sogenannten Nassraum des Textildepots, einer Mischung aus Großküche und Chemielabor. Es handelt sich um einen Gummianzug von Versace, eine Leihgabe aus den Niederlanden – für Dr. Maaike van Rijn, Sammlungsleiterin und Kuratorin für Mode und Textil, eine besondere Herausforderung. „Bei allen neumodischen Materialien wie Nylon oder anderen Kunstfasern läuft irgendwann Erdöl aus“, gibt sie zu bedenken. Naturfasern dagegen seien stabil. Ein Problem, das auch ihre Kollegen von der Abteilung für Möbel betrifft und an dem die Forschung noch arbeitet.

Der Nassraum sieht aus wie eine Mischung aus Küche und Chemielabor. Foto: Fiona Herdrich

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Der Nassraum sieht aus wie eine Mischung aus Küche und Chemielabor. Foto: Fiona Herdrich

Ausgestellt zu werden, bedeute für die Objekte Stress. Im Nassraum und in einem Trockenbereich wird darum vor und nach jeder Schau Sammlungspflege betrieben. Die Waschmaschine steht hier nur für Wischlappen. Für die zu reinigenden Museumsstücke gibt es ein riesiges Waschbecken mit einem Sauger. „Aber bevor der zum Einsatz kommt, versucht man eher, den Schmutz partiell herauszuzupfen“, erklärt van Rijn. Ist Säure oder Gas nötig, etwa bei Ölflecken, gibt es sogar einen chemischen Abzug wie im Labor. Das Ziel der Restauratoren sei aber nicht, dass etwa ein Seidenkleid aus dem 17. Jahrhundert am Ende so aussieht wie frisch geschneidert, sondern es geht um den Erhalt. „Wir würden das Material, zum Beispiel wenn es gerissen ist, nicht übernähen, sondern eher einen stützenden Stoff unternähen“, sagt van Rijn. Wo tatsächlich ausgebessert werde und wo nicht, sei immer eine Einzelfallentscheidung.

Und natürlich wird etwa ein wertvolles Tauftuch aus dem 17. Jahrhundert nicht einfach nach Hausfrauenart gebügelt. Die Mitarbeiter breiten es vielmehr im Trockenraum aus und beschweren es mit Bleigewichten, unter die zum Schutz noch kleine Glasplatten gelegt werden.

Im Quarantäneraum werden Neuankömmlinge erst mal beobachtet. Stoffe für die Aufbewahrung werden außerdem hier ausgekocht. Foto: Fiona Herdrich

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Im Quarantäneraum werden Neuankömmlinge erst mal beobachtet. Stoffe für die Aufbewahrung werden außerdem hier ausgekocht. Foto: Fiona Herdrich

Die Sammlung reicht von koptischen Textilien aus Grabungen in Ägypten bis zum Zara-Kleid, das die Herzogin von Cambridge zum Verkaufsschlager machte. Damit die rund 10.000 Objekte sich nichts einfangen, müssen Neuankömmlinge erst mal in Quarantäne. Dafür befindet sich vor dem Nass- ein gefliester Schleusenraum. „Das sind Sachen aus privaten Schenkungen, die teilweise 50 Jahre in einem Kleiderschrank hingen“, erklärt van Rijn. Das oberste Ziel sei es, nichts einzuschleppen – schon gar kein Ungeziefer.

Die Quarantäne gilt nicht nur für neue Sammlungsobjekte. Es gibt im Textildepot auch Stoffe, die der Aufbewahrung dienen. Diese werden im Schleusenraum zusätzlich „entschlichtet“. In einer Gulaschkanone wird alles ausgekocht, was den wertvollen Museumsschätzen schaden könnte, wie Farben oder Stärke.

Spitze lagert auf mit Stoff überzogenen Rollen. Die Trägermaterialien sind alle speziell gereinigt. Foto: Fiona Herdrich

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Spitze lagert auf mit Stoff überzogenen Rollen. Die Trägermaterialien sind alle speziell gereinigt. Foto: Fiona Herdrich

Mit dem Aufbewahrungsstoff sind zum Beispiel die Rollen überzogen, auf die die aufzubewahrende Spitze gewickelt wird und die in einer Schublade nochmals auf kleinen Stelzen liegen. So gelingt es, die Spitze gut zu handhaben, ohne sie zu oft anzufassen.

Auch Falten werden so vermieden, denn sie verursachen mit der Zeit Bruchstellen, wie van Rijn erklärt. Andere Stoffe liegen aus diesem Grund flach ausgebreitet in den Schränken. Unter anderem für einen Chormantel aus dem frühen 19. Jahrhundert gibt es sogar eine spezielle halbrunde Schublade.

