Erinnerungen an einen Genozid

Karlsruhe (twei) – Das ZKM in Karlsruhe zeigt die Ausstellung „Nobody’s Listening“ über das Schicksal der Jesiden im Irak.

Hala Safil Amo leiht auf einem Plakat der Ausstellung „Nobody’s Listening“ ihr Gesicht. Foto: Thomas Weiss

© Thomas Weiss

Hala Safil Amo leiht auf einem Plakat der Ausstellung „Nobody’s Listening“ ihr Gesicht. Foto: Thomas Weiss

Zumindest im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe erhält das Schicksal der Jesiden im Irak die ihr gebührende Aufmerksamkeit, es „hört doch jemand zu“: So ist der Titel „Nobody’s Listening“ („Keiner hört zu“) zwar für den Zeitpunkt des Genozids 2014 an den Jesiden im Nordirak treffend gewählt, für die Gegenwart in der Fächerstadt und hoffentlich in der Zukunft gibt es auch durch diese Ausstellung und die von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) im kommenden Schuljahr annoncierte Bildungskampagne über das Schicksal der bedrohten Minderheit entsprechende Aufmerksamkeit.

Minderheit von rund einer Million Menschen

Die Jesiden sind eine ethnisch-religiöse monotheistische Minderheit von rund einer Million Menschen, inzwischen sollen etwa 200.000 von ihnen in der Deutschland leben, die auf eine fast 6.000-jährige Geschichte zurückblicken können. Auch im siebten Jahr nach dem Genozid an der Gemeinschaft der Jesiden durch den „Islamischen Staat“ (IS) sind immer noch 3.000 jesidische Frauen und Kinder verschwunden, viele sind noch immer verschleppt und versklavt. Auch an ihr Schicksal erinnert „Nobody’s Listening“ bis zum 9. Januar im ZKM-Museumsbalkon. Die von Yazda, einer in den USA von Jesiden gegründeten NGO, und der GfbV und weiteren Organisationen getragene, als erstes im ZKM gezeigte Wanderausstellung ist in Baden-Württemberg und speziell Karlsruhe aus verschiedenen Gründen am richtigen Ort.

Denn das Land Baden-Württemberg hat schon 2014 nachdem der IS mit dem Genozid an der Ethnisch-religiösen Gemeinschaft im Nordirak begann, traumatisierte Frauen und Kinder aufgenommen und medizinisch versorgt, die verschleppt und missbraucht worden waren. Dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Schirmherrschaft über „Nobody’s Listening“ übernommen hat, ist also kein Zufall. Andererseits hat die Bundesanwaltschaft, die in Karlsruhe residiert, das weltweit erste Verfahren gegen einen IS-Terroristen wegen Völkermord an den Jesiden angestrengt.

Vom IS verschleppt und gefangen gehalten

Das Thema Gerechtigkeit ist denn auch für Hala Safil Amo, die auf dem Plakat der Ausstellung dieser ihr Gesicht leiht, ein zentraler Begriff. Sie wurde vom IS verschleppt und drei Jahre gefangen gehalten, der Großteil ihrer Familie ermordet. Gerechtigkeit für die versklavten Jesidinnen, die von IS-Kämpfern sexuell missbraucht wurden ebenso wie die von der Terrororganisation Ermordeten. „Nicht nur die Jesiden wurden zu Opfern des IS“, sagt Hala Safil Amo bei der Pressevorbesichtigung der Ausstellung, ebenso wurden andere Minderheiten wie Christen, aber auch Muslime zu Opfern des IS.

An deren Schicksal und zugleich an Schutz von Minderheiten im Irak zu erinnern, ist das Ziel der Ausstellung von 19 Künstlerinnen und Künstlern im ZKM. Wobei der Bogen von Gemälden und Zeichnungen von solchen wie Jamil Soro, der den traditionellen Habitus einer jesidischen Frau ebenso zeigt wie das Porträt einer eines Mädchens, das hofft zu ihrer Familie zurückkehren zu können, reicht. Viele der künstlerischen Arbeiten befassen sich direkt mit dem Terror und der Zerstörungswut des IS. Sadiq Khedars Gemälde „Fleeing from death“ zeigt fast schon fotorealistisch eine Familie auf der Flucht.

Vertreibung der Jesiden

Nahrin Malkis Bild „Sales of Women“ befasst sich mit der Versteigerung von Frauen auf einem IS-Sklavenmarkt, während Salam Nohs „The Darkness is covering me“ an den Schmerz eines Mannes erinnert, dessen Frau von der Terrorgruppe entführt wurde. Andere Ausstellungsstücke wie eine Kinderpuppe, der der Kopf abgerissen wurde, erinnern an den radikalislamischen Ansatz des IS, dass keine Gesichter abgebildet werden dürften.

Dem gegenüber zeigen viele Fotos die Vertreibung der Jesiden, die oftmals im Tod endete. Eine andere Herangehensweise an das Schicksal der vom IS verfolgten Minderheit präsentiert der Kurator der Ausstellung Ryan D’Souza mit den technischen Möglichkeiten der Virtual Reality. Mit der VR-Brille wird das Schicksal der Jesiden aus drei Perspektiven in einem jeweils zwölfminütigen Durchgang gezeigt. Einmal aus der einer Jesidin, dann ihres Bruder sowie eines IS-Kämpfers.

Die Ausstellung „Nobody’s Listening“ ist bis zum 9. Januar im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) zu sehen.


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