Erntefrisch aufs Abstellgleis

Ettlingen (BNN) – Lokal erzeugte Lebensmittel von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben sollen im Schienennetz zu Verbrauchern transportiert werden – klimafreundlich und zu fairen Preisen.

Ungewöhnliches Verkehrsmittel: Die Hofladentram (hier ein Symbolbild) soll regionale Produkte zu den Verbrauchern bringen. Foto: Jördis Damrath

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Ungewöhnliches Verkehrsmittel: Die Hofladentram (hier ein Symbolbild) soll regionale Produkte zu den Verbrauchern bringen. Foto: Jördis Damrath

Es gibt heute keinen besonderen Grund dafür, das Nebengleis am Bahnhof Ettlingen Stadt aufzusuchen. Aber vielleicht bald. Dann nämlich, wenn man sich zum Mittag- oder Abendessen etwas Leckeres gönnen will, das gleichzeitig auch gesund, saisonal und frisch ist. Der Kunde wird dazu eine ausgediente Stadtbahn besteigen und einen schmalen Gang hinunter bummeln mit Theken, Wühlkörben und Regalen, die aus alten, ungestrichenen Paletten zusammengezimmert worden sind. Darin findet man zum Beispiel kürzlich geerntete Möhren aus der Region, Eier von glücklichen Hühnern, duftendes Brot aus dem Bio-Bäckerofen, aromatischen Honig vom Imker und hausgemachten Schinken vom Metzgerladen im Nachbarort. Wer zu spät kommt, wird nur ein leeres Gleis erblicken, der rollende Hofladen ist dann nach einem kurzen Aufenthalt wieder weggefahren. Das Gute ist jedoch: Er kommt garantiert bald zurück.

In der Region Karlsruhe nimmt gerade ein einzigartiges Projekt Gestalt an, das lokal erzeugte Lebensmittel von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben im Schienennetz zu Verbrauchern transportieren soll, und zwar klimafreundlich und zu fairen Preisen. Die Hofladentram: Geht alles nach Plan, könnte sie in den Sommermonaten 2022 ihren Pilotbetrieb starten. Hinter dem Vorhaben stehen die Hochschule Offenburg, die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und ein neu gegründeter Betreiber-Verbund aus Karlsruhe.

Lokal eingegrenzten Kundenkreis erweitern

„Mein erster Gedanke war: was für eine schwachsinnige Idee!“ Ingo Dittrich lacht herzlich bei der Erinnerung an eine Diskussion mit Studierenden vor gut drei Jahren. Der Leiter des Studiengangs Logistik und Handel an der HS Offenburg beschäftigt sich schon länger mit dem Gedanken, wie man Stadtbahnen auch für den Güterverkehr nutzen könnte, um Straßen zu entlasten und das Klima zu schonen. Laut Dittrich gibt es in der Region viele Quertransporte per Lkw zwischen Bauernhöfen und Agrarbetrieben, die nicht ausgelastet seien und die Umwelt belasten würden.

Der 49-jährige Logistiker aus Pfinztal ist überzeugt, dass sie sich durch eine elektrisch angetriebene, nachhaltige Verkehrslösung auf der Schiene effizient ersetzen ließen. Zum Beispiel durch einen rollenden Hofladen, der gleichzeitig den Landwirten weitere Absatzmöglichkeiten geben und ihren meist lokal eingegrenzten Kundenkreis erweitern könnte. Da er zunächst Zweifel an der Umsetzbarkeit des Konzepts hatte, fragte Dittrich bei einigen Biohöfen bei Karlsruhe nach, ob sie überhaupt Interesse an einer Hofladentram hätten. Die einhellige Antwort lautete: Ja.

Seitdem ist die „Schwachsinnsidee“ Schritt für Schritt zu einem studentischen Forschungsprojekt gereift, der schon bald die Einkaufsmöglichkeiten in der Region erweitern und die Direktvermarktung der Landwirte revolutionieren könnte. Und so soll es funktionieren: Die Bahn fährt morgens zum Ort A und sammelt dort bei den Landwirten die Waren ein. Sie fährt dann zum ersten Verkaufsort B und bleibt beispielsweise auf einem Seitengleis stehen. In den folgenden drei Stunden können Kunden dort einkaufen, während ein Zusteller per mitgeführtem Lastenrad die regionalen Erzeugnisse an kleine Restaurants und Cafés, Kantinen und Läden ausliefert.