Falten vermeiden: Stoffe liegen ausgebreitet in den Schubladen, hier ein Chormantel. Foto: Fiona Herdrich

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Falten vermeiden: Stoffe liegen ausgebreitet in den Schubladen, hier ein Chormantel. Foto: Fiona Herdrich

Aber nicht nur Kleider werden im Textildepot aufbewahrt. Handbemalte, vergoldete Fächer mit Elfenbeingriff liegen auf eigens für sie angefertigten Bettchen, Hüte und andere Kopfbedeckungen auf individuell hergestellten Zylindern, die Schuhe in ihren Kartons sind von innen leicht ausgepolstert, die Schirme am besten leicht geöffnet, Schuhschnallen und Knöpfe selbstverständlich paarweise sortiert. Taschen dagegen werden eher lose aufbewahrt und sind vergleichsweise unempfindlich gegenüber Temperatur und Feuchtigkeit. „Leder kann uralt werden“, ist sich van Rijn sicher.

Der Schwerpunkt im Textildepot in Ludwigsburg liegt auf höfischer Mode, vieles datiert auf die Epoche des Rokoko. Aber es gibt auch anderes. Zahlreiche Stücke der Sammlung stammen aus dem ehemaligen Landesgewerbemuseum in Stuttgart. „Und wir reagieren natürlich auch auf aktuelle Phänomene“, sagt van Rijn und nennt das besagte Kleid von Herzogin Kate. Bevor sie ein Objekt aufnimmt, müsse sie sich aber immer fragen: Ist es so besonders, dass es ihre Nachfolger noch in 300 Jahren interessiert?

Handbemalte Fächer liegen auf individuell gefalteten Bettchen. Foto: Fiona Herdrich

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Handbemalte Fächer liegen auf individuell gefalteten Bettchen. Foto: Fiona Herdrich

Über eine Nummer auf einem Etikett am Trägerstoff können die Objekte identifiziert werden. Sie sind für eine Online-Datenbank zuvor im Textildepot fotografiert worden. „Wir sind dabei aber noch weit von Vollständigkeit entfernt“, räumt die Sammlungsleiterin ein. Auf die Datenbank können auch andere Museen zugreifen und so zum Beispiel beim Datieren der Stücke helfen.

Findet ein Kurator außerdem ein Objekt für eine geplante Ausstellung, kann er eine Leihanfrage stellen. „Dann schaut die Restauratorin: Geht es dem Stück überhaupt gut?“, sagt van Rijn, die von den Sammlungsschätzen gerne wie von Lebewesen spricht. Im Leihvertrag werden dann die Bedingungen für die „artgerechte Haltung“ festgelegt: Viele Objekte vertragen nicht mehr als 50 Lux. Entsprechend gibt es im Textildepot selbst auch kein Tageslicht. „Das ist das Schädlichste“, weiß van Rijn.

Temperatur – sie liegt ideal zwischen 18 und 22 Grad Celsius – und Luftfeuchtigkeit werden mit einem Klimamesser überprüft. „Da merkt man sehr: Menschen verändern alles“, stellt die Museumsmitarbeiterin fest. Eine Führung, die einmal im Jahr für das Publikum angeboten wird, wirke sich sofort aus.

Jedes Kleidungsstück bekommt eine eigene Figurine, damit es zu keinen Spannungen kommt. Foto: Fiona Herdrich

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Jedes Kleidungsstück bekommt eine eigene Figurine, damit es zu keinen Spannungen kommt. Foto: Fiona Herdrich

Werden die zumeist wohl für ihre Träger und Trägerinnen maßgeschneiderten Kleider aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt, bekommen sie eine wiederum für sie maßgefertigte Figurine. „Ein Kleid aus dem 17. Jahrhundert passt auf keine moderne Schaufensterpuppe“, beschreibt van Rijn, „schließlich gibt es Konfektionsgrößen erst seit den 1960er Jahren, und Körperformen und -ideale haben sich im Laufe der Jahrhundert verändert“. Das Ziel der Restauratoren ist es, dass die Figurinen aus speziellem Kunststoff ohne Schadstoffe die Kleider optimal ausfüllen. Das heißt, dass keine Spannungen entstehen dürfen. Mit Vließ kann dann noch zusätzlich unterfüttert werden.

Ein Anzug von David Bowie, der derzeit in Stuttgart zu sehen ist, ist so schmal, dass er auch der kleinsten männlichen Figurine nicht gepasst hätte. Am Ende malträtierte man eine Frauenfigur und flexte die Brüste ab. Ausgespannt, gepolstert und sicher in Holzkisten verpackt, geht es für Leihgaben schließlich per Kunsttransport auf die Reise zum Ausstellungsort.


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