Erst Flüchtling, jetzt begehrter Lehramtsanwärter in Muggensturm

Muggensturm (sl) – An der Muggensturmer Albert-Schweitzer-Grundschule unterrichtet Mohamed Alkitaz Mathe und Sachkunde. Das Besondere: Er ist 2015 aus Syrien geflohen und konnte damals kein Deutsch.

Mohamed Alkitaz (Dritter von links) arbeitete in Syrien zehn Jahre in seinem Beruf. Seine Kollegin Valerie Meysenburg und Schulleiter Johannes Hermann schätzen seine Erfahrung. Und mit den Schülern kommt er auch gut klar. Foto: Sebastian Linkenheil

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Mohamed Alkitaz (Dritter von links) arbeitete in Syrien zehn Jahre in seinem Beruf. Seine Kollegin Valerie Meysenburg und Schulleiter Johannes Hermann schätzen seine Erfahrung. Und mit den Schülern kommt er auch gut klar. Foto: Sebastian Linkenheil

Dass seit der sogenannten Flüchtlingskrise Schüler aus Syrien und anderen Herkunftsländern in den Klassenzimmern sitzen, ist längst Normalität. Ein Novum ist es allerdings, wenn ein 2015 aus Syrien geflüchteter Lehrer vorne an der Tafel steht und Mathe oder Sachkunde unterrichtet, so wie es Mohamed Alkitaz an der Albert-Schweitzer-Grundschule in Muggensturm tut.

Novum in Baden-Württemberg

Ein Novum ist das übrigens nicht nur für Muggensturm oder den Landkreis Rastatt, sondern landesweit: „Herr Alkitaz ist der erste Lehramtsanwärter in Baden-Württemberg, der im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 nach Deutschland gekommen ist und ein verkürztes PH-Studium absolviert hat“, freut sich Schulleiter Johannes Hermann darüber, dass der 39-Jährige seine ebenfalls verkürzte Referendariatszeit an der Muggensturmer Grundschule verbringt. Das verkürzte Studium schaffte er sogar in zwei, statt in vier Semestern. Natürlich waren dafür jede Menge Biss, Ehrgeiz und Fleiß nötig. Tugenden, die der Schule nun auch zugutekommen. Und nicht nur das: Mohamed Alkitaz ist bereits erfahrener Lehrer, hat in Syrien ein Studium als Grundschullehrer abgeschlossen (daher auch das verkürzte Studium in Deutschland) und schon zehn Jahre in seinem Beruf gearbeitet.

In Deutschland angekommen, fand er sich allerdings zunächst selbst in der Rolle des Schülers wieder. Kein Wort verstand er, als er Mitte September 2015 erstmals deutschen Boden betrat. In seiner Heimat wird Arabisch gesprochen – und geschrieben. Ganz neu musste er das lateinische Alphabet zwar nicht lernen, denn Englisch hatte er in seinem Herkunftsland gelernt, berichtet er. Trotzdem gehört einiges dazu, sich in einer fremden Sprache zurechtzufinden, erst recht, wenn man es in relativ kurzer Zeit zu einem Hochschulabschluss bringen will. „Zwei, drei Tage nach meiner Ankunft habe ich den ersten Deutschkurs besucht“, berichtet Alkitaz davon, wie er sich gleich dahintergeklemmt und das Kursprogramm bis zum höchsten Niveau (C2) durchgezogen hat.

Migrationsbiografie als Vorteil

Das Studium für Grundschullehrer war in Syrien vor dem Bürgerkrieg sehr hochwertig, hat Schulleiter Hermann keine Zweifel an der Qualifikation seiner neuen Lehrkraft. Gleichwohl unterrichtet er wie alle Lehramtsanwärter in den Klassen zunächst gemeinsam mit einer Kollegin. Dass Alkitaz zudem die Männerquote an der Muggensturmer Grundschule erhöht, ist für Hermann ein weiterer Pluspunkt. Noch bedeutender dürften seine arabische Muttersprache und sein kultureller Hintergrund sein. Denn wie überall lernen in Muggensturm viele Kinder mit Migrationsbiografie, teils auch mit Fluchterfahrung. Klar, dass sich der Lehrer aus Syrien in ihre Lage besser einzufühlen vermag als jeder andere und schnell zur Vertrauensperson werden kann. Und auch bei einem etwas schwierigen Gespräch mit syrischen Eltern war er dem Schulleiter schon eine große Hilfe. Im Umgang mit den Kindern muss man ihm ohnehin nicht mehr viel beibringen, hat das Kollegium festgestellt. Und in seinem Fach Mathematik sowieso nicht. Als die Muggensturmer Lehrer neulich beim Impfen waren, durfte er eine Klasse vertretungsweise alleine betreuen. „Da hatte ich keinerlei Bedenken“, sagt sein Chef. Im Umgang mit Behörden flankieren ihn die Kollegen und die Schulsozialarbeiterin an der Albert-Schweitzer-Schule noch etwas.

Badisch nicht immer ganz leicht zu verstehen

Seinem grammatikalisch korrekten Deutsch möchte Alkitaz nun noch den letzten Schliff geben. Denn leider sprechen Kinder und Eltern, zumal im Badischen, nicht immer genau so, wie man es im Deutschkurs beigebracht bekommt. Das hat der Syrer schon festgestellt, als er den Versuch unternahm, zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr Anschluss zu finden. Denn Kontakt zu Einheimischen wäre natürlich der beste Sprachunterricht, weiß er und bedauert: „Leider ist das schwer für uns, gerade auch jetzt wegen Corona.“ Alltags- und Umgangssprache stehen deshalb im Lehrerseminar in Freudenstadt auf dem Stundenplan.

Wenn alles weiter gut geht, könnte in einigen Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft winken, und dann klappt es wohl sogar noch mit der Verbeamtung des vierfachen Vaters, der mit seiner Familie in Hügelsheim wohnt. Das wäre nicht nur in seinem Interesse, findet Hermann, sondern auch in dem des Landes und der Gesellschaft. Denn schließlich werden Grundschullehrer in Zukunft noch mehr Mangelware sein als jetzt schon.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
7. April 2021, 07:30 Uhr
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