Erschwerte Bedingungen für europäisches Leitmotiv

Baden-Baden (kie) – Zum Auftakt im Festspielhaus wird das Chamber Orchestra of Europe mit Yannick Nézet-Séguin die Rückkehr auf die Bühne feiern. Doch es liegen schwere Zeiten hinter dem Orchester.

„Die ersten Proben waren einfach toll. Das Orchester hat nicht unter der Pause gelitten“, sagt Musiker Enno Senft im BT-Gespräch. Foto: Andrea Kremper

© Andrea Kemper

„Die ersten Proben waren einfach toll. Das Orchester hat nicht unter der Pause gelitten“, sagt Musiker Enno Senft im BT-Gespräch. Foto: Andrea Kremper

„Wir sind froh, dass wir überhaupt hier sind“, sagt Enno Senft, Stimmführer Kontrabass des Chamber Orchestra of Europe (COE) am Rande von Probenarbeiten für den Beethoven-Zyklus im Festspielhaus Baden-Baden gegenüber dem BT. Im Zentrum des Orchesters steht die europäische Idee. Doch noch nie in seiner 40-jährigen Geschichte hat das COE mit Verwaltungssitz in London solch massive Steine bei der Ausübung seines Leitmotivs in den Weg gelegt bekommen. Nun steht dem Klangkörper, dem rund 60 Musiker aus ganz Europa angehören, endlich die Rückkehr auf die Bühne bevor: Am Freitagabend feiert das COE gemeinsam mit Dirigent Yannick Nézet-Séguin im Festspielhaus mit dem ersten Teil des Beethoven-Zyklus die Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

Für jedes COE-Mitglied, von denen sich laut Senft schätzungsweise 80 Prozent am Beethoven-Projekt beteiligen, sei die Anreise unterschiedlich verlaufen: „Für die Leute aus Großbritannien war es am kompliziertesten. Alle aus der EU – die Glücklichen – können einfacher reisen“, so Senft, der in Großbritannien lebt. Er selbst habe sowohl im Vorfeld als auch im Nachgang der Reise nach Deutschland Quarantäneauflagen zu befolgen, die rund drei Wochen zusätzliche Zeit beanspruchten.

Europäisches Projekt mit Symbolcharakter

Europa in Zeiten von Corona: Im Fokus von Veranstaltern und Künstlern stehen weniger die Gemeinsamkeiten denn Differenzierungen: Unterschiedliche Einreiseregelungen und verschiedene Virusvarianten werden für die Beteiligten derzeit zur Geduldsprobe. „Aber genau deshalb ist ein europäisches Projekt vielleicht auch das größte Signal, das man derzeit senden kann“, gibt Julia Lonkwitz, Pressereferentin des Festspielhauses, zu bedenken.

Doch nicht allein Corona hat europäische Kooperationen für in Großbritannien lebende Musiker erschwert. Vielmehr habe der Brexit fatale Folgen für die Organisation von Tourneen ins Ausland gehabt, sagt Senft, etwa in Bezug auf den Transport von Instrumenten, der nun um ein Vielfaches verkompliziert worden sei. Abgesehen davon widerspreche der Ausstieg aus der EU der grundlegenden Überzeugung der Orchestermitglieder, die ausschließlich projektbezogen zusammenkommen: „Wir sind genau das Gegenteil von dem, was da vollzogen wurde. Wir haben sehr darunter zu leiden. Der Brexit macht dem COE das Leben viel schwerer“.

Und nun noch Corona: Seit Oktober haben sich die Mitglieder des COE nicht mehr gesehen und gemeinsam musiziert. „Unmusikalische Bedingungen“ nennt das der Kontrabassist. Doch nach den ersten Proben mit Nézet-Séguin im Festspielhaus habe sich die mangelnde Orchesterspielpraxis bislang nicht bemerkbar gemacht: „Die ersten Proben waren einfach toll. Das Orchester hat nicht unter der Pause gelitten: Wir klingen so, wie im letzten Oktober“, sagt der Musiker und zeigt sich sowohl begeistert als auch beruhigt.

Das sei eben das Besondere am COE: Der absolute Wille, Höchstleistungen abzurufen. Die Motivation sei Folge außergewöhnlicher Arbeitsbedingungen, die Leidenschaft ein verbindendes Element. Auch in normalen Zeiten müssten die Musiker „Opfer bringen“, um im COE zu spielen. Senft spricht von Konzertprojekten fernab der Heimat, von wochenlangen Zeitfenstern, die man sich frei halten müsse, um die entsprechenden Engagements wahrnehmen zu können.

„Dieser Einsatz muss sich musikalisch lohnen. Wer im COE mitmacht, will, dass es ein Erfolg wird. Und dieses Mal ist es ein Extremfall: Was wir alles machen mussten, um überhaupt hier zu sein. Da muss es sich erst recht lohnen“, beschreibt er die aktuelle Situation – und spannt einen Bogen zum Werk Beethovens, vor allem zum sinfonischen: Der Komponist sei angeeckt, sei Risiken eingegangen, um die Sinfonien zur Aufführung zu bringen; „eigentlich sehr modern, so wie das heute auch ist“, sagt Senft.

In den Beethoven-Sinfonien sei das zu hören: „Es ist ein ständiger Kampf“, fügt er an. Nézet-Séguin verstehe es vortrefflich, diese Extreme herauszuarbeiten, es seien eben „radikal konzipierte“ Werke: „Es ist keine Unterhaltungsmusik. Das Publikum wird aufgerüttelt werden“, verspricht er mit Blick auf die anstehenden Konzerte.

Beethoven als Begleiter des COE

30 Jahre ist es ziemlich genau auf den Tag her, dass das COE gemeinsam mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt alle Beethoven-Sinfonien aufgenommen hat und damit international Beachtung fand und zu gewissem Ruhm gelangte. Etwa ein Drittel der damaligen Besetzung ist in diesem Jahr im Festspielhaus dabei, unter ihnen auch Enno Senft. „Natürlich wird es jetzt anders werden als damals – und das ist ja auch gut so, wir sind ja auch in einer anderen Zeit“, so der Bassist. Doch alle neun Beethoven-Sinfonien als Wiedereinstieg nach der coronabedingten Spielpause sei eine „Herausforderung“ – nicht zuletzt konditionell. Eine Herausforderung, die aber auch „zusätzliche Kraft gibt“, sagt er – und fügt hinzu: „Dieses Projekt hätte nie stattgefunden, wenn nicht der Wille beim Festspielhaus und bei uns da gewesen wäre. Dann hätte man das schon gleich abgesagt, denn die Hürden waren immens. Und das Risiko, das wir und vor allem das Festspielhaus in finanzieller Sicht eingehen, ist sehr groß.“ Das COE fühle sich „im Zentrum von Europa“ beheimatet, sagt Senft.

Jetzt kommt das Orchester nach langer Pause also wieder nach Hause. Und mit ihm Europa zurück nach Baden-Baden.

Betont die Leidenschaft im Chamber Orchestra of Europe: Kontrabassist Enno Senft. Foto: Franziska Kiedaisch

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Betont die Leidenschaft im Chamber Orchestra of Europe: Kontrabassist Enno Senft. Foto: Franziska Kiedaisch

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
2. Juli 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 32sec

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