Erotik-Branche leidet stark unter Zwangsschließung

Rastatt (for) – Schon seit Monaten müssen Bordelle coronabedingt geschlossen bleiben. Eine Rastatter Bordell-Betreiberin sorgt sich um die Zukunft der Sex-Branche und vor allem um die Prostituierten.

Viele Prostituierte – wie hier bei einer Demo in Köln – befürchten, dass Gegner der Branche die Krise dazu nutzen könnten, ein generelles Sexkaufverbot durchzuboxen. Foto: Marius Becker/dpa

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Viele Prostituierte – wie hier bei einer Demo in Köln – befürchten, dass Gegner der Branche die Krise dazu nutzen könnten, ein generelles Sexkaufverbot durchzuboxen. Foto: Marius Becker/dpa

Gerade einmal 18 Tage in neun Monaten: Das ist der Zeitraum, in dem die Betreiberin von „Agentur Marlene“ in Rastatt ihr Bordell seit dem ersten großen Lockdown im März geöffnet hatte. Dass bis zum Ende des Jahres noch ein paar Tage hinzukommen, daran glaubt Marlene nicht wirklich. „Mir fehlt mittlerweile der Hoffnungsschimmer“, sagt sie im BT-Gespräch. Das Sexgewerbe gehört zu den Branchen, die von der Corona-Pandemie am härtesten getroffen sind.

Freude zur Wiedereröffnung nicht von langer Dauer

Die Erleichterung war groß, als der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg das Betriebsverbot von Prostitution Anfang Oktober vorläufig aufgehoben hatte. Die Mannheimer Richter gaben damit einem Eilantrag einer Bordellbetreiberin aus Karlsruhe statt, die gegen das seit März anhaltende Arbeitsverbot geklagt hatte. „Allerdings war die Freude nicht von langer Dauer“, erinnert sich Marlene. Schon am 2. November mussten Bordelle in Baden-Württemberg aufgrund der verschärften Landes-Corona-Verordnung wieder schließen – trotz gut ausgearbeiteter Hygienekonzepte. „Dieses Verbot ist für unser Gewerbe ein hartes Brot, für die Sexarbeiterinnen ist es aber noch ein Stück härter als für die Betreiber“, meint Marlene. Sie erzählt von Frauen, die durch die Sexarbeit ihre Familie ernähren und nun in Existenznot geraten sind. Auch sie selbst hält sich seit Monaten nur durch ihre Ersparnisse über Wasser. „Die staatlichen Hilfsgelder reichen maximal dazu aus, um die Kosten zu decken, für meine Rente kann ich mir aber seit Monaten nichts mehr zurücklegen, das macht mir Sorgen“, schildert die Bordell-Betreiberin die Situation.

Vielen Sexarbeiterinnen fehlt Unterstützung

Uwe Ittner, Initiator der bundesweiten Kampagne „Red Light On“, kennt diese Probleme. „Die Soforthilfen, auf die Betreiber zurückgreifen können, sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Von den Sexarbeiterinnen bekämen ohnehin nur diejenigen staatliche Unterstützung, die in Deutschland leben und gemeldet sind. „Das trifft aber auf viele der Frauen nicht zu, weil sie ständig auf Durchreise sind und eben keinen festen Wohnsitz in Deutschland haben“, fügt er hinzu. „Es besteht nun mal auch keine Lobby für unsere Branche.“ Im Zuge dessen seien schon einige Bordelle coronabedingt insolvent geworden. „Gegner der Sexbranche befeuert das natürlich“, meint Ittner. Allgemein werde in der Erotik-Branche vermehrt die Befürchtung laut, einige Menschen wollten die Corona-Krise dazu nutzen, ein generelles Sexkaufverbot einzuführen. „Wir sehen das sehr kritisch“, betont Ittner. Zwar könne er einige Argumente der Sexkauf-Gegner nachvollziehen, „aber wenn man tiefer in die Materie eintaucht, wird deutlich, dass auch viele Argumente hinken.“

Sexkauf-Gegner fordern generelles Verbot von Prostitution

So werde in der Debatte um ein Sexkaufverbot häufig das Stichwort „Menschenhandel“ genannt. Viele Sexkauf-Gegner argumentieren, durch ein generelles Verbot von Prostitution würde auch das Problem des Menschenhandels weniger. Ittner sieht das ganz anders. Er war selbst 28 Jahre lang als Polizist tätig, bevor er sich in eine Prostituierte verliebt und gemeinsam mit ihr ein eigenes kleines Bordell in Dachau eröffnet hat. „Menschenhandel und Zwangsprostitution sind schrecklich, das wollen auch die meisten Bordell-Betreiber nicht und deshalb positionieren wir uns mit der Kampagne ganz klar gegen diese Taten“, betont er. „Aber verbietet man Prostitution per se, dann wird genau das passieren, was jetzt in der Corona-Krise schon passiert: Die Szene verlagert sich mehr und mehr in Dunkelfelder.“

Verlagerung in Dunkelfelder

Dadurch gehe die Transparenz verloren und sichere Arbeitsmöglichkeiten würden weggenommen. Die Leidtragenden seien die Sexarbeiterinnen, „die ihr Gewerbe natürlich weiter ausüben werden“, aber eben in der Illegalität und mit Blick auf Sicherheit und Hygienevorschriften unter wesentlich schlechteren Arbeitsbedingungen. „In der Illegalität bilden sich kriminelle Strukturen, die man nicht mehr überwachen kann“, merkt Ittner an. Diese Verlagerung in die Dunkelheit werde bereits jetzt während der Corona-Krise immer deutlicher. „Das Internet ist voll von Anzeigen, in denen Prostituierte ihre Dienste in den eigenen vier Wänden oder in Hotelzimmern anbieten“, so Ittner. Transparenz und Sicherheit: Fehlanzeige.

„Ich möchte einfach wieder arbeiten“

Um ein generelles Sexkaufverbot zu verhindern, hat er zu Beginn des ersten Lockdowns die Kampagne „Red Light On“ ins Leben gerufen. „Ich merke aber, dass viele Beteiligte inzwischen müde geworden sind, weiterzukämpfen. Trotz zahlreicher Demos bewegt sich seit Monaten nichts, viele stehen am Abgrund“, sagt er. „Es ist, als befände man sich in einem Labyrinth“, fügt Marlene hinzu. Das „Gefühl der Ohnmacht“ sei kaum zu beschreiben. „Ich möchte einfach wieder arbeiten“, fordert sie – und nicht von Überbrückungshilfen leben, für die letztlich der Steuerzahler aufkommen müsse.

Bereits im Juli hatte Marlene im BT-Gespräch gesagt: „Je länger das Verbot anhält, desto mehr verlagert sich die Sexarbeit in die Dunkelheit.“ Hier können Sie den Artikel lesen.


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