Per Lastenrad zum Abholterminal

Danach fährt die Tram los, holt unterwegs Waren von den Höfen ab und bleibt erneut drei Stunden lang am Verkaufsort C für weitere Kunden geöffnet. Am nächsten Tag wiederholt sich der Zyklus auf gleicher oder einer anderen Strecke. Im Projekt ist zudem die Möglichkeit vorgesehen, automatische Terminals oder Kioske per Lastenrad zu beliefern, in denen die Konsumenten ihre online vorbestellten Würste, Käse oder saisonales Gemüse später abholen können. Die Bahn müsste an solchen Terminals vor allem nachts halten, um den dicht getakteten Schienenverkehr nicht zu behindern. Da sie einige Hunderttausend Euro kosten, würde der Service ohnehin nicht in der ersten Phase des Projekts angeboten werden können, erklärt Ingo Dittrich.

Die Projektgruppe hat als Partner die weit verzweigte AVG mit ins Boot geholt. „Sie bedient die Pfalz, ein Liefergebiet von Wein und Kartoffeln. Sie fährt in den Kraichgau, wo spezielles Mehl herkommt, und hinunter bis nach Achern, wo wir andere Weine und regionale Produkte haben. All dies könnte man kombinieren“, erklärt Dittrich.

Dem Wissenschaftler schweben vier bis fünf Bahnen auf verschiedenen Strecken vor, die auch untereinander austauschen könnten. So würden Produkte nachhaltig und umweltfreundlich über weite Entfernungen befördert werden können, erklärt er. „Karlsruhe wäre das größte Absatzgebiet, vor allem mit den Randbereichen, wo es keine Wochenmärkte gibt.“

Die Grundidee der Hofladentram ist, dass sie das Angebot von regionalen Produkten ergänzen soll und darum nicht in Konkurrenz zu den bestehenden Märkten oder dem Verkauf solcher Lebensmittel per Lkw treten wird. Die Bahn werde deshalb nicht in der Karlsruher Innenstadt halten, sondern vielleicht in Durlach und Neureut, erklärt Dittrich.

Eine andere Bedingung sei, dass sie für den regulären Verkehr kein Hindernis darstelle und zum Beispiel eine Wendeschleife schnell verlassen könne, wenn diese benötigt werde. „Natürlich wird in der Hofladentram ein ausgebildeter Stadtbahn-Fahrer dabei sein“, erklärt der Logistiker. Dittrich denkt, dass die Fahrten mit der Tram den Mitarbeitern der AVG eine nette Abwechslung bieten, weil sie in dem mobilen Laden auch an der Kasse stehen und mit Menschen ins Gespräch kommen könnten.

Das Pilotprojekt soll sich zunächst mit einer ausgemusterten Bahn auf den Landkreis Karlsruhe, Bad Herrenalb und den Landkreis Rastatt konzentrieren. Als Startkapital wird nach Informationen dieser Zeitung eine Summe zwischen 700.000 und einer Million Euro angestrebt. Demnach müsste die Bahn täglich im Schnitt etwa 500 bis 600 Euro erwirtschaften, um die Anschaffungs- und laufenden Kosten zu decken. „Das halten wir für realistisch“, sagt Dittrich, dessen Studierende gerade an den Details des Vorhabens feilen.

„Sicher, dass wir das stemmen können“

Die künftigen Tram-Betreiber aus Karlsruhe halten sich bislang bedeckt. Es liefen derzeit Gespräche mit der Stadt und der Wirtschaftsförderung, erklärt eine Koordinatorin des siebenköpfigen Teams. Solange diese nicht abgeschlossen seien und die Crowdfunding-Kampagne vorbereitet werde, möchte man noch nicht an die Öffentlichkeit gehen. „Wir sind aber sicher, dass wir das stemmen können“, sagte die Beteiligte.

